Der Galaxienjäger von Birr Castle und sein teurer Leviathan

Birr Castle: Der Leviathan beobachtet wieder den Himmel / Foto (und Foto oben): Wikipedia / Tpower / CC-BY-SA 3.0

Das größte Spiegelteleskop der viktorianischen Zeit stand nicht in England, dem Deutschen Reich oder den USA, sondern mitten in Irland – und zwar auf einer Burg.

Die Rede ist von dem für damalige Verhältnisse riesigen Teleskop auf Birr Castle. Benannt war es nach dem biblischen Seeungeheuer Leviathan genannt wurde.

Mit 16 Metern Länge maß der Leviathan drei Meter mehr als sein heutiger fliegender Nachfolger: das Hubble-Weltraumteleskop.

Auf Birr Castle steht mittlerweile nur noch ein Nachbau des historischen Apparats, der großen Anteil an der Erforschung des Weltraums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte.

Lord Rosse schaute gern in die Sterne / Bild: gemeinfrei
Rückblende: Die Sterne hatten Lord Rosse schon immer fasziniert. Der britisch-irische Landadelige – mit vollem Namen: William Parsons, 3. Earl of Rosse -, Jahrgang 1800, saß jahrelang im britischen Unterhaus und hatte trotzdem reichlich Zeit, sich seinem Astronomie-Hobby zu widmen.

Nach dem Studium in Oxford zog es ihn zurück ins heimische Birr Castle, etwa in der Mitte von Irland gelegen. Seine Familie bewohnt es seit 1620. Der Titel ist historisch, nicht gekauft.

Auf dem Schloss richtete seine Lordschaft sich 1826 ein Observatorium ein und beschäftigte sich mit dem Bau und der Verbesserung von Spiegelteleskopen.

Diese unschätzbaren Hilfsmittel für den Blick in den Nachthimmel hatte der deutsch-britische Astronom und Musiker William Herrschel wenige Jahre zuvor entscheidend verfeinert. Damit wurde der Blick ins All viel weiter möglich als mit herkömmlichen Fernrohren.

Die mysteriösen Sternennebel im Blick

1839 hatte der Lord ein Spiegelteleskop von 91 Zentimeter Durchmesser hergestellt. Seine Frau Mary unterstützte ihn beim Bau, wenn sie nicht gerde fotografierte oder bei einer ihrer elf Geburten im Kindbett lag. Mit seinen Teleskopen beobachtete Rosse speziell die großen Sternennebel.

Der Krebsnebel ist der Überrest einer Supernova von 1054. Lord Rosse schaute ihn sich von Birr Castle aus genau an und zeichnete ihn. Bild: Hubble-Telekop / gemeinfrei
Seine Vermutung: Die kosmischen Nebeln keine Nebel, sondern bestehen aus tausenden von Sonnen, die man mit einer besseren Auflösung auch würde sehen können.

Für 12.000 Pfund ließ er sich daraufhin ein für die damalige Zeit gigantisches Spiegelteleskop ins Schloss setzen, dessen Hauptspiegel 1,83 Meter maß. Das war gut doppelt so viel, wie bei seinem bisherigen Teleskop. Allein der Spiegel wog 3,8 Tonnen.

Die 16-Meter-Röhre wurde zwischen zwei 15 Meter hohen Mauern montiert. Es ließ sich mit Hilfe von Flaschenzügen nach oben und unten – und jeweils um zehn Grad in beide Richtungen bewegen.

So konnte man den beobachteten Objekten einige Minuten lang folgen.

Der „Leviathan von Parsonstown“ kostete die ebenfalls astronomische Summe von 12.000 Pfund Sterling. In einer Februarnacht des Jahres 1845 konnte er zum ersten Mal das durch die Spiegel gebündelte Licht ferner Welten betrachten.

Der Leviathan auf Birr Castle – eine Fotografie aus dem Jahr 1885 / Foto: National Library of Ireland / gemeinfrei

Die Entdeckungen ließen nicht lange auf sich warten. Als erster konnte der Schlossherr von Birr Castle bei 14 Galaxien Spiralarme erkennen. Zum Beispiel bei M51, der „Whirlpool-Galaxie“. Am Dreiecksnebel (M33) machte er gleich vier Spiralarme aus.

Lord Rosse entdeckte 226 insgesamt bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Sternennebel.

Die „Whirlpool-Galaxie“ M51 – gezeichnet von Lord Rosse / Bild: gemeinfrei

Doch die große Frage, ob es sich bei den beobachteten Nebelflecken nun um gewaltige kosmische Gaswolken oder Weltinseln aus tausenden Sternen handelt (wie Lord Ross gegen den Trend der damaligen Wissenschaft annahm), konnte erst Jahrzehnte später beantwortet werden.

Es stellte sich heraus, dass sowohl reine kosmische Gasnebel existieren als auch Milliarden von Galaxien voller Sonnen und Planeten.

Heute erinnert der Mondkrater Rosse an den 1867 verstorbenen Galaxien-Entdecker.

Spiegel überstand im Museum

Nach dem Tod von Lord Rosses Sohn Lawrence 1908 ließen die Erben das Teleskop abbauen und einen der zwei Spiegel im Londoner Science.Museum einlagern. Dort kann er heute angeschaut werden.

Das Metall der Kosntruktion wurde dann während des Ersten Weltkriegs eingeschmolzen.

Eine 1863 erschienenen Illustration des Leviathan / Bild: gemeinfrei

Erst 1917 – mit der Eröffnung des Mount-Wilson-Observatoriums in Kalifornien wurde ein leistungsstärkeres Spiegelteleskop in Betrieb genommen als der Leviathan auf Birr Castle.

In den 1970er Jahren entfachte der TV-Astronom Patrick Moore das öffentliche Interesse an dem verschwundenen Teleskop, dessen Bauplan ebenfalls nicht mehr auffindbar war.

Der sechste Earl von Rosse beauftragte schließlich den Michael Tubridy mit dem Wiederaufbau, der 1996/97 erfolgte.

Neuer Spiegel fürs Teleskop

Seit 1999 verfügt das Spiegelteleskop auch wieder über einen Spiegel – allerdings nicht aus Glas wie beim Original, sondern aus Aluminium. Das Schloss mit dem Teleskop-Nachbau kann man sich ansehen.

Homepage von Birr Castle

Das rekonstruierte Teleskop auf Birr Castle bei Wartungsarbeiten / Foto: Wikipedia / Nils E. / CC-BY-SA 3.0

Die Reihe „Irish Castles“ über Birr Castle – mit einem Interview mit dem aktuellen Lord Rosse:



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