Vor dem Louvre: Katharina von Medici

Die schwarze Witwe vor dem Louvre: Der Tag nach der Bartholomäusnacht

Das Gemälde zur Bartholomäusnacht von 1880. Karl IX. und die schwangere Königin. Bild: gemeinfrei

Paris am Morgen des 24. August 1572. Mehrere tausend Menschen sind in den vergangenen Stunde umgebracht worden. Frankreichs Königinmutter Katharina von Medici tritt mit dem jungen König und dem Hofstaat aus dem stark befestigten Palais du Louvre, der alten Burg der französischen Könige an der Seine.

Die schwarz gekleidete Monarchin ist die dominierende Figur des Bildes. Sie schaut auf die Toten, die in ihrem Blut auf dem Pflaster vor der trutzigen Mauern der Residenz liegen. Der Blick der klein gewachsenen Frau ist distanziert, abschätzig.

Was ist die Geschichte hinter dieser Szene und diesem Bild?

Die Pariser Bluthochzeit

Opfer der Bartholomäusnacht auf dem Gemälde.

Die blutige Nacht im Sommer vor gut 350 Jahren hat heute ebenso ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Franzosen wie das Revolutionsjahr 1789 und das Ende der Herrschaft Napoleons nach der Niederlage bei Waterloo 1815.

„Im Namen des Königs“, wie es damals hieß, brachten Söldner des Anführers der katholischen Partei bei Hof, des Herzogs von Guise, die Anführer der protestantischen Seite und ihre Gefolgsleute um. In Paris sollen 3000 und in ganz Frankreich weitere 10.000 Menschen gestorben sein.

Für die damaligen Hugenotten wirkte der Schock der Bartholomäusnacht über Jahrzehnte nach. Viele in der katholischen Mehrheit fühlten sich wohl als Sieger. Papst Gregor XIII. lud zur Feier und ließ eine Gedenkmünze prägen.

Maler des detailreichen Historiengemäldes war Édouard Debat-Ponsan. Die Szene entstand im Jahr 1880. Frankreich war nach der Niederlage gegen Preußen und die deutschen Staaten 1870/71 wenige Jahre zuvor erst wieder zur Republik geworden. Der Maler war überzeugter Republikaner.

Die Königinmutter als schwarze Witwe

Königin Katharina von Medici
Die schwarze Königin…

Aber zunächst mal ein genauerer Blick auf das Bild: Im Goldenen Schnitt steht, bis auf den weißen Kragen ganz in Schwarz, Katharina von Medici, zu diesem Zeitpunkt 53 Jahre alt. Das Schwarz weist sie als Witwe aus. Der Tod ihres Gatten König Heinrich II. durch einen Turnierunfall liegt bereits 13 Jahre zurück.

Seitdem ist die Maria als Königinmutter immer wieder selbst Regentin. Aktueller König ist ihr zweiter Sohn Karl IX., gerade 21 Jahre alt (Spoiler: Er wird nicht alt werden).

Die Aussage des Bildes weist sie als die Hauptperson aus – und im Auge des Betrachters damit als die Hauptverantwortliche für das Morden. Ihre Mimik ist interessant. Sie wirkt in erster Linie distanziert – auf Abstand zum Volk und den Folgen des Mordbefehls. Weder schlechtes Gewissen noch Triumph sind ihr anzusehen.

Ihr Gesichtsausdruck scheint mir eher darauf hin zu deuten, dass die Monarchin kein Blut und keine Leichen vor der eigenen Haustür möchte und gleich Anweisung geben wird, hier aber schnell aufzuräumen und durchzuwischen.

Was für ein Kontrast zu den noblen Figuren im Hintergrund. Der junge Mann mit dem schicken Federhut ist wohl König Karl IX. Wenn das so ist, wäre links neben ihm wohl seine seit zwei Jahren angetraute Ehefrau Elisabeth von Österreich, gerade im siebten Monat schwanger: Blass und sichtlich unwohl hängt sie am Arm des jungen Königs und schaut lieber in den Burggraben als auf die Toten.

Begleitet werden die gekrönten Häupter von Gardisten mit Hellebarden, der traditionellen Wache des Königs. Ähnliche Uniformen gibt es heute nur noch bei der Schweizergarde im Vatikan.

Der Mann mit dem blutigen Schwert

Wer ist der gut gekleidete Herr mit dem Schwert?

Eine auffallende Figur ist der Bewaffnete rechts im Bild. Ehrerbietig zieht er den schwarzen Hut mit dem aufgestickten Kreuz vor der Königinmutter, beugt den Kopf und senkt das noch blutige Schwert. Tiefschwarze Haare, kantiges Gesicht und Schnurrbart zeichnen ihn aus.

Diese ganze Aufmachung und das Gesicht: Könnte das ein Spanier sein? Bis heute halten sich Gerüchte, dass die Guise mit den katholischen Spaniern gegen die Hugenotten paktierten.

Hier im Bild wäre der Beweis für die internationale Verschwörung gegen Frankreichs Protestanten. Also es könnte beim Betrachter zumindest die Assoziation aufkommen.

Historisch betrachtet, ist das Bild eine Legende mit ein paar unbewiesenen Anspielungen. Katharina von Medici hatte durchaus ein Faible für Rache. Doch so böse und letztlich blutrünstig, wie Katharina von Medici hier dem Betrachter erscheint, war sie wohl nicht. Jahrelang versuchte die zunächst poltisch unerfahrene Königinwitwe den Frieden zwischen Katholiken und Protestanten zu erhalten, vor und auch nach der Bartholomäusnacht.

Katharina von Medici um 1560 / gemeinfrei

Es war die Königin, die sich bemühte, den Blutdurst der Guise im Zaum zu halten und den Hugenotten zumindest einige Freiheiten zu lassen. Sie wusste, wie desaströs Religionskriege sein können.

Die Hochzeit zwischen dem Protestanten Heinrich von Navarra und der katholischen Margarete von Valois, zu der die protestantischen Anführer nach Paris strömten, war als Versöhnung beider Seiten gedacht.

Bräutigam Heinrich überlebte das Gemetzel. Er trat unter dem Druck der Bartholomäusnacht zum Katholizismus über und blieb monatelang in Gefangenschaft. Heinrich wurde später als Heinrich IV. einer der bedeutendsten Könige in Frankreichs Geschichte. Mit dem Edikt von Nantes gewährte er den Protestanten 1598 religiöse Toleranz und die vollen Bürgerrechte.

Über den Auslöser für die Mordnacht wurde lange gestritten. Heute favorisiert die Forschung die Theorie einer spontanen Entscheidung der Berater des Königs. Hintergrund ist ein fehlgeschlagenes Attentat auf den protestantischen Anführer Admiral Gaspard de Coligny in Paris während der Hochzeitsfeierlichkeiten am 22. August. Die Spuren führten zu den Guise.

Drohte Vergeltung durch die Hugenotten?

Einige Hugenotten werden mit deutlichen Worten auf die Nachricht von dem Anschlag regiert haben. Für die katholische Seite mit den Guise an der Spitze waren die herumschwirrenden Gerüchte ein gefundenes Fressen. Konnten sie doch als „Belege“ herhalten für einen kurz bevorstehenden Vergeltungsschlag der Protestanten mit dem Ziel, den König in ihre Gewalt zu bringen.

Admiral Coligny hatte in den vergangenen Monaten das Vertrauen des Königs gewonnen. Er wetteiferte mit der katholischen Sete um Einfluss auf den jungen Monarchen.

Wer den König schließlich innerhalb eines Tages nach dem Attentat überzeugte, einem bevorstehenden Angriff der Hugenotten „zuvorkommen“ zu müssen, ist letztlich nicht klar.

Ob Katharina bei der Entscheidung eine treibende Kraft war, eher abriet – ob sie neben den mächtigen Guise überhaupt eine Rolle spielte -, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Aber eine schwarzgekleidete ältere Frau ohne Ehemann, noch dazu eine aus der berüchtigen Medici-Sippschaft, inmitten einer blutigen Mordnacht-Intrige: Das war natürlich ein wunderbares Motiv für den politischen Kampf.

Gab es Vorbilder für das Gemälde?

Die Bartholomäusnacht in einem Gemälde von 1584 des hugenottischen Malers François Dubois / Bild: gemeinfrei

Die Bartholomäusnacht wurde im Lauf der Jahrhunderte natürlich häufig dargestellt. Je nach Standpunkt des Auftraggebers/Zeichners gingen die Aussagen der Bilder auseinander. Der Papst stellte das Geschehen auf seinen Gedenkmünzen als göttliches Werk da. Die Hugenotten wurden von Engeln umgebracht.

François Dubois, ein hugenottischer Maler, der zumindest einen Verwandten bei den Ereignissen in Paris verloren hatte, zeigte in einem Bild der Bartholomäusnacht von 1584 quasi ein Panoptikum von verschiedensten Morden.

Admiral de Coligny wird da erst aus dem Fenster geworfen, dann vor seinem Quartier vom Herzog von Guise enthauptet. Andere Protestanten werden erschlagen, mit Musketen erschossen, erstochen, erdrosselt, gehängt, ertränkt. Das Ganze Bild ist ein großes Gemetzel.

Königinmutter Katharina als Schwarze Witwe vor Leichen / Aussschnitt aus dem Gemälde von François Dubois.

Auch Königinmutter Katharina taucht im Bild von 1584 auf. Wenige Jahre nach den Geschehnissen nutzt die protestantische Seite zur Charakterisierung der Königinmutter das auch aus Märchen sattsam bekannte Motiv der schwarzen Witwe. Die Katharina auf dem Dubois-Bild steht nahe des Portals des Louvre, gebeugt über einen Leichenberg.

Im oben beschriebenen Bild von 1880 hat der Maler Debat-Ponsan also ein durchaus bekanntes, volkstümliches Motiv der protestantisch geprägten Bilderwelt zitiert. Der Künstler des 19. Jahrhunderts lädt die Szene durch die penible Zurschaustellung der Opfer, die Mimik der Königinmutter und die Servilität des einen sichtbaren (ausländischen?) Täters weiter emotional auf.

Ein antikatholisches und wohl auch antiroyalistisches Werk.

Wie sah der alte Louvre aus?

Im Bild von 1880 geht die von der Königinmutter angeführte Gruppe über eine schmale Brücke. Im Hintergrund sieht man trutzige Mauern Türme der alten Louvre-Burg. In diesen Mauern, so interpretiere ich die Aussage des Bildes, haben die königliche Familie und der Hofstaat während der Nacht des Mordens Sicherheit gefunden.

Der Louvre im Jahr 1615. Die Burg wird zum Palast. Bild: gemeinfrei

Historisch ist das wohl nicht ganz korrekt. Zum Zeitpunkt der Bartholomäusnacht hatte der Louvre zwar noch Elemente einer alten Burg. Aber er war auch schon teilweise in einen freundlichen Renaissancepalast umgebaut worden. Insofern zeigt das Bild einen Louvre im Bauzustand etwa 200 Jahre vor den Ereignissen.

Eine detaillierte Zeichnung, die jenes Portal zeigen könnte, vor dem die Szene spielt, hat sich erhalten. Es stammt aus dem Jahr 1615. Darauf sieht man, dass hinter dem Wassergraben des Louvre keine fensterlosen Festungsmauern standen, wie im Bild von 1880, sondern eine schmucke Palastfassade.

Wo ist die Burg geblieben? Der Louvre heute

Die Reste der mittelalterlichen Burg sind heute zum Teil überbaut, zum Teil liegen sie auch unter dem Innenhof des Museums-Komplexes. Grundmauern der Türme kann man sich im Louvre-Museum anschauen.

Ein Modell, das den Ort des mittelalterlichen Louvre zeigt. Bild: gemeinfrei

Und wie sieht es aktuell im Louvre aus? Die Mitarbeiter des Museums mit der markanten Glaspyramide nutzen die Covid-19-bedingt besucherfreie Zeit für Renovierungen und Restaurierungen. Mehr dazu in einem Artikel bei CNN: „Bereft of visitors, the Louvre keeps busy with major refit and restorations“ (Link zum Artikel)

Das Bild von der „bösen Königin“ vor dem alten Louvre hängt heute übrigens nicht im Louvre, sondern in Clermont-Ferrand im Musée d’art Roger-Quilliot, einem ehemaligen Kloster.

Mehr zu Katharina von Medici und ihrer Rolle in der Bartholomäusnacht erfährt man in einem Beitrag des Deutschlandfunks: „Die vermeintlich böse Königin“ (Link zum Beitrag)

Natürlich darf hier auch der Trailer zum Film „Die Bartholomäusnacht“ („La Reine Margot“) von 1994 nicht fehlen. Katharina von Medici wird da übrigens von Virna Lisi gespielt:

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Ein Gedanke zu „Die schwarze Witwe vor dem Louvre: Der Tag nach der Bartholomäusnacht“

  1. Die Königin war uebrigens lang nicht so boese wie oft oder fast immer behauptet wird wie meine alten Dokumente aus der Zeit beweisen….

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