Die Industrialisierung: Als Burgen zu Fabriken wurden




Ruine der Burg Wetter an der Ruhr mit Infotafel
Eine Infotafel erzählt die Industriegeschichte der Burg Wetter. Foto: Burgerbe.de / Foto oben: Die Harkortsche Fabrik auf Burg Wetter (Alfred Rethel, 1834) / Bild: Wikipedia/The Yorck Project
Mittelalter und industrielle Revolution sind eine ziemlich verrückte Mischung, wie man nicht erst seit Mark Twains „Ein Yankee an König Arthurs Hof“ weiß.

Kaum etwas passt so wenig zusammen wie Mittelalter und Industrialisierung. Hier das Zeitalter der alten Rittersleut auf ihren turmbewehrten Burgen – deren fortschrittlichstes Werkzeug der menschenbetriebene Drehkran war -, dort die Ära der rauchenden Schlote und der beginnenden Massenproduktion.

Und doch zogen diverse Unternehmer im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ihre Fabriken ausgerechnet in alten Burgen und Schlössern hoch, ohne die leiseste Rücksicht auf die historische Bausubstanz zu nehmen.

1860: Über Schloss Großenhain in Sachsen raucht der Schlot einer Garnspinnerei / Foto: gemeinfrei

Maschinenbau auf Burg Wetter

Bekanntestes Beispiel ist Burg Wetter an der Ruhr. Auf der Ruine richtete Friedrich Harkort 1818 eine der ersten Maschinenbaufirmen des Ruhrgebiets ein, die Mechanischen Werkstätten Harkort & Co.

Mit Hilfe üppiger staatlicher Förderung wuchsen Harkorts Mechanischen Werkstätten schnell. Sie zählten 1825 mit 94 Arbeitern (darunter einige abgeworbene Fachkräfte aus England) zu den größten Industriebetrieben Westfalens.

Der Albrechtsburg in Meißen (hier bei normalem Pegel) kann die Flut nichts anhaben / Foto: Burgerbe.de
Der Albrechtsburg in Meißen, ab 1710 Sitz einer Porzellanmanufaktur / Foto: Burgerbe.de

Bald war der Bergfried umgeben von einem halben Dutzend an Schornsteinen. Das bekannte Bild von 1834 (oben rechts) gibt einen lebendigen Eindruck. Es hängt heute im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Dortmund. Und die Burg ist Station der Route der Industriekultur.

Einige Jahrzehnte zuvor wurde die Albrechtsburg in Meißen zum Vorreiter der Massenproduktion. In diesem damals weit abgelegenen Winkel Sachsens ließ August der Starke seinen „Alchimisten“ Johann Friedrich Böttger unter höchster Geheimhaltung Porzellan herstellen.

Die Manufaktur zog erst 1863 in neue Fabrikräume. Die Einbauten zur Porzellanherstellung wurden später beseitigt.

Auf der urigen Burg Mylau in Westsachsen betrieb Spinnereibesitzer Christian Gotthelf Brückner von 1808 bis 1828 die erste Fabrik des nördlichen Vogtlands. Einige Jahrzehnte später wurde die Fabrikburg im Stil des Historismus umgebaut.

Auch in der Alten Burg Koblenz direkt am Moselufer wurde ab 1806 gehämmert. Die Blechwarenfabrik Fink & Co. – später Schaaffhausen & Dietz – hatte die Bischofsburg gekauft.

In den 1840er Jahren waren hier 200 Facharbeiter und Hilfskräfte damit beschäftigt Tabletts, Brotkörbchen, Zuckerdosen und Ofenschirme mit kunstvollen Malereien herzustellen.

„Ihren Weltruf begründete die Lackierfabrik mit den aus Messing und Neusilber hergestellten sogenannten „Motorateur- oder Studierlampen, bei denen die ersten Glaszylinder Verwendung fanden“, heißt es dazu bei Regionalgeschichte.net.



Wattefabrik auf Schloss Neersen

Im heute wieder malerischen Schloss Neersen bei Willich am Niederehein ratterten im 19. Jahrhundert ebenfalls die Maschinen. 1852 hatte der Fabrikant Wilhelm Hüsgen dort eine Wattefabrik und Baumwollspinnerei eingerichtet.

Dummerweise hatte man es damals noch nicht so mit dem Feuerschutz, daher brannte die Fabrik mitsamt dem Schloss 1859 komplett nieder.

Die Dorfbevölkerung plünderte die Ruine anschließend aus. Der Krefelder Fabrikant Gustav Klemme baute das Schloss glücklicherweise bis 1896 wieder auf. Heute ist es wieder ein Schmuckstück.

Die Alte Burg Koblenz wurde 1806 zur Blechwarenfabrik / Foto: Burgerbe.de
Die Alte Burg Koblenz wurde 1806 zur Blechwarenfabrik / Foto: Burgerbe.de

Was soll das? Was macht die Fabrik in der Burg? Auffällig ist, dass die „Fabrikburgen“ vor dem Siegeszug der Eisenbahn ihre große Zeit hatten. In einer Phase, als noch mitten in den Städten produziert werden musste.

Baugrund in den Zentren war knapp, die leer stehenden Burgen boten sich als in der Regel preisgünstige, großzügig geschnittene Immobilien an. Und die massiven erhaltenen Mauern ließen sich prima für Anbauten von Maschinenhallen nutzen.

Fabriken in Burgen wurden in der Kunst des 19. Jahrhunderts als hochsymbolische Angelegenheit – und sehr positiv – gesehen. Im Archiv der „Zeit“ findet sich dazu ein dreiseitige Artikel von Gottfried Sello aus dem Jahr 1969 mit dem Titel „Als Burgen zu Fabriken wurden„.

Burgturm und Schornstein

Sellos Kernsatz: „Diese auffällige Gleichsetzung von Burg und Fabrik, Turm und Schornstein, eine romantische Erfindung, bleibt bis ins späte 19. Jahrhundert konstant, mit bemerkenswerten gesellschaftspolitischen Konsequenzen.

Was die Burg an Macht und Herrschaftssymbolik impliziert, wird von der Fabrik übernommen. Die Realität ihrerseits leistet der romantischen Idee einer Fabrikburg nach Kräften Vorschub„.


Da ist wieder dieses Wort „Fabrikburg“. Den Burg-Fabrikherren war ihr zeitweises Domizil in altertümlicher Kulisse mit der Zeit übrigens ziemlich peinlich. Sie waren froh, nach ein paar Jahrzehnten in moderne Fabrikhallen umziehen zu können.

Burg als Tarnung für ein Geheimlabor

Erst die Nazis entdeckten Burgen wieder als Produktionsstätten zurück – natürlich aus finsteren Motiven. Damit ein Professor in Ruhe vor Luftangriffen an neuen Superwaffen forschen konnte, entstand im Zweiten Weltkrieg mit Burg Feuerstein in Oberfranken eine „mittelalterliche“ Burg, die nur zur Tarnung eines Waffenlabors diente.

Burg Feuerstein: Im Krieg Waffenlabor, heute eine Jugendbegegnungsstätte / Foto: Wikipedia / Janericloebe / CC-BY-SA 3.0



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