Schloss Reinhardsbrunn enteignet

Schloss Reinhardsbrunn: Thüringen enteignet russische Besitzer

Die Kapelle von Schloss Reinhardsbrunn / Foto: Wikipedia / Michael Sander / CC-BY-SA 3.0
Die Kapelle von Schloss Reinhardsbrunn / Foto (und auch Foto oben): Wikipedia / Michael Sander / CC-BY-SA 3.0

Schloss Reinhardsbrunn ist enteignet. Die Thüringer Landesregierung hat den lange vorbereiteten Schritt zur Übernahme des verfallenden Denkmals in Staatsbesitz nun vollzogen, das Landesverwaltungsamt hat ihn in einem 37-seitigen Schreiben bestätigt.

Die Immobilie bei Friedrichsroda (Landkreis Gotha) gehörte bislang einer Firma im Besitz einer russischen Familie, die kein Interesse an der Immobilie mehr zeigte – Die Anlage steht im Ruf das „Frustschloss der Denkmalpfeger“ zu sein.

Die Enteignung von Burgen/Schlössern ist ein höchst ungewöhnlicher Schritt – zum einen wegen der rechtlichen Hürden, zum anderen wegen der unseligen deutschen Geschichte, in der totalitäre Regierungen immer wieder Privatbesitz aus „Staatsinteresse“ an sich gerissen haben.

Die Übernahme von Schloss Reinhardsbrunn ist in der Bundesrepublik der erste Fall nach dem Denkmalschutzgesetz. Sie gelang auch nur wegen der herausragenden historischen Bedeutung der Anlage für den Freistaat Thüringen. Eine Blaupause für die reihenweise Enteignung von verfallenden Schlössern dürfte er kaum sein.

Schloss Reinhardsbrunn um 1890
Schloss Reinhardsbrunn um 1890 – damals noch im Besitz des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha / Foto: gemeinfrei

Die Thüringer Denkmalbehörden werfen dem Eigentümer vor, die historische Schlossanlage seit Jahren verkommen zu lassen. Nun sollen erste Sicherungsarbeiten für 1,5 Millionen Euro starten. Der Sanierungsaufwand für den nachhaltigen Erhalt des Schlosses und des Parks wird auf bis zu 40 Millionen Euro geschätzt.

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) meldete sich in einer Pressemitteilung zu Wort: „Für Reinhardsbrunn ist die Zeit des Verfalls sowie der Notsicherungsmaßnahmen durch die Denkmalbehörden nun vorbei.“

Reinhardsbrunn dürfe mit Fug und Recht als Keimzelle Thüringens genannt werden, so Ramelow. „Die Geschichte dieses kulturhistorisch einzigartigen Ortes kann nun endlich neu und zukunftssicher geschrieben werden.“

Die Landesregierung hatte zuvor den Kauf des Schlosses für einen Euro abgelehnt. Das klingt zwar nach einem Schnäppchen, dann hätte Thüringen aber auch von den Vorbesitzern aufgehäuft ca. zehn Millionen Euro Altschulden mit übernehmen müssen. Es wäre ein schlechter Deal für den Steuerzahler geworden.

Schloss Reinhardsbrunn im Schnee
Schloss Reinhardsbrunn im Winter 2008 / Foto: Wikipedia / Schatti2408 / CC-BY-SA 3.0

Zur Geschichte:
Schloss Reinhardsbrunn steht an der Stelle eines bedeutenden mittelalterlichen Benediktinerklosters. Dieses hatte der Thüringer Grafen Ludwig der Springer 1085 in der Nähe seiner Schauenburg gegründet. 1092 gewährte der Papst seinen Schutz.

Das Kloster wurde bald das Hauskloster und jahrhundertelang die Grabstätte vieler Landgrafen von Thüringen. 1525 zerstörten aufständische Bauern die Anlage. Der Wiederaufbau konnte in Sachen Bedeutung nicht mehr an alte Zeiten anknüpfen.

1827 ließ Herzog Ernst I. das heutige Schloss Reinhardsbrunn errichten. Um das Schloss herum entstand ein Landschaftspark, wo sich die spätere Queen Victoria und ihr künftiger deutscher Gemahl Albert mehrfach über den Weg liefen. 1945 enteignete die sowjetische Besatzungsmacht die adeligen Besitzer.

Nach der Wende kauften zwei Hotelgruppen das Schloss von der Treuhand, um es in ein Luxushotel zu verwandeln. Die Idee scheiterte. Ein Hotel im Kavaliershaus im Schlosspark schloss im Oktober 2001 seine Pforten.

Dann wechselten sich englische, ukrainische und russische Käufer in munterer Folge ab – doch immer wurde das Schloss in erster Linie als Spekulationsobjekt gesehen. 2006 erwarb eine thüringische Firma die Anlage für den eher symbolischen Preis von 25.000 Euro – und übernahm gleichzeitig Schulden in Höhe von 200.000 Euro. Eine eigenartige Transaktion.

2011 ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Geldwäsche in Millionenhöhe bei den diversen Verkäufen, stellte das Verfahren allerdings ein, auch weil Russland auf Rechtshilfeersuchen nicht reagierte.

Bilder aus dem Inneren von Schloss Reinhardsbrunn:

Weiterlesen:
Der MDR Thüringen berichtete: „Schloss Reinhardsbrunn wurde enteignet
Kai Mudra schreibt in der Thüringer Allgemeinen: „Schloss Reinhardsbrunn ist enteignet
Gerlinde Sommer beleuchtet den Vorgang in der Thüringischen Landeszeitung: „„Jetzt müssen die Sicherungsarbeiten beginnen“



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