Wasserburg Bodensee Kirche

Wasserburg am Bodensee: Grafenschloss und Fuggers Folterkammer

So sah die Halbinsel Wasserburg um 1900 aus. Bild: gemeinfrei / Bild oben: Burgerbe.de

Wasserburg. Was für ein vielversprechender Name für einen Ort am Nordufer des Bodensees.

Aber wo kommt die Bezeichnung her? Existiert hier eine mächtige Seefestung, deren Kanonen drohend Richtung Schweizer Ufer zielen?

Steht hier vielleicht ein trutziger Wehrturm, von dem aus Wasserburger Wachtposten verdächtige Bewegungen im nahen Lindau stets im Auge behielten? Gibt es eine knarrende Zugbrücke?

Äh. Nein. Stopp. Wasserburg ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Es beherbergt auch ein Schloss, das heute als Hotel dient. Aber wehrhaft sind hier bestenfalls die Möwen.



Das Ortsschild von Wasserburg am Bodensee / Foto: Wikipedia / ANKAWÜ / CC-BY-SA 3.0

Rückblick. 1100 Jahre zurück. In dieser Zeit nach dem Jahr 900 ist „Wazzarburuc“, wie die Einheimischen sagen, eine befestigte Insel nah am Ufer mit einem eigenen kleinen Hafen und einer dem Heiligen Georg geweihten Kirche. Wie die Verteidigungsstellungen ausgesehen haben, weiß man nicht genau. Vermutlich führt ein schmaler Holzsteg zum Festland, der sich im Kriegsvall schnell zerstören lässt.

Insel des Klosters St. Gallen

Die Insel im „schwäbischen Meer“ gehört dem reichen Kloster St. Gallen auf der gegenüberliegenden Seeseite, wo man beste Kontakte zum Kaiserhof pflegt.

Blick auf den Bodensee von Wasserburg aus / Foto: Burgerbe.de

Die Befestigung der Insel ist eine ziemlich gute Idee, wie sich in Frühlingstagen des Jahres 926 zeigt. Beutegierige Ungarische Reiterhorden stürmen am Bodenseeufer entlang. Die örtlichen Fürsten sind zerstritten und können die Magyaren nicht stoppen. Die Mönche unter Abt Engilbert sind vorgewarnt.

Sie haben ausreichend Zeit, ihre wertvollen Manuskripte und sich selbst in einer nahen Fliehburg im Sitterwald in Sicherheit zu bringen. Junge, Alte und Kranke kommen auf Anweisung des Abts auf die Insel Wasserburg.

Die Ungarn erobern am 1. Mai 926 ein fast leeres St. Gallener Kloster. Was sich auf der Insel Wasserburg abspielt, lässt sich anhand archäologischer Funde nur vermuten.

Angriff auf die Klosterinsel

Brandreste im Bereich der einstigen Vorburg deuten darauf hin, dass die Ungarn 926 oder in einem der Folgejahre einen Angriff auf die Klosterinsel wagen, der aber offenbar nicht erfolgreich war.

Die geflüchteten Mönche überleben und können ihre Schätze retten. Der Überlieferung nach sollen die Ungarn im Kloster St. Gallen lediglich die fromme Einsiedlerin Wiborada angetroffen und prompt umgebracht haben.

Sie wird 200 Jahre später vom Papst heilig gesprochen, als erste Frau überhaupt. Sie gilt heute als Schutzpatronin der Pfarr-Haushälterinnen und Bibliotheken.

Die Heilige Wiborada aus dem Codex Sangallensis von ca. 1430. Die Hellebarde rechts symbolisiert ihren Tod durch eine Axt. Bild: gemeinfrei

Die Mönche lassen ihre Bodensee-Insel von Adeligen verwalten, die mit der Zeit immer unabhängiger vom Kloster werden. 1280 kaufen die Herren von Schellenberg die kleine Herrschaft aus dem Mini-Eiland und einigen umliegenden Gemeinden. Das Gebietl bleibt aber weiter ein Lehen des Klosters. 500 Mark in Silber ließen sie sich ihren Neuerwerb kosten.

Die Schellenberger ziehen einen Turm und Mauern hoch und bauen die Insel zu einer noch stärkeren mittelalterlichen Festung aus. Betreten kann man sie vermutlich nur über einen Steg und möglicherweise eine Zugbrücke.

Das geht so lange gut, bis sie mit der Nachbarstadt Lindau in eine Fehde geraten. Doch Lindau gehört zum mächtigen schwäbischen Städtebund.

Dessen Soldaten brennen die Befestigungen im Juli 1358 kurzerhand nieder. Bei Grabungen stößt man noch gelegentlich auf die Ascheschicht der Brände.

Das Wappen der Grafen von Montfort ist heute auch das Wappen des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg / Bild: Wilipedia / Marco Zanoli (sidonius) / CC-BY-SA 2.5

Ab 1386 haben hier die Grafen von Montfort das Sagen. Die diversen Zweige der Familie mit dem prägnanten Wappen verfügen in Oberschwaben, der Ostschweiz und in Vorarlberg über ausgedehnte Territorien. Am Bodensee gehört ihnen auch die Grafschaft Bregenz.

In Wasserburg etabliert sich die Linie Montfort-Rothenfels-Wasserburg. Auf der Insel lässt Hugo XVI. von Montfort-Rothenfels in den Jahren 1537 bis 1555 ein repräsentatives Wasserschloss als dreiflügelige Anlage errichten. Bis zu drei Meter dicke Mauern der einstigen Burg werden in den Bau einbezogen.

Das geht ins Geld. Und mit den Finanzen haben es die Grafen von Montfort in den folgenden Jahrzehnten ohnehin nicht so. Speziell die Bauten in ihrer Residenzstadt Tettnang verschlingen Unsummen.

Insel-Besitzer Johann VI. von Montfort leiht sich einen Großteil seiner Barmittel in den 1580er Jahren bei der reichsten Familie des Reiches, den Fuggern. Die Insel Wasserburg verpfändet er als Sicherheit.

Die Beziehung zu den Bankiers ist familiär. Der Graf heiratet im Jahr 1587 Sibylla, die Tochter des mächtigen Jakob Fugger, Freiherr von Kirchberg und Weißenhorn.

Als Graf Montfort seine Schulden nicht zurückzahlen kann, schützt ihn die Familienbande auch nicht mehr. Jakob Fugger holt die Insel 1592 für 63.000 Gulden mitsamt Schloss ins Fuggersche Vermögen. Schlösser und Burgen kann die Familie Fugger reichlich ihr eigen nennen.

Am 26. August 1592 lässt sich der neue Inselherr „von seinen neuen Untertanen im Schlosshof der Inselfestung gebührend huldigen“, wie auf der Seite des Museums im Malhaus nachzulesen ist.

Die Folterkammer der Fugger

Jakob Fugger lässt 1596/97 erstmal ein Gerichtsgebäude auf alten Festungsmauern errichten: das bis heute erhaltene Malhaus. Mit einem Gerichtssaal und gleich fünf Zellen im Erdgeschoss. Für die kleine Herrschaft aus wenigen Bauerndörfern eine erstaunlich hohe Zahl.

Das Wasserburger Malhaus, heute Museum / Foto: Burgerbe.de

Ein bis heute erhaltener Deckenhaken aus Stahl lässt vermuten, dass der Fugger im Malhaus auch gleich eine Folterkammer einrichten ließ.

Seekrieg auf dem Bodensee

Der Dreißigjährige Krieg bringt schwedische Truppen bis zum Bodenseeraum. Wasserburg und die wenige Kilometer entfernte Reichsstadt Lindau bleiben kaiserlich-katholisch.

Der Seekrieg tobt 16 Jahre lang von 1632 bis 1648. Die Schweden bauen eigens mit der „Drottning Kristina“ ein 22-Kanonen-Kriegsschiff für den Einsatz auf dem Bodensee. Sie können aber auch damit keine Entscheidung erzwingen.

Im Januar und Februar 1647 versuchen die schwedischen Truppen Lindau einzunehmen. Ihre Kanonenboote beschießen die von etwa tausend Söldnern verteidigte Inselfestung. Bei einem Sieg wäre auch Wasserburg schwedisch-protestantisch geworden. Nach zwei Monaten geben die Schweden die Belagerung auf.

Nachbau einer Lädine. Diese Lastschiffe wurden beim Seekrieg auf dem Bodensee als Truppentransporter verwendet. Foto: gemeinfrei

In den Wiederaufbaujahren nach dem Westfälischen Frieden von 1648 sehen sich auch am Bodensee viele Menschen von Hexen und Magiern bedroht. Ob Prozesse, Folter und Hinrichtungen stattfinden, hängt nun sehr von der Obrigkeit ab.

Denn es muss nicht zwangsläufig zu Hexenverbrennungen kommen, wenn Anzeigen erstattet werden. Es konnte auch sein, dass ein Ankläger, der Hexerei witterte, ein Urteil wegen Verleumdung kassiert. So passiert es in Wasserburg noch 1649.

Auf der Insel und den zugehörigen Gemeinden liegt die Blutgerichtbarkeit beim jeweiligen Grafen Fugger. Der lässt sich durch einen Oberamtmann vertreten.

In den 1650er und 1660er Jahren weilt Graf Leopold Fugger meist in Innsbruck. Der Graf lässt seinen Oberamtmann Bartholomäus Heuchlinger walten. Und der entpuppt sich als passionierter Hexenjäger.

Die Wasserburger Hexenprozesse

Das bäuerlich gebrägte Wasserburg hat zu diesem Zeitpunkt nur wenige hundert Einwohner. Aus 26 von ihnen lässt Heuchlinger zwischen 1656 und 1664 Hexerei-Geständnisse herausfoltern. Das Geschworerengericht spricht in allen Fällen die Todesstrafe aus.

Der St. Gallener Scharfrichter Neher muss immer wieder zum Vollstrecken über den Bodensee setzen. Das Geschehen geht als „Wasserburger Hexenprozesse“ in die Geschichte ein.

Der Unterhalt der Zugbrücke, die jahrhundertelang der einzige Zugang zur Insel war, war schließlich selbst den Fuggern zu teuer. 1720 liassen sie einen Damm aufschütten. Wasserburg ist nun keine Insel mehr.

Das Schloss ist zu diesem Zeitpunkt bereits fast 200 Jahre alt. Im Februar 1750 brennt der Westflügel ab. Die Zeit der Fugger in Wasserburg endet 1755. Selbst gerade in Geldnöten, verkauft der Graf die Halbinsel an die Habsburger. Damit gehört Wasserburg ab jetzt zu Österreich. Die neuen Herren richten erstmal eine Poststation ein.

1781: Bauernkinder auf die Schulbank

Eine der für Wasserburg bedeutendsten Veränderungen dieser Jahre ist die 1781 auf kaiserlichen Erlass hin eingeführte Schulpflicht. Auf einmal müssen Klassenräume für 270 Kinder her. Da einstweilen keine Hexen mehr verhört werden müssen, steht das Malhaus zur Verfügung und wird zur Schule.

Vermutlich haben die Schulkinder fasziniert zugeschaut, als 1799/1800 auf dem Bodensee wieder ein Seekrieg tobt. Diesmal zwischen dem revolutionären Frankreich und Österreich.

Nach der Niederlage der Österreicher in der Schlacht bei Austerlitz wird 1805 im Frieden von Pressburg auch die Zuständigkeit für Wasserburg geregelt: Die vier Wasserbuger Gemeinden Bodolz, Mitten, Hege und Nonnenhorn kommen zum Königreich Bayern.

Das heruntergekommene Schloss ist seit 1812 in privaten Händen. In der nun folgenden langen Friedenszeit am Bodensee entwickelt sich eine Infrastruktur aus Eisenbahn und Dampfschiffen (ab 1872).

Schloss Wasserburg – heute ein Schlosshotel. Foto: Wikipedia / CC-BY-SA 3.0 / © Jörgens.mi

Heute ist Wasserburg ein schmuckes Örtchen mit vielen Ferienwohnungen. Das Malhaus ist seit 1979 ein Heimatmuseum. Und das Schloss beherbergt ein Hotel mit Restaurant. Einige Räume sind historisch eingerichtet. Eine der größten Suite heißt natürlich nach den Grafen Fugger.

Vielleicht wird in einigen hundert Jahren ja mal ein Zimmer nach einem Wasserburger Ehrenbürger benannt: Schließlich wurde hier 1927 der Schriftsteller Martin Walser geboren – als Sohn eines Gastwirts.

1993 stieß man bei Erdarbeiten auf Mauerreste: Teile der einstigen Befestigungen. Sie wurden saniert und erinnern heute an die wechselhafte Geschichte, die mit einer Wasserburg am Bodensee begann…

Luftbild von Wasserburg. Das Schloss liegt auf der linken Seite der Halbinsel. Foto: Wikipedia / CC-BY-SA 4.0 / Holger Uwe Schmitt

Hier ein paar Wasserburger Impressionen von „Freizeit TV“ via YouTube:

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Weiterlesen:

Eine kurze Wasserburger Chronik mit Bildern bietet der örtliche Tourismusverband.

Die Gemeinde Wasserburg bringt auf ihrer Homepage eine kleine Chronik

Mehr zur Archäologie in Wasserburg steht im Artikel „Vor 25 Jahren: Die Ausgrabung von Alt-Wasserburg“ von  Ortsheimatpfleger Fridolin Altweck, der auf der Seite des Museum im Malhaus zu finden ist.

Zum Geburtstag von Martin Walser gibt es ein WDR-Zeitzeichen



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