Schloss Wildenfels: Geheimgänge und die Geschichte vom Bernsteinzimmer

Das kommt davon, wenn man die "Bild"-Zeitung zum Schlossrundgang einlädt / Foto: Screenshot
Das kommt davon, wenn man die „Bild“-Zeitung zum Schlossrundgang einlädt / Foto: Screenshot

Wenn man als Burgherr mehr Touristen und Spenden braucht, lanciert man am besten eine reißerische Geschichte in die Lokalzeitung (und hofft, dass bundesweite Boulevardmedien drauf anspringen). Am besten lädt man die örtliche „Bild“-Zeitung ein, die bläst das Thema sicher noch ein bisschen auf und biegt sich die Fakten schon hübsch passen zurecht.

Nie schaden kann die Erwähnung von „Geheimgängen“ und mysteriösen Schätzen. Gern genommen werden: der Heilige Gral, Nazigold, Nibelungenschatz, Bernsteinzimmer, teures Zaren-Amusement aus dem Hause Fabergé, geschmuggelte Blutdiamanten und alles mit Hitler, Eva und Blondi.

Auf Schloss Wildenfels bei Zwickau hat der Freundeskreis-Vorsitzende diese „Wie komme ich in die ,Bild‘-Zeitung“-Regeln vorbildlich befolgt.



Beim Rundgang mit einem Reporter des Springerblatts durchs 1200 als Burg entstandene Schloss sprach er an: „Geheimgänge“ (also die Treppe, über die der Dienstbote hochschlappte, um dem Grafen sein Frühstück zu bringen) und – taraaa – das Bernsteinzimmer. Denn: „Die Kellergewölbe des unsanierten Nordflügels bergen Geheimnisse. Zwei Gänge enden an Mauern. Weiß: ,Hier unten sind noch viele Fragen offen'“.

Gänge enden an Mauern? Dann kann ja nur das von den Nazis geraubte „Gold der Ostsee“ aus dem Zarenschloss Zarskoje Selo dahinterstecken.

Schloss Wildenfels / Foto: Wikipedia /  Caulobacter subvibrioides / CC BY 3.0 DE
Schloss Wildenfels / Foto: Wikipedia / Caulobacter subvibrioides / CC BY 3.0 DE

Weil, und jetzt kommt das schlagende Argument für die „Bild“-Leserschaft: Der 1942 für den Abtransport der Bernsteinzimmer-Kisten nach Königsberg verantwortliche Direktor des Frankfurter Kunsthandwerksmuseum, Graf Dr. Ernst-Otto zu Solms-Laubach, kein anderer als ein Verwandter des damaligen Schlossherrn Graf Friedrich Magnus V. zu Solms-Wildenfels war. Und der wiederum sei „Kunstkenner und Freimaurer – und ein Feind der Nazis“ gewesen.

Na, fällt der Groschen? Verwandte Grafen. Einer sogar ein echter Doktor. Wenn das kein Beweis ist!

Dann kann der Schatz ja nur direkt hinter der Mauer liegen. Oder Evas Hochzeitskleid. Oder zumindest Blondis Dosenfuttervorräte.

Mal im Ernst: Ein solcher Flirt mit dem Boulevard ist in der Regel kontraproduktiv. Nichts gegen die journalistische Qualität des Reporters: Kurz und knackig formuliert, findet so etwas immer seine Leser. Eine Kunst, so zu schreiben.

Die Bernstein-Spökenkiekereien ziehen aber bestenfalls illegal agierende Schatzsucher an (die Bewohner der 14 Wohnungen im Schloss werden sich bedanken) und lenken von den tatsächlichen Problemen wie der weiter nötigen Sanierung eines großartige Schlosses ab.

Dass das Schloss als Sitz „imperialistischer Junker“ 1945/46 nicht wie geplant von den Sowjets gesprengt wurde, liegt übrigens am Uranbergbau im Erzgebirge. Man brauchte dringend Unterkünfte für die Bergleute, die den strahlenden Grundstoff für Stalins Atombomben aus den Stollen holen sollten. Und der damalige Wildenfelser Bürgermeisters Otto Beier kam auf die Idee, einige dutzend Arbeiter im Schloss einzuquartieren, das er so rettete. Solchen Leuten sollte man mal ein publizistisches Denkmal setzen.

Hier geht’s zur Geschichte der Bild Chemnitz: „Bernsteinzimmer im Keller versteckt?

Link zu einer empfehlenswerten Homepage zum Schloss und der offiziellen Schloss-Wildenfels-Homepage.

Mehr zu Geheimgängen auf Burgen hier im Blog: „Geheimgang auf Burg Dilsberg? Ein Ami lässt graben

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