London Bridge: Die abgeschnittenen Köpfe am Verrätertor

London Bridge 1616 mit Traitors Gate und den aufgespießten Köpfen / Bild: gemeinfrei

Wer zur Zeit von Queen Elizabeth I. von Süden ins quirlige London kam, musste an einem grausigen Anblick vorbei: An einem Tor auf der damals einzigen Themsebrücke waren die abgeschnittenen Köpfe von Kriminellen und „Verrätern“ auf Pfähle gespießt.

Für die meisten Londoner war das eine alltägliche Tradition. Alle paar Wochen kam ein neuer Kopf auf eine Stange, während ältere sich – von Wetter und Vögeln malträtiert – auflösten. Zur besseren Haltbarkeit im Inselklima hatte man sie vor dem Aufstellen in Teer getränkt.

Um die 30 Köpfe sollen sich im Schnitt am Durchgang befunden haben, der den Namen Traitors Gate (Verrätertor) trug. Das gruselige Brückentor gibt es nicht mehr. Der Name lebt im Tower weiter.

Der Ort ist heute eine nüchterne Straßenbrücke aus den 1970er Jahren.

Sehenswert ist lediglich die nächtliche Beleuchtung – und der Blick auf Tower Bridge und Londoner Skyline.

London Bridge heute / Foto: Burgerbe

Ein paar Schautafeln erinnern an die Geschichte. Bereits die Römer bauten hier einen hölzernen Themseübergang. Dieser hatte – immer wieder repariert und rekonstruiert – bis ins Mittelalter Bestand. 1014 ließ der angelsächsische König Aethelred sie anzünden, um ein dänisches Heer aufzuhalten.

Die neue Holzbrücke, erbaut nach 1066 im Auftrag von Wilhelm dem Eroberer, fiel im Oktober 1091 einem Tornado zum Opfer.

Als Planken und Pfeiler des Ersatzbaus 1136 erneut brannten, begann bei den normannischen Herren das Nachdenken, ob eine Steinbrücke dauerhauft nicht sinnvoller wäre. Es dauerte einige Zeit…

Schließlich wurde 1163 der Geistliche und Architekt Peter de Colechurch mit dem Neubau beauftragt. Er plante gewissenhaft, um den Kräften von Tidenhub und Jahreszeiten etwas Innovatives entgegenzusetzen.

Die Fundamente der Brückenpfeiler wurden auf Reihen aus angespitzten Eichenstämmen gesetzt, die mühsam in den sandigen Grund der Themse gerammt wurden. Wellenbrecher schützten die Pfeiler vor Eisgang und Treibgut.

Mittelalterliches Jahrhundertprojekt

1176 startete der Bau des mittelalterlichen Jahrhundertprojekts, vergleichbar bestenfalls mit einer Kathedrale. In rund 30 Jahren entstand eine 273 Meter überspannende Brücke mit 20 gotischen Bögen auf 19 Pfeilern von damals sagenhaften sechs Metern Breite.

An einem etwas massigeren Pfeiler in der Strommitte wurde Raum für eine Kapelle ausgespart, die nur vom Fluss aus zugänglich war. Im Inneren des Pfeilers legten die Arbeiter Raum für eine Krypta und ein Grab an – für den Erbauer de Colechurch. 1205 fand er hier seine letzte Ruhe.

Als einzige Londoner Themsebrücke war das Bauwerk von immensem strategischen Wert und wurde entsprechend befestigt. An beiden Enden wurden massige Tore gebaut: Am Südende das Great Stone Gate und am Nordende das wuchtige New Stone Gate.

König Johann Ohneland: Unter seiner Herrschaft wurde die mittelalterliche Brücke fertig. Bild: gemeinfrei

Wie eine mittelalterliche Burg verfügte die Brücke über eine Zugbrücke an Pfeiler sieben mit einem eigenen Holztor (und obligatorischen Zollhäuschen, Bauherr König Johann Ohneland brauchte schließlich Geld).

1209 war die Brücke fertig. Sie sollte mehr als 600 Jahre stehen. König Ohneland, Bruder des kreuzfahrenden Richard Löwenherz und immer in Geldnöten, sah in dem Bauwerk eine 1a Kapitalquelle.

Er langte nicht nur beim Brückenzoll zu, sondern verkaufte auch ihre Ränder als Bauland für Wohn- und Geschäftshäuser.

In den nächsten Jahren erfasste ein wahrer Bauboom die Brücke. Bis zu sieben Stockwerke messende Häuser wurden konstruiert, weitgehend aus leicht brennbarem Holz, mit Geschäften im Erdgeschoss. Die Bürger zogen zu hunderten auf den Fluss.

Die Idee auf der Brüche abgeschnittene Köpfen zu zeigen, tauchte wohl Anfang des 14. Jahrhunderts unter der Herrschaft des kriegerischen Königs Eduard I. auf. Dieser hatte gerade zum wiederholten Mal Schottland erobert. Diverse Clanchefs im rauen Norden dachten allerdings nicht daran, sich als unterworfene Untertanen Londons zu betrachten. Sie rebellierten erneut.

Aus Eduards Sicht war es daher nur folgerichtig, 1305 den Kopf des schottischen Aufrührers (aus schottischer Sicht: Freiheitshelden) William Wallace am Zugbrückentor aufzuspießen.

1426 wurde das hölzerne Zugbrückentor abgerissen und durch einen Doppeltorbau mit vier Rundtürmen ersetzt. Am öffentlichen Zurschaustellen der Köpfe vor dem Tor hielt man fest. Das Bauwerk wurde zu Londons erstem Traitors Gate.

London Bridge um 1600 / Bild: gemeinfrei

150 Jahre lang blieb das so. Dann schritt Königin Elisabeth I. ein und ordnete 1577 den Abriss der in die Jahre gekommenen Tor- und Zugbrücken-Kombination an.

An ihre Stelle trat 1579 auf allerhöchsten Befehl eine feste Holzbrücke und das „Haus der vielen Fenster“ (Nonsuch house). Brückennutzer schritten durch einen Durchgang durch das Haus

Das vierstöckige Fachwerkgebäude bestand aus in Flandern vorgefertigen Eichen-Elementen und wurde von Holzdübeln zusammengehalten – das erste dokumentierte Fertighaus der Geschichte.

So soll das Nonsuch house auf der London Bridge ausgesehen haben / Bild: gemeinfrei

Allerdings war jetzt kein Platz mehr vorhanden, um dort gebührend abschreckend „Verräter“-Köpfe aufzustellen. Das Gruselschauspiel wurde daher auf Anordnung der Königin an das Südtor der Brücke verlegt, das somit zum neuen Traitors Gate wurde.

Guy Fawkes (zeitgenössische Darsrellung): Sein Kopf endete auf der London Bridge / Bild: gemeinfrei

Hier endete dann 1606 zum Beispiel das Haupt des glücklosen Verschwörers Guy Fawkes, nach dessen erfolglosen Versuch, das Parlamentsgebäude in die Luft zu jagen.

1660 ließ König Karl II. die gängige Praxis der Kopfaufspießung beenden. Sein Vater, Karl I. war 1649 nach einem Hochverrats-Prozess enthauptet worden. Die Köpfe an der London Bridge sah Karl II. als unerträgliche Erinerung an das Ereignis.

Die Brücke wirkte derweil wie ein Stauwehr auf den Strom. Sand setzte sich vor den Pfeilern fest. Schließlich lag der Flusspegel vor der Brücke zwei Meter höher als dahinter.

Ein Boot durch die reissende Strömung unter der Brücke hindurch zu bugsieren, galt als selbstmörderisch. Es kursierte das Sprichwort, die London Bridge sei „für Weise zum Darübergehen, für Narren zum Darunterfahren“.

London Bridge 1632 / Bild: gemeinfrei

Angesichts ständiger Brände mit vielen Toten wurden die ursprünglichen Holzgebäude nach und durch solche aus Stein ersetzt. Das große Feuer von London 1666 machte daher vor der Brücke Halt.

Angeblich geht übrigens auch die Praxis des britischen Linksverkehrs auf die London Bridge zurück. 1722 hatte Londons Bürgermeister schließlich Linksverkehr auf den engen Fahrspuren der Brücke angeordnet, um Ordnung ins Chaos der Fuhrwerke auf der Themse-Querung zu schaffen.

Die Brücke 1710: Holzhäuser sind solchen aus Stein gewichen / Bild: gemeinfrei

1725 wurden dann Gebäude am Südende von einem Brand schwer beschädigt.  Zwei Jahre später wurde das seit Jahren „kopflosen“ Südtor, das Verrätertor, abgerissen.

Je mehr Schiffsverkehr auf der Themse unterwegs war, desto störender wirkte sich die mittelalterliche Brücke mit ihren engen Bögen aus.

Die Brücke 1745, wenige Jahre vor Abriss der Häuser / Bild: gemeinfrei

Mitte des 18. Jahrhunderts entstand schließlich der Plan, den Durchlass in der Mitte der Brücke zu erweitern. Dabei störten allerdings die Häuser. 1756 wurde daher der Abriss aller Gebäude angeordnet. Historischer Wert war damals kein Argument…

In den Folgejahren wurde auf der Brücke Tabula Rasa gemacht. Auch altgediente Londoner Wahrzeichen wie das Nonsuch House verschwanden (1757). 1762 war die Brücke erstmals seit gut 550 Jahren frei von Häusern.

Doch der Umbau konnte nur ein Provisorium sein. Die mittelalterliche Brücke war dem Verkehr nicht mehr gewachsen. Ein komplett neues Bauwerk musste her.

Beim Abriss der alten Brücke stießen Arbeiter auf eine nur noch bei Fachleuten bekannte Kapelle und ein Grab im mittleren Pfeiler. Das dort liegende Skelett wurde achtlos entsorgt. Es war 600 Jahre alt: Es handelte sich um die sterbelichen Überreste von Brückenbaumeister Peter de Colechurch.

1831 wurde die neue 283 Meter lange und nun 15 statt vorher sechs Meter breite Brücke eröffnet.

Das erste Schiff, das unter der gerade eröffneten Brücke hindurchfuhr, war das spätere Forschungsschiff Beagle (Charles Darwin war noch nicht an Bord).

Die „neue“ London Bridge 1837 / Bild: gemeinfrei

Für die Metropole London war auch die neue Brücke nach wenigen Jahrzehnten zu eng. Zwischen 1902 und 1904 wurde sie auf 20 Meter verbreitert. Durch das zusätzliche Gewicht sackten die Fundamente jedoch immer tiefer in den Themseschlamm.

Anfang der 1970er Jahre musste wieder ein Neubau her. 1973 eröffnete Queen Elizabeth II. die 32 Meter breite heutige Brücke. Das vorherige Bauwerk wurde nicht einfach abgerissen, sondern sorgfältig Stein für Stein registriert, abgebaut – und in Lake Havezu City (Arizona) wieder aufgebaut.

Die London Bridge in den 1890ern vor der Verbreiterung / Bild: gemeinfrei

 

Amtliche Codewörter werden ja in der Regel streng geheim gehalten. Bei „London Bridge is down“ ist das nicht der Fall. Wenn dieser Code in der Regierung ausgegeben wird, bedeutet das den Tod der Queen. Die dann beginnenden Maßnahmen von der Information der Öffentlichkeit bis zum Treueschwur des Parlaments gegenüber dem Nachfolger laufen unter dem Titel „Operation London Bridge“.

Ein Traitors Gate/Verrätertor gibt es in London übrigens auch nach dem Abriss des südlichen Tors der London Bridge: Es ist eines der ehemals von der Themse in den Tower führenden Tore, durch das Gefangene unauffällig verschifft werden konnten. Es ist heute noch sichtbar, aber zum Fluss hin abgeschottet.

Mehr zur Geschichte dieses Tors in einem eigenen Burgerbe-Artikel.

Dort werden heutzutage allerdings keine Köpfe mehr angebracht. Man darf gespannt sein, ob sich das nach dem Brexit ändert.


Sehenswert ist die Doku „The Bridges that built London“

Weiterlesen:

Mehr zur „Operation London Bridge“ steht bei Wikipedia.

Und der Brückenblog hat natürlich auch einen Artikel zur London Bridge.



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