Schloss Hoheneck / Foto: Wikipedia / Oxensepp / CC-BY-SA 2.0

DDR-Frauengefängnis Schloss Hoheneck soll Gedenkstätte werden

Zellentrakt in Hoheneck / Bild: Screenshot Youtube
Zellentrakt in Hoheneck in einem Spiegel-TV-Beitrag (unten verlinkt) / Bild: Screenshot Youtube / Foto oben: Wikipedia / Oxensepp / CC-BY-SA 2.0

Vom Schloss zum Zuchthaus: Für 600 Häftlinge war das 1864 eröffnete Zuchthaus Hoheneck im Erzgebirge gebaut.

Das DDR-Regime pferchte in den 1970er Jahre 1600 Frauen unter schrecklichen Bedingungen zusammen: Dissidentinnen, „Republikflüchtlige“ genauso wie Gewalttäterinnen saßen hier, im größten Frauenzuchthaus der DDR.

Die Mischung war als zusätzliche Quälerei für die politischen Gefangenen gedacht, auch damit die „Politischen“ keine Gruppen bilden konnten. Die Frauen bezeichneten sich selbst als „Hoheneckerinnen“.

Heute gibt es die Initiative, das leer stehende Gefängnis zur Gedenkstätte zu machen. Diese soll Mitte 2017 öffnen. Das Interesse an den düsteren Jahren des Unrechtsstaats ist ungebrochen groß.

Eine Ausstellung unter dem Titel „Der Dunkle Ort: Das Frauengefängnis Hoheneck“ entwickelte sich zum Besuchermagneten. Sie wurde im Februar 2016 im Brandenburger Landtag gezeigt.

Die Schau setzt sich mit den Schicksalen von 25 Frauen auseinander, die hier zwischen 1950 und 1989 unter menschenunwürdigen Bedingungen als politische Gefangene inhaftiert waren.

Gedenkstein vor Schloss Hoheneck / Foto: Wikipedia / Wikswat / CC-BY-SA 3.0 / Foto oben: Oxensepp / CC-BY-SA 2.0
Gedenkstein vor Schloss Hoheneck / Foto: Wikipedia / Wikswat / CC-BY-SA 3.0

1244 wurde die Befestigung erstmals als Stalburg erwähnt. Gerade erst haben Archäologen den Lageplan der alten Burg unter den neuzeitlichen Zuchthausbauten erforscht, nachdem 2015 bei Umbauarbeiten mittelalterliches Mauerwerk gefunden worden war.

1564 kaufte der sächsische Kurfürst August die Herrschaft Stollberg mitsamt der alten Burg, die ihn aber nicht interssierte. Die Gebäude verfielen. 1602 brannte der Bau erstmal ab.

Die Besetzung durch kroatische Truppen im Dreißigjährigen Krieg gab dem Gemäuer dann den Rest: Es wurde zur Ruine. Die Stollberger holten sich hier Baumaterial.

Bis 1815 wird die Burg schließlich als Schloss wieder errichtet. Die neue Pracht hält jedoch keine 50 Jahre. Um 1860 wird das Schloss abgerissen und der Bau eines königlich Sächsischen Gefängnisses beginnt – dessen Grundriss geht deutlich über die mittelalterlichen Burgmauern hinaus.

1864 werden die ersten Häftlinge in den Zellen untergebracht. Die Nazis füllen das Gefängnis 1933 gleich mit Kommunisten und Sozialdemokraten. 1936 machen sie es zum Jugendgefängnis.

"Der Dunkle Ort"
Der dunkle Ort“ beschäftigt sich mit 25 Schicksalen von „Hoheneckerinnen“ Cover/Link: Amazon

1945 übernehmen die sowjetischen Besatzungsbehörden das Gefängnis und sperren zunächst NS-Funktionäre und mutmaßliche „Werwolf“-Aktivisten ein. 1950 kommt ein Transport mit 1119 Frauen und 30 Kleinkinder an – auf dem Lager Sachsenhausen.

Die Bedingungen sind so schlecht, dass Insassinnen 1953 in einen Hungerstreik treten. Sie erreichen kleinere Erleichterungen. Nach Stalins Tod 1953/54 kommt es sogar zu einigen Freilassungen.

Mittlerweile sind die einsitzenden Frauen für die DDR zu einer profitablen Einnahmequelle geworden. Sie produzieren in drei Schichten Stümpfe und Bettwäsche für den Export in die Bundesrepublik.

Die Strafen bei Nichtbefolgung von Befehlen sind hart. Zur Disziplinierung stehen Zellen für Isolations- und Dunkelhaft zur Verfügung. Jeweils zwei Zellen teilten sich einen Sanitärraum.

Das hieß: sechs Waschbecken und zwei Toiletten ohne Sichtschutz für 24 bis 32 Gefangene. Warmes Wasser gab es nicht. In einer speziellen Wasserzelle mussten Gefangene in kaltem Wasser und ihren Fäkalien ausharren. Folter nach Art der Nazis (das Gefängnis-Personal stritt das nach der Wende rundweg ab).

Als die DDR 1973 UNO-Mitglied wird, interessiert sich die Weltorganisation für den Strafvollzug. In den frühen 1980er Jahren bessern sich daraufhin die Haftbedingungen.

Weibliche Gefangene, die von der Bundesrepublik „freigekauft“ werden, werden vor dem Gang in den Westen zentral in Hoheneck inhaftiert und nochmal von der Stasi ausgehorcht. 1989 sitzen hier noch 400 Frauen ein.

Nach der Wende wird das Gefängnis modernisiert und zur JVA für männliche Kriminelle. 2001 schließt der Knast Hoheneck endgültig seine Türen.

Der Freistaat Sachsen hatte daraufhin nichts Eiligeres zu tun als die Immobilie an Chemnitzer Firma mit großen Plänen zu verkaufen: Hier sollte ein Hotel mit mehreren Restaurants entstehen. Es klappte nicht.

2011 besuchte der damalige Bundespräsident Wulff das ehemalige Frauengefängnis und sprach mit früheren Insassinnen.

2014 kaufte die Stadt Stollberg ihr Gefängnisschloss für 160.000 Euro zurück. Zurzeit wird der Komplex für ca. 5,7 Millionen Euro saniert (dabei entdeckte man auch die mittelalterlichen Grundmauern).

Im Zuge der Umbauten soll das Schloss auch zur Gedenkstätte werden. Deren Ziel soll es sein, „künftige Generationen zu erinnern und vor den Auswüchsen von Diktaturen zu warnen“.

Es gehe nicht um ein kollektives Schuldgefühl. Es dürfe aber „nicht vergessen werden, was im Namen von Recht und Gesetz möglich war, wenn Diktaturen die Spielregeln vorgeben und bei den Handelnden genügend kriminelle Energie vorhanden ist“.

Besichtigungen des ehemaligen Frauengefängnisses sind auf Anfrage möglich. Termine koordiniert die Stadtverwaltung Stollberg.

Die Ausstellung „Der Dunkle Ort: Das Frauengefängnis Hoheneck“ der Heinrich-Böll-Stiftung ist übrigens aus dem 2012 erschienenen Fotoband Der dunkle Ort“ entstanden, in dem der Fotograf Dirk von Nayhauß und die Autorin Maggie Riepl 25 ehemalige „Hoheneckerinnen“ porträtieren.

Weiterlesen:
Zur Geschichte von Schloss Hoheneck und Gefängnis siehe die Zeittafel auf der Seite „Gedenkstätte Hoheneck“.
Sven Felix Kellerhoff schrieb 2011 in der „Welt“: „Die verlorenen Jahre in der „Hölle der Frauen“

Spielgel-TV über Schloss Hoheneck:

Bilder eines Rundgangs von „Mfilmer1″ via Youtube:

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