Monumentaler Augustuskopf im Schloss Hohentübingen – Fakten und Fiktion im Museum

Der Innenhof von Schloss Hohentübingen mit dem kolossalen Kopf von Kaiser Augustus von Bildhauer Michael Pfanner / Fotos: Burgerbe.de

Kaiser Augustus schaut mit großen Augen auf Tübingen. Also, genau genommen würde der Cäsar auf die Dächer der schmucken Altstadt blicken, wenn da nicht das Tor von Schloss Hohentübingen im Weg wäre.

Wenn man der Infotafel unter unter dem Augustuskopf glaubt, dann steht er exemplarisch für einen archäologischen Glücksfall und erzählt von Roms Bemühungen im okkupierten Neuland am Alpenrand imperiale Pracht zu entfalten.

Augustuskopf aus Marmor

Hintergrund: Im gekiesten Innenhof des Schlosses, schräg gegenüber vom Eingang des hochinteressanten Museum Alte Kulturen, steht im Sommer 2022 ein monunentaler Kopf des römischen Kaisers Augustus (63 v.Chr.-14 n.Chr) aus weißem Carrara-Marmor.

Die Maße des mehrere Tonnen schweren Trumms sind beeindruckend. Das schwergewichtige Haupt hätte den zu Lebzeiten wohl eher kleinwüchsigen Herrscher deutlich überragt. Ein zu dem Kopf passender Körper würde die stolze Höhe von 10,50 Metern erreichen.

Der Kopf einer kolossalen Statue von Kaiser Augustus ist in Tübingen zu sehen (Bildhauer: Michael Pfanner) / Fotos: Burgerbe.de

Kaiserkopf aus dem Allgäu?

Eine Infotafel erzählt die angebliche Geschichte des guten Stücks. Der Augustuskopf komme nicht aus Rom oder Florenz, sondern aus dem Allgäu, ist dort zu lesen. Seine Entdeckungsgeschichte habe mit einem Hochwasser 1994 begonnen.

Dabei habe ein Bach bei den idyllischen Örtchen Weiler und Oberreute auf 632 Meter Höhe zunächt eine überdimensionale Marmornase freigelegt. Mit Hilfe von Freiwilligen habe das monumentale Riechorgan mitsamt des daranhängenden Hauptes von etwa 1,90 Höhe in einem Stück geborgen werden können.

Es habe sich als der größte Augustuskopf entpuppt, der je gefunden worden sei. Und dann sei das Fragment auch noch bestens erhalten gewesen.

Ein paar Kilometer vom Fundort zeigen die Scheidegger Wasserfälle, welche Kraft Bäche im Allgäu haben können / Foto: Burgerbe.de

Was wusste Sueton?

Die Geschichte klingt nach einem archäologischen Krimi. Der römische Schriftsteller Sueton wird als Quelle zitiert. Dieser berichte, wie Kaiser Augustus bei einem spätsommerlichen Besuch im gerade eroberten Allgäu einen ihm gewidmeten Tempel besichtigt habe. Dabei habe der Cäsar versprochen, eine Kolossalstatue zu stiften, natürlich von sich selbst.

Alles scheint zusammen zu passen: Augustus und sein Cäsarenwahn, der Tempel und der Marmorkopf als in den Bach gerutschter Überrest der riesigen Statue. So waren sie eben, die römischen Kaiser…

Augustus ist täuschend echt

Dumm nur, dass die schöne Geschichte erfunden ist und geschickt mit dem Römerbild der Betrachter*innen spielt. Der Kopf stellt zwar, bis ins letzte Haar korrekt, den Kaiser Augustus dar. Doch er entstand erst in den 1990er Jahren.

Tatsächlich handelt es sich um eine Kunstinstallation, mit der der Archäologe, Bildhauer und Restaurator Dr. Michael Pfanner der Kunstwelt einen Streich spielen und die „Wissenschaftsgläubigkeit“ aufs Korn nehmen wollte. Das dürfte ihm gelungen sein.

Die Geschichte von Sueton und den römischen Tempel hat es ebensowenig gegeben, wie die Kolossalstatue bei Weiler.

Wie Desinformation funktioniert

Die Erkenntnis der Betrachter*innen, auf ein scheinbar echtes Exponat und eine sich wissenschaftlich gebende Tafel, die sich als geschickte Desinformation entpuppt, hereingefallen zu sein, soll gewohnte Wahrnehmungsmuster aufbrechen und „mit dem schmalen Grad zwischen Rekonstruktion und Täuschung spielen“, so ist auf der zweiten Tafel zu lesen.

Eine hochaktuelle Botschaft, die den Zusammenhang zwischen menschlichem Verstand und der Aufnahme von Desinformation thematisiert.

Mein Fazit: Ja, ich habe die Geschichte zuerst auch geglaubt. Für mich zeigt das: Eine erfundene Aussage, ist um so glaubwürdiger, je mehr sie vorhandene Denkmuster (Cäsaren waren eh größenwahnsinnig / Museen zeigen gerne Teile von Kolossalstatuen) bedient und gleich auch sichtbare „Beweise“ (hier bitte, ein Augustuskopf) vorlegt.

Ein bisschen Wahrheit und Plausibilität muss immer dabei sein. Dann kann man auch Menschen, die sich für kritische Beobachter*innen halten, effektiv hinters Licht führen. Im besten Fall klappt das so gut, dass Menschen, die einmal überzeugten sind, an dem als richtig erkannten Wissen weiter festhalten, auch wenn es durch Fakten widerlegt wird.

Trollfabriken und Impfgegner zeigen seit Jahren, wie so etwas geht.

Frontaler Blick auf die neuzeitliche Augustusstatue / Foto: Burgerbe.de

Geschaffen haben den Cäsarenkopf die Steinbildhauer Dr. Michael Pfanner und Hartmut Schmid sowie Steinmetzen der Firma Dr. Pfanner GmbH in Scheffau/Allgäu. Sie verwendeten dabei antike Techniken.

Vorlage ist der Kopf der sogenanten Augustusstatue von Primaporta, die heute in den Vatikanischen Museen steht. Die Allgäuer vergrößerten den Kopf maßstabsgetreu, um das monumentale Format zu erreichen.

Augustus von Prima Porta (20-17 v. Chr.), aus der Villa Livia / Foto: gemeinfrei
Kopf des Augustus von Prima Porta / Bild: gemeinfrei

Idealisiertes Kaiser-Bildnis

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass es sich bei dem Prima-Porta-Augustus um ein idealisiertes Porträt des Kaisers handelt. Es basierte auf einer Art Blaupause, die römische Bildhauer immer wieder kopierten. Kennzeichen des Typs sind zum Beispiel in die Stirn des Imperators hängende Locken und leicht abstehende Ohren.

Hätte es den Allgäu-Augustus gegeben, er hätte genau so aussehen können.

Dass Schlosbesucher*innen den Augustuskopf im Schlosshof nach dem Blick auf die erste Infotafel erstmal für ein antikes Original halten und entsprechend bewundern, ist durchaus bebsichtigt.

Erst, wer beide Tafeln liest, dem wird klar, dass hier kein gigantisches Römerrelikt steht, sondern ein modernes Werk.
Die Fundgeschichte und Suetons Bericht werden nur indirekt als Täuschung entlarvt. Das muss man sich schon denken.

Riesige Kaiser: Die Kolossalstatue Konstantins des Großen

Dass die Täuschung so gut klappt, hat auch damit zu tun, dass wir römische Kaiser gern mit ihren riesigen Statuen assoziieren,

Kolossalstatuen der Imperatoren waren schließlich immer auch ein Mittel der römischen Propaganda. Innen- wie außenpolitisch. Sie standen an Stellen von zentraler, symbolischer Bedeutung.

Besonders bekannt ist der Kopf der riesigen Statue von Kaiser Konstantin dem Großen aus der Zeit nach 315.

Kopf der Kolossalstatue Konstantins des Großen / Foto: Wikipedia / Jean-Pol GRANDMONT / CC-BY-SA 3.0

Der Konstantinskopf ist mit 2,5 bis drei Metern Höhe noch deutlich höher als der vermeintliche Allgäu-Augustus. Es zeigt einen entrückten, trotz seiner christlichen Taufe noch vergöttlichten Kaiser.

Gefunden wurde er im 15. Jahrhundert im Schutt der Ruine der Maxentius-Basilika am Rand des Forum Romanum. Die monumentale, 70 x 100 Meter umfassende Basilika war im Jahr 313 unter Konstantin fertiggestellt worden. In der bis zu 35 Meter hohen Haupthalle war reichlich Platz für gewaltige Kaiserbilder.

Eine originalgetreue Nachbildung aus Marmor war 2007 in Trier zu sehen.

Augustus als oberster Priester / Bild: Wikipedia/gemeinfrei

Dass die Römer eine Riesen-Statue im Allgäu hätten errichten können, ist gar nicht mal so aus der Luft gegriffen. Im Jahr 15 v.Chr. war der römische Feldherr Drusus über die Alpen vorgestoßen. Im gleichen Jahr führte Kaiser Augustus selbst Truppen im Raum des Oberrheins und des Bodensees.

Innerhalb weniger Jahre eroberten die Römer das Land zwischen Alpen und Donau und gründeten neue Provinzen wie Rätien. Aus früheren keltischen Siedlungen entstanden Städte wie Cambodunum mit Sitz des Statthalters (Kempten) und Brigantium (Bregenz).

Die neuen Provinzen brauchten natürlich Symbole der römischen Macht und Kultur wie Amphitheater, Aquädukte, Straßen und Tempel. Und auch Kaiserbilder.

Die Römer waren gut vier Jahrhunderte in der Gegend. Eine Augustusstatue hätte durchaus einen großen Teil dieser Zeit oberhalb von Weiler aufs Allgäu, pardon Raetien, herabschauen können.

Ein römischer Tempel hätte allerdings aucn bereits bei einem der Germaneneinfälle in den Jahren nach 230 n.Chr. zerstört werden können. Oder mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion nach dem Jahr 380 n.Chr.

Um 470 siedelten sich rund um Bregenz Alamannen an. Und diese hätten nun wirklich kein Interesse mehr an römischen Statuen.

Wie es zur Zeit von Augustus und seiner Nachfahren im römischen Allgäu ausgesehen hat, kann man sich übrigens im archäologischen Park Cambodunum in Kempten ansehen (Link zum Park).

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Weiterlesen:

Vor der Aufstellung auf Schloss Hohentübingen stand der Augustuskopf 2017 bereits vor der Münchner Glyptothek, als dort die Ausstellung „Charakterköpfe“ gezeigt wurde.

Darüber berichtet das Stein-Magazin unter dem Titel „Der geheimnissvolle Augustuskopf“ (Link zum Artikel)

Wer wissen möchte, was alles an der Geschichte nicht stimmt, erfährt hier mehr: „Römerkopf – Was ist alles gefälscht?

Im August 2021 verübten Unbekannte einen Farbanschlag auf den Augustuskopf.

In tagelanger Arbeit entfernte ein Restaurator die größten Schäden. Die Farbe konnte er allerdings nicht komplett zum Verschwinden bringen. Die Universität erstattete Anzeige gegen Unbekannt.

Russlands Krieg gegen die Ukraine: Gefahr für UNESCO-Welterbe

Die wiederaufgebaute Upenski-Kathedrale / Foto: Wikipedia / Деревягін Ігор / CC-BY-SA 3.0 / Foto oben: Kirchen des Kiewer Höhlenklosters / Foto: Falin / CC-BY-SA 3.0
Der russische Überfall auf die Ukraine richtet sich gegen ein Land mit sieben UNESCO-Welterbestätten. Die Zerstörung von Welterbestätten ist ein Kriegsverbrechen.

Befehlshabern, die Angriffe auf Welterbestätten anordnen, drohen Anklagen vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Bei einer Verurteilung sind Haftstrafen von bis zu 30 Jahren möglich.

Grundlage des Welterbestatus ist die UNESCO-Welterbekonvention von 1972 (Link zum Text). Dort heißt es in Artikel 6.3:
Jeder Vertragsstaat verpflichtet sich, alle vorsätzlichen Maßnahmen zu unterlassen, die das in den Artikeln 1 und 2 bezeichnete, im Hoheitsgebiet anderer Vertragsstaaten befindliche Kultur- und Naturerbe mittelbar oder unmittelbar schädigen könnten.
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Drei Musketiere auf Burg Kreuzenstein: Fechten für den Booster

Burg Kreuzenstein war mal wieder Drehort / Foto: Wikipedia / © Bwag/Commons / CC BY-SA 3.0 / Bild obeb: Screenshot Youtube
Die Zahl drei ist eine der wichtigsten. Aller guten Dinge sind bekanntlich III. Ohne die Drei gäbe es keine Trios, kein Triumvirat – und keine Spiele um die goldene Ananas.

Ohne „Der Dritte Mann“ würde im Nachkriegs-Wien etwas fehlen. Dreisamkeit? Dreiländereck? Drittstaaten? Alles nicht mehr da.

Und die Corona-Schutzimpfung ist mittlerweile auch erst nach dem dritten Pieks komplett.

Da ist es schon schlüssig, dass in einem Werbefilm fürs Impfen die Drei eine ganz große Rolle spielt. Wobei wir bei den drei Musketieren und einer fantastischen Burg in Niederösterreich wären. Drei Musketiere auf Burg Kreuzenstein: Fechten für den Booster weiterlesen

Multimillionär kauft Burg Hohneck (Heimburg) am Rhein: Was plant er?

Die Heimburg über Niederheimbach ist verkauft / Foto: gemeinfrei / Foto oben: Wikipedia / Alexander Hoernigk / CC-BY-SA 4.0
Was könnte die Sammlung eines vielfachen Millionärs krönen, der schon alles hat und sich alles leisten kann? Wie wäre es mit einer mittelalterlichen Burg am Rhein. Und zwar da, wo der Lauf des Flusses am malerischsten sein soll.

Das dachte sich wohl auch der israelische Multimillionär Alexander Dragilev. Der Unternehmer mit ukrainischen Wurzeln hat sich jetzt Burg Hohneck in Niederheimbach gekauft – mitten im UNECO-Welterbe Oberes Mittelrheintal. Die Burg wird auch Heimburg genannt, nicht zu verwechseln mit der Burg Heimburg im Harz.

Das berichtet die Allgemeine Zeitung in ihrem kostenpflichtigen Teil. Multimillionär kauft Burg Hohneck (Heimburg) am Rhein: Was plant er? weiterlesen

Ein Tag auf Burg Münzenberg 1218: Ein Kastellan will nach oben

Die Türme von Burg Münzenberg heute / Foto: Burgerbe.de / Bild oben: Screenshot von der ZDF-Seite

Der 1. Oktober 1218 hat es für den jungen Burgverwalter Eberhard von Münzenberg in sich. Vor dem Burgtor der gleichnamigen Veste steht der geldgierige Feind, dessen Schergen gerade Münzenberger Bauern höfe plündern.

Auf der Baustelle des neuen Burgturms, wo es jederzeit Schwerverletzte geben kann, möchte der Architekt mehr Geld. Und am Abend wird auch noch eine potentielle Braut für Eberhard mit Anhang aber ohne Mitgift zum Festmahl erwartet.

Eberhard ist zwar adelig, hat nach Jahren als Knappe auch den Ritterschlag hinter sich gebracht und managt als Kastellan das Unternehmen „Burg Münzenberg“ mit dutzenden Hilfskräften und einer kleinen Truppe plus Bürgermiliz.

Aber der Anfang 20-Jährige trägt aus Sicht der mittelalterlichen Zeitgenossen einen Makel: Seine Geburt war unehelich.
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