Innenhof von Schloss Sondershausen / Foto: Burgerbe.de

Schloss Sondershausen: Einsturzgefahr im Nordflügel

Luftbild des Schlosskomlexes / Foto: gemeinfrei
Luftbild des Schlosskomplexes. Der gesperrte Nordflügel ist links im Bild unterhalb des Schlossturms / Foto: gemeinfrei

Schlechte Nachrichten von Schloss Sondershausen. Die Schäden im Mauerwerk des Nordflügels aus der Mitte des 16. Jahrhunderts sind wesentlich gravierender als bislang bekannt. Auch Holzdecken in dem Trakt sind offenbar nicht mehr tragfähig.

Der Nordflügel ist nun wegen Einsturzgefahr gesperrt. Das Liebhabertheater, die Schlosskapelle und die Tapisserie dürfen nicht mehr betreten werden. Auch das Depot des Museums und die Werkstatt der Restauratorin befinden sich in dem gefährdeten Gebäudeteil. Das meldet die Thüringer Allgemeine.

Das hat zur Folge, dass das Museumsdepot in Kürze ausgeräumt werden muss. Es darf zurzeit nur mit einer Sondergenehmigung betreten werden. Das genaue Ausmaß der Schäden steht noch nicht fest. Das schadhafte Mauerwerk ist seit Jahren bereits durch Metallanker gesichert.


Ein Problem ist auch der nicht sonderlich stabile Untergrund unter den Fundamenten der ausgedehnten Schlossanlage, die einst das Residenzschloss des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen war. Der regierende Fürst gebot über rund 90.000 Einwohner (Stand: 1910).

Seit Jahren werden die alten Mauern durch massive Maueranker  stabilisiert. Fotos: Burgerbe
Seit Jahren werden die alten Mauern durch massive Maueranker stabilisiert. Fotos: Burgerbe

Während des 13. Jahrhunderts sah es hier noch recht bescheiden aus: Eine Burg aus einem Wohnturm und ein paar Mauern beherrschte die Szenerie. Drinnen saßen seit 1356 die Grafen von Schwarzburg.

Die Adeligen hatten das Glück, Besitzer der Frankenhauser Saline zu sein, inklusive des Privilegs, das dort gewonnene Salz zollfrei ins salzarme aber edelmetallreiche Kurfürstentum Sachsen exportieren zu dürfen.

Die Salzgewinnung und der Verkauf mitten im Binnenland warfen märchenhafte Gewinne ab – das Pökeln mit Salz war schließlich neben dem Trocknen und Räuchern vor der Erfindung des Kühlschranks die einzige Möglichkeit, Fisch und Fleisch haltbar zu machen.

Der 1499 geborene Graf Günther XL. (bekannt als „der Reiche“) von Schwarzburg wollte sein sprichwörtlich gewordenes Vermögen auch baulich zeigen.

Er ließ in den 1530er Jahren die alte Burg abreißen und setzte ein opulentes Renaissanceschloss nach dem Vorbild von Schloss Hartenfels in Torgau an ihre Stelle. In diesen Jahren entstand auch der Nordflügel.

Schlossflügel
Der Westflügel mit seinem Barock-Giebel

Es war die Umbruchzeit der Reformation. Der reiche Günther führte in seinem Territorium den Protestantismus ein, wurde Mitglied im Schmalkaldischen Bund und zog mit diesem gegen Kaiser Karl V. zu Felde.

Dabei geriet er auch noch mit seinem mächtigsten Verbündeten aneinander, dem Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen. Der Sachse betrachtete den Schwarzburger mit seinem Flickenteppich an Ländchen nicht als gleichrangig, sondern als Lehnsmann, der gefälligst zu gehorchen hatte.

Eh es sich Günther versah, war seine kleine Hauptstadt mit dem schönen neuen Schloss von sächsisch-protestantischen Truppen besetzt – und zur Plünderung freigegeben. Der Graf konnte gerade noch fliehen.

Zu Günthers Glück unterlag der sächsische Kurfürst dem Kaiser und geriet in Gefangenschaft. Die von den Protestanten gepeinigte kleine Grafschaft Schwarzburg wurde nach 1547 auf allerhöchste Order wieder hergestellt.

Der Schlosshof
Der Schlosshof. Links der gesperrte Nordflügel.

Als wieder Frieden einkehrte, ließ der Graf den erhaltenen alten Burgturm 1551 in sein Schloss einbeziehen und verpasste ihm eine geschwungene Turmhaube. Die Optik sollte ja auch passen.

Günthers Reich wurde unter seinen Nachkommen 1599 geteilt in die Grafschaften Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen. Beide Zwergstaaten sollten die nächsten 319 Jahre zunächst als Grafschaften, dann als Fürstentümer unverändert Bestand haben.

So klein das Fürstentum auch war: Auf absolutistische Prachtenfaltung legten die Fürsten Wert: Die einzige in Deutschland erhaltene goldene Kutsche steht heute im Schlossmuseum Sondershausen.

Der Geltungsdrang zeigte sich auch architektonisch: Am Schloss Sondershausen wurde in den 1760er Jahren wieder gebaut: Der spätbarocke Westflügel entstand mit dem Herkulesbrunnen im Schlosshof.

Westflügel und Rotunde (rechts)
Westflügel und Rotunde (rechts)

1837/38 ließ Fürst Günther Friedrich Carl II. den Schlosskomplex durch einen Schinkel-Schüler klassizistisch umgestalten.

Die Gartenseite des Westflügels wurde zu einem langgezogenen, klassizistischen Meisterwerk. Am Fuß des Schlossbergs entstand die Alte Wache, die stark an Schinkels Berliner Neue Wache erinnert.

Im Zuge der 1848er Revolution übernahmen dann – hört, hört – Bürgerliche die Regierung im Fürstentum, verabschiedeten eine liberale Verfassung – und schickten den Fürsten mit fürstlichen Tantiemen (120.000 Taler jährlich) in Rente.

Nach dem Scheitern der Revolution wurden die Reformen 1857 wieder zurückgedreht. 1871 wurde das Ländchen dann Teil des Deutschen Kaiserreichs mit Sitz und Stimme im Bundesrat.

Die Industrialisierung kam nur langsam voran: Schwarzburg-Sondershausen blieb einer der rückständigsten Staaten Thüringens.

Hauptsache großzügig: Entrée zum heutigen Schlossmuseum
Hauptsache großzügig: Entrée zum heutigen Schlossmuseum

Als letzter Monarch im Flickenteppich amtierte Günther Victor von Schwarzburg-Rudolstadt. Er trat erst am 25. November 1918 zurück – als letzter regierender deutscher Fürst überhaupt.

Zuvor hatte er noch weitgehende „Entschädigungen“ ausgehandelt: So bekam der Ex-Fürst eine lebenslange jährliche Rente von 150.000 Mark zugesichert sowie Nutzungsrechte an Schlössern nebst Jagdrechten.

Dazu gehörte auch Wohnrecht im Schloss Sondershausen. Seine Witwe nutzte dies bis 1951, argwöhnisch beäugt von der DDR-Staatsmacht.

Das riesige Schloss mit seinen diversen Sälen wurde in den Folgejahren auf unterschiedliche Weise genutzt: Als Schlossmuseum und Tanzschule, Sitz der Luther-Akademie und Internat für angehende Bibliothekare. Die DDR verwendete Räume für ihre Einzelhandels-Organisation HO.

Maueranker im Nordflügel Foto: Burgerbe.de
Maueranker im Nordflügel Foto: Burgerbe.de

Seit 1994 gehört das Schloss der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Im öffentlich zugänglichen Teil befindet sich ein Museum, ein Restaurant, die Kreismusikschule, die Landesmusikakademie und eine Tanzschule.

2012 wurde die südliche Zwingermauer von Schloss Sondershausen (aus der Zeit des Barock) für 530.000 Euro saniert. Nun wird wohl eine umfangreiche Sanierung des Nordflügels anstehen…

Weiterlesen:
Timo Götz und Andrea Hellmann berichten in der Thüringer Allgemeinen: „Nordflügel vom Sondershäuser Schloss droht einzustürzen
Auch dpa hat eine Meldung über den Ticker geschickt: „Nordflügel im Schloss Sondershausen muss geschlossen werden

Hier geht es zur Seite des Museum Schloss Sondershausen.



Ein Gedanke zu „Schloss Sondershausen: Einsturzgefahr im Nordflügel“

  1. Es war nicht Internat für angehende Bibliothekare, sondern Internat und Ausbildungsstätte für angehende Bibliotheksfacharbeiter – ein kleiner, aber feiner Unterschied.
    VG von der Silberdistel

Kommentar verfassen