Schloss Forderglauchau: Dachbau dank Hubschrauber


Schloss Forderglauchau / Foto: Wikipedia / Micharl Sander / CC-BY-SA 3.0
Schloss Forderglauchau / Foto: Wikipedia / Michael Sander / CC-BY-SA 3.0

Die DDR hatte Burgen, Schlössern und Gutshäusern aus ideologischen Gründen den Kampf angesagt. Die Geburtsstötten der verhassten „preußischen Junker“ sollten abgerissen werden – oder zumindest durch langsamen Verfall vom realsozialistischen Erdboden verschwinden, um nie wieder monokeltragende Stechschritt-Imperialisten mit Eroberungsdrang gen Osten hervorzubringen.

Dass historische Anlagen doch erhalten wurden, hat vielerorts mit Privatinitiative zu tun. Ein schön-schräges Beispiel stellt Stefan Stolp in der Freien Presse vor: Schloss Forderglauchau

Kein Schreibfehler: Beim Bau dieses frühesten Renaissanceschlossesin Mitteldeutschland in den Jahren 1527 bis 1534 durch die Familie von Schönburg-Glauchau, war der Duden noch nicht erfunden.

Dass die SED überhaupt engagierten Glauchauern erlaubte, das Schloss zu sanieren, dürfte einen ideologischen Grund gehabt haben:
Der westliche Teil des Südflügels war in den letzten Kriegstagen von US-Truppen in Brand geschossen worden.

Und die Yankees stellten in den Augen der Machthaber auch so eine Art von Junkern dar, nur mit Kaugummi zwischen den Zähnen und ohne Manieren.

Nur durch einen Wallgraben von Schloss Forderglauchau getrennt, steht schloss Hinterglauchau / Foto: Wikipedia / Lucas Friese / CC-BY-SA 3.0
Nur durch einen Wallgraben von Schloss Forderglauchau getrennt, steht schloss Hinterglauchau, heute ein Museum / Foto: Wikipedia / Lucas Friese / CC-BY-SA 3.0

Die Ami-Löcher waren nach Kriegsende nur notdürftig geflickt worden, nun war eine Sanierung nötig. Und nun wollte die Musikschule im Bereich des Dachs auch noch einen Konzertsaal einrichten. Eine Generalsanierung erwies sich als unvermeidlich, um das Schloss zu retten.

Initiatoren der nun startenden Aktion waren Ernst Kreitlow, Leiter der Bibliothek im Schloss und der Vorsitzenden der örtlichen Produktionsgenossenschaft des Bauhandwerks (PGH), Rainer Findeisen.

In diversen Betrieben organisierten die Schlossretter auf zum Teil abenteuerlichen Wegen Material. Der Clou war aber die Bestellung eines Hubschraubers der DDR-Fluglinie Interflug in Berlin-Schönefeld.

Der sollte die schweren Stahlträger, Stützen des neuen Dachstuhls, an Ort und Stelle bringen.

Die Anwesenheit eines zivilen Hubschraubers nur etwa 90 Kilometer Luftlinie von der Grenze nach Westdeutschland entfernt, machte die Staatsorgane naturgemäß nervös. Es hätten ja unbotmäßige DDR-Bürger auf die Idee kommen können, das Paradies der Werktätigen damit gen Kapitalismus zu verlassen.

Als Vorsichtsmaßnahme mussten alle Schlossretter ihre Personalien angeben. Man darf davon ausgehen, dass die Stasi sie gründlich auf Zuverlässigkeit hin durchleuchtete. Während des Einsatzes musste die Volkspolizei dann die Baustelle absperren. Der Pilot hatte sich per Funk in Berlin zu melden (wo man den Sachsen ohnehin nicht traute).

Erstaunlicherweise klappte das Hinaufhieven der Stahlträger dann ohne Probleme und ganz ohne Fälle von Republikflucht. Noch heute freut man sich bei der Musikschule über den akustisch hochklassigen Konzertsaal unter dem Schlossdach.

Und hier geht’s zum Artikel von Stefan Stolp in der Freien Presse: „Wie das Schloss ein Dach bekam

Das Schlossensemble in Glauchau aus der Luft:



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