Ratschläge für einen schlechten Burgenblogger*


Burgenblogger gesucht: Am Mittelrhein startet 2015 ein interessantes Experiment...  Foto: Burgerbe
Burgenblogger gesucht: Am Mittelrhein startet 2015 ein interessantes Experiment…

Für Burg Sooneck wird ein „Burgenblogger“ gesucht, der dort ein halbes Jahr lang frei wohnen darf und über seine Erlebnisse im Welterbe Mittelrheintal gegen eine Monatspauschalte berichten soll.

Hier ein paar Ratschläge für einen schlechten Burgenblogger…

Rassele Jahreszahlen herunter. Je mehr je besser. Sie sind das Rückgrat einer jeden Burggeschichte und auch ohne jeden Zusammenhang ein dankbares Mittel zur Entspannung. Das kennen die Leute aus dem Geschichtsunterricht. Es schafft gleich so eine träumerische Atmosphäre wohligen Wegsäuselns.
Du hast einen Bildungsauftrag, also rein mit dem Ziffernsalat in die Köpfe…


Spare nicht mit Superlativen. Jede Burg hat einen. Deswegen kommen die Leute ja: Der höchste Turm (wann gebaut? Zahlen!), der tiefste Brunnen, die meisten Dachziegel. Was nicht ins Guinessbuch passt, ist auch nichts.

Schreib Wikipedia und den Baedeker ab. Und zwar die ausführlichste Version, wo gibt, mit langen Schachtelsätzen. Viel Info hilft viel (und was da nicht drin steht, ist auch nichts). Überhaupt sind nur ausufernde Schilderungen voller lexkalischen Wissens akzeptable Texte: Du als Bildungsbürger, schlag zurück!

Burg Sooneck am Mittelrhein
– Burg Sooneck: Hier zieht 2015 ein Burgenblogger ein

– Erläutere am besten jede architektonische Besonderheit in einem eigenen Absatz und nenne die Baujahre. Frag ruhig das Publikum ab. Es mag solche Überraschungen.

Halte dich an Experten. Das Wort eines Professors sei dein Leitstern. Nur die promovierte Geisteselite der hohen Lehrstühle hat das Wesen der deutschen Burg überhaupt verstanden. Und natürlich Du.

– Mache einen Bogen um Ehrenamtler, die an Burgen herumreparieren und dir etwas erzählen wollen. Nenne sie „Hobbyhistoriker“ (Anführungszeichen nicht vergessen) und mache dich lustig. Deine Leser brauchen solche humorigen Einlagen.

Du hast keine Zeit. Nimm die schnellsten Verkehrsmittel. Lege Dir einen straffen Zeitplan zurecht. Plane ihn sorgfältig durch. Für Überraschungen darf kein Platz sein.

Konzentriere Dich auf große Namen. Geschichte wird bekanntlich von großen Männern gemacht: Gute Herrscher bauten Burgen, und böse zerstören sie wieder. Gelegentlich auch umgekehrt. Erzähle ihr Leben nach: Versetze Dich in sie hinein, denke und schreibe als König vom Mittelrhein (das wäre auch ein guter Titel für Deinen Blog) für deine Untertanen nah und fern. Koste sodann ausgiebig die lokalen Winzererzeugnisse.

Schloss Stolzenfels: Preußischer Wiederaufbau / Foto: Burgerbe.de
Sollte für den Burgenblogger einen Besuch wert sein: Schloss Stolzenfels

– Jetzt bist Du langsam in der richtigen Stimmung: Verwende möglichst oft das Wort „Ich“, und halte mit Deinen Einschätzungen nicht hinter dem Berg. Die Leute haben Dich in diese Einöde geholt, um Deine maßgebliche Meinung zu hören.
Also hau sie ihnen um die Ohren.
Sofort und ungeschminkt, man vergisst sonst so schnell. Zack-Zack. Online damit. So hast Du auch gleich einen prägnanten Stil, der in den Feuilletons gelobt werden wird.

– Vergiss nicht, immer alles mit dem 21. Jahrhundert zu vergleichen. Sag „Wir moderne Menschen hätten natürlich“ und „dank unserer Hochzivilisation“. Verteile dann Noten. Hat’s auf den Burgen fließend Warmwasser, geht der Aufzug bis zum Dach, funktioniert das Wlan im Verlies? Wenn nicht: Anprangern. Wie ist der Weg zur Burg: Zu steil? Wie weit ist’s vom hoffentlich freien und kostenlosen, bewachten Parkplatz zum Burgtor? Zu weit? Alle sollen es wissen!

Erstelle Rankings nach möglichst subjektiven/abstrusen Faktoren: „Die schönsten Burgen“/“Die geheimnisvollsten Schlösser/Die längsten Streckbänke“. Das gilt als originell. Außerdem finden’s die Onliner gut. Die sind auch mit wenig Text zufrieden. Klau Fotos und schreib „Quelle: Internet“ darunter. Nicht wundern: Jedes vierte Bild wird später durch Werbung ersetzt.

– Ganz wichtig: Hol Dir vorher Rat bei einem SEO-Spezialisten (das Internet ist voller Leute, die als Einzige wissen, wie man Seite für Suchmaschinen optimal optimiert). Befolge dessen Tipps sklavisch. Er wird Dir wertvollste Hinweise geben, wie Du durch Einstreuen einiger „valuable Keywords“ Traffic und Revenue so richtig anheizen kannst. Schreibe dann möglichst oft „Immobilie“, „Ärztehaus“ und „DSDS“.

– Drehe wacklige Handyvideos dazu. Vorne Du, hinten das Gemäuer. Dann schwenken aufs Touristenpack. Die Leute winken lassen. Das nennt sich Crossmedial und ist sehr hip. Modern sind Schnitte ca. alle zwei Sekunden. Und vergiss die dramatische Hintergrundmusik nicht. Ein Burgenvideo ohne mindestens den Wallkürenritt ist nicht echt! Rammstein/Vangelis sind aber auch ok.

– Lese den Kram bloß nicht nochmal gegen. Sag lieber: Wer Fehler findet, darf sie behalten.

– Wenn Du diese Ratschläge befolgst, wirst Du sicher am Mittelrhein unvergessen bleiben…

Auf Burg Linn gibt es diverse Falltüren. Museumsleiter Dr. Reichmann öffnet eine... / Fotos: StadtSpiegel/Burgerbe
Auf Burg Linn gibt es diverse Falltüren. Museumsleiter Dr. Reichmann öffnet eine…

Als Kontrast einige Tipps für einen guten Burgenblogger:

– Hinschauen. Sammeln. Wirken lassen. Historische Gebäude haben Geschichte vieler Jahrhunderte aufgesogen, geben sie aber nicht so schnell preis. Überliefert sind oft nur Mosaiksteine. Mach Augen und Ohren auf. Hör abends den Wind pfeifen und die alten Dielen knarren und sieh den Schatten beim Wandern zu. Überleg Dir passende Adjektive.

– Vergiss den Reiseführer. Beweg Dich neben den Trampelpfaden der organisierten Touren. Was ist noch da vom Mittelalter, was aus der Renaissance? Wo sind die faszinierenden Details?

– Sei Dir bewusst, dass Burgenbegeisterung und Ritterromantik Erfindungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind. Was uns als „Mittelalter“ verkauft wird, ist zum allergrößten Teil historisierender Nachbau. Steingewordener Traum von Millionären, Grafen und deren unterbeschäftigten Gattinnen. Tinnef. Ein solches Zuckerbäcker-Mittelalter hat es so nicht gegeben.
Kann natürlich trotzdem schön sein. Keine Frage.

Die Heldburg wird zum Deutschen Burgenmuseum
Die Heldburg in Thüringen dürfte bald auch Blogger anziehen: Sie soll zum Deutschen Burgenmuseum werden

– Mach’s wie die Brüder Grimm und Egon Erwin Kisch: Such nach Geschichten. Such nach Quellen: gibt es Tagebücher von Burgbewohnern? Das Zimmermädchen ist heute oft interessanter als der Herr Graf. Was erzählen die Leute im Ort? Lad Freunde ein: Was sagen sie?

– Denk daran, Du bist Beobachter, nicht Juror. Burgen stehen nun mal meist auf Bergen. Das hatte Vorteile, wenn den nachbarlichen Fürsten die Raublust packte. Geblieben ist immerhin die schöne Aussicht. Genieß sie beim Tee, wenn Dich der Blues packt..

– Komm zur Ruhe. Pass Dich dem Tempo hier oben an. Lass Dir nicht vom Tourismus-Manager reinreden: Du musst nicht jeden Tag über die Schönheiten von RLP bloggen und Selfies posten.

– Such den Roten Faden. Deinen ganz persönlichen, der die sechs Monate zusammenhält. Kann sein, dass Du ihn erst in der letzten Woche findest. Oder schon beim Überschreiten der Schwelle. Halt ihn fest. Und schreib’s auf. Ich will’s lesen.

*) Alles inspiriert und plagiiert von „Ratschläge für einen schlechten Redner“ und „Die Kunst falsch zu reisen“ von Kurt Tucholsky, der auch mal eine Schlossbesichtigung mit einem tattrigen Kastellan geschildert hat. Ich glaube es war auf Gripsholm…

PS Ich reiche diesen Artikel mal bei der „Blogparade“ von Barak Zand ein, die den Titel trägt “Ich werde Burgenblogger, weil…”.


8 Gedanken zu „Ratschläge für einen schlechten Burgenblogger*“

  1. @motte pressure: Das ist jetzt schon die 2. Zuschrift aus Österreich hier im Blog, die das 2000-Öcken-Gehalt lobt.

    Nur zu, Bewerbungen aus dem Süden werden gern gesehen…

  2. Ich finde die Stelle äußerst spannend, das geringe Salär erscheint mir für einen indigenen Kärntner geradezu fürstlich. Kärnten darf man getrost als das „Griechenland von Österreich“ bezeichnen- nach Jahren der Korruption und Misswirtschaft einer rechten Regierung und der Hypopleite haben sich auch unsere Gehälter den realen Verhältnissen angepasst. Werden auch noch Spesen und Kost vergütet- ein durchaus interessantes Angebot!

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