Der eingemauerte Ritter von der Heidelberger Tiefburg

Ein solcher Harnisch (dieser gehörte Götz von Berlichingen) wurde eingemauert mitsamt Insassen in der Tiefburg gefunden / Foto gemeinfrei / Foto oben: Wikipedia / Rudolf Stricker / Lizenz: Attribution
Gruselige Funde sind auf Burgen nicht gerade selten. Eine der mysteriösesten Entdeckungen machte der Burgherr der Ruine der Tiefburg in Heidelberg im Jahr 1770.

Er stieß im Untergeschoss der Hauskapelle auf ein eingemauertes Skelett, das in einer lädierten Rüstung steckte. Die Hände des mutmaßlichen Ritters waren gefesselt.

Der Fundort war eine Art vermauerter Kaminschacht neben einer alten Wendeltreppe. Der damalige Burgherr soll beim Klopfen an die Wand einen Hohlraum erkannt und diesen geöffnet haben. Als man die Steine herausholte, brach die aufrecht an der Wand lehnende Rüstung mitsamt Skelett zusammen.




Das Skelett gehörte einem zu Lebzeiten etwa 1,50 Meter großen Menschen. Der Harnisch stammte aus dem 15. Jahrhundert, war zum Zeitpunkt des Fundes also etwa 300 Jahre alt.

Natürlich rangten sich um den Fund gleich allerlei Sagen. Zumal 1830 auf der nahen Burg Hirschhorn ein eingemauertes, anhand des Restes eines Schuh als weiblich identifiziertes Sklett fand. Vielleicht hatten die beiden ja eine illegitime Liebesbeziehung und wurden daher lebendig begraben, wurde gemutmaßt…

Rückseite der Tiefburg / Foto: Wikipeida / Shiro / CC-BY-:SA 4.0
Die Entdeckung der eingemauerten Rüstung auf der Tiefburg hat es wohl tatsächlich gegeben. Der damalige Burgherr von Helmstatt schenkte den Harnisch seinem Freund, dem Kurpfälzischen General von Rothenhausen. Was mit dem Skelett passierte, ist unbekannt.

Der General vermachte die sagenhafte Rüstung seinem Chef, dem stark an Kunst und Kuriositäten interessierten Kurfürsten Carl Theodor. Der Kurfürst ließ den sagehaften Harnisch in seiner Düsseldorfer Gemäldekalerie aufbewahren, wo er eine der bedeutendsten Kunstsammlungend es Barock unterhielt.

1806 kamen die Düsseldorfer Bestände in die Alte Pinakothek nach München. Letzter bekannter Standort der eingemauerten Rüstung aus der Tiefburg war das Deutsche Museum in München. Dort verschwanden sie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs.

Doch wer kann in der Rüstung gesteckt haben? Die Tiefburg entstand spätestens im 13. Jahrhundert als Wasserburg. Hier saßen die Herren von Handschuhsheim, Gefolgsleute (Ministerialen) der Pfalzgrafen bei Rhein.

Luftbild der Tiefburg / Foto: Wikipedia / Kickuth / CC-BY-SA 4.0

Die Handschuhsheimer bekleideten allerlei Ämter, die es in der Pfalzgrafschaft und am Grafenhof zu vergeben gab. Sie sind verzeichnet als Hofmeister und Stadtschultheißen. Ihre letzte Ruhe fanden sie in der nahen Kirche.

Dass einer von ihnen dort kein Grab gefunden und statt dessen in der Burg ruhen sollte, hat sich nicht überliefert.

In der Familie kann man auch niemanden mehr nach alten Legenden fragen: Der letzte männliche Erbe, Hans von Handschuhsheim, starb am letzten Tag des Jahres 1600 erst 15-jährig bei einem Duell mit einem Vetter. Der Vetter, fluchbeladen durch die Mutter des getöteten Hans, starb 1632 ohne Erben.

1624, mitten im Dreißigjährigen Krieg, übernahmen die Herren von Helmstatt die Burg. In der Spätphase des Krieges, 1642, wird die Burg in Brand gesteckt. Wenige Jahre später, während des pfälziscen Erbfolgegkriegs, wird sie vollständig zur Ruine.

Tiefburg-Besitzer Raban von Helmstatt ließ die Kernburg bis 1913 sanieren / Bild: gemeinfrei
Mehr als 200 Jahre rottete die Ruine der Kernburg dann im Besitz der von Helmstatts vor sich hin. Nebengebäude wurden wieder aufgebaut.

Erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg, 1911 bis 1913. ließ Burgherr Raban von Helmstatt die übriggebliebenen Mauern der Kernburg umfassend sanieren und ein Gebäude wieder bewohnbar machen. 1921 zog eine Jugendherberge eon.

Rabans Sohn Bleickard von Helmstatt verkaufte den Komplex schließlich im Jahr 1950 an die Stadt Heidelberg. 1951 endete die Zeit der Jugendherberge.

Heute ist die Burg an den Stadtteilverein Handschuhsheim verpachtet. Dieser bietet außerhalb von Corona-Zeiten auch Führungen an.

In der zum Teil erneut zugemauerten Nische unter der einstigen Kapelle steht nun seit 1977 wieder eine Rüstung. Diese Veranschaulichung ihrer Geschichte ließen sich die Handschuhsheimer nicht nehmen. Nur leider ist es wie gesagt nicht mehr der historische Harnisch.

Aber was steckt nun hinter dem Fund? War es eine Beerdigung unter der Kapelle (warum dann aufrecht und warum die Handfesseln)?

War es eine Hinrichtung oder das Ergebnis eines schaurigen Rituals? Das Rätsel des „Ritterskeletts“ (falls kein makabrer Scherz eines früheren Burgherrn dahintersteckt) bleibt weiter ungelöst…

Ich vermute ja, dass das Ganze eine vielleicht witzig gemeinte Aktion des Burgherrn war, der gerade eine alte Rüstung übrig hatte und seinen Kumpel, den General, mit Hilfe eines Skeletts foppen wollte.

Als der General die Rüstung dann allen Ernstes dem Kurfürsten schenkte, konnte man die Geschichte schlecht als Spielerei enttarnen. Also nahmen die Beteiligten ihr Geheimnis (vielleicht grinsend) mit ins Grab. Aber das ist natürlich nur eine mögliche Erlärung 😉

Gruselige Funde auf Burgen

Der Fund des eingemauerten Ritters von der Tiefburg reiht sich ein in eine Vielzahl ähnlich gruseliger, beziehungsweise rätselhafter Funde. Immer wieder stößt man bei Bauarbeiten in Burgen auf alte Gräber, vertrocknete Körperteile oder eingemauerte Tiere oder absichtsvoll versteckte Gegenstände.

Bekannt sind zum Beispiel:
– die schwarze Hand von Schloss Hohenlimburg, wohl ein altes Gerichtszeichen
– die Mumien von Schloss Sommersdorf
– der eingemauerte Hund von Schloss Burgk
– die versteckten Schuhe von Schloss Glatt



Ein paar Videobilder vom Handschuhsheimer Bauernmarkt mit der Ruine der Tiefburg im Hintergrund:

Weiterlesen:

Simone Jakob schrieb 2005 im Mannheimer Morgen über den eingemauerten Ritter von Handschuhsheim (Artikel ist hier in Kopie)

Mehr Infos auf der Seite des Stadtteilvereins www.tiefburg.de

Weitere Fotos der Tiefburg und die Zusammenhänge zum Nachlesen auf Isabellas Blog



2 Gedanken zu „Der eingemauerte Ritter von der Heidelberger Tiefburg“

  1. Eine mögliche Lösung des Falles beschreibt A. Schmitthenner in seinem Ritterroman „Das deutsche Herz“ . Ich fand das Buch als Kind im Bücherschrank der Großeltern und fand es toll. Besuche der Burg Hirschhorn und der Tiefburg waren mit dem, was da erzählt wird besonders spannend.

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