Krefeld: Die Alte Samtweberei an der Lewerenzstraße

Lost Places: Alte Samtweberei in Krefeld

Alte Samtweberei: Hier ratterten einst die Texteilmaschinen
Alte Samtweberei: Hier ratterten einst die Textilmaschinen / Fotos: Burgerbe.de

Die Gegend ist, nunja, vielfältig: Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit, Perspektivlosigkeit sind im Krefelder Südwesten, dem sogenannten Seidenweberviertel, deutlich sichtbarer als im schicken Düsseldorf. Den Bürgersteig entlang schlurfende, brabbelnde Gestalten mit Bierflasche in der Hand sind ein alltägliches Bild. Gutes Geld mit Samt verdient hier niemand mehr.

Selbst für Krefelder Verhältnisse ist der Migrantenanteil hoch: Araber, Kurden, Türken der zweiten und dritten Einwanderergeneration und Russlanddeutsche haben sich oft in ganzen Familienverbänden in den Wohnungen der einstigen Textilfacharbeiter angesiedelt. Gleichzeitig wohnt hier auch noch deutsch-bürgerliche Klientel (man arrangiert sich, die Krefelder sind einiges gewohnt).


Was wird aus den Shed-Hallen, einer früheren Quartiersgarage?
Was wird aus den Shed-Hallen, einer früheren Quartiersgarage?

Mehr oder weniger verstecktes Elend und überschaubarer Wohlstand liegen dicht an dicht: Ein Quartier, bei dem man noch nicht so genau weiß, ob die Deutschen, die es sich leisten können, bald in grünere Viertel umziehen und sozial schwachen Migranten, Rentnern und Hartz-IV’lern das Feld überlassen.

Ein Stadtteil auf der Kippe.

Und mittendrin eine leerstehende, vor sich hin rottende Textilfabrik aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die vom Ruhm Krefelds als Hauptstadt der europäischen Samt- und Seidenindustrie kündet. Die Stoffe haben zumindest die Seidenbarone aus der Familie von-der-Leyen reich und berühmt gemacht, deren pompöses Stadtschloss im Stil des Weißen Hauses die Krefelder Stadtverwaltung inzwischen als geräumiges Rathaus nutzt.

Überbleibsel von Polizei-Übungen im Verwaltungsgebäude
Überbleibsel von Polizei-Übungen im Verwaltungsgebäude Pionierhaus

Diese Alte Samtweberei mit ihrer braunen Backsteinfassade erstreckt sich mit ihren Anbauten über fast einen ganzen Häuserblock an der Richtung Bahnhof führenden Lewerentzstraße. Sie könnte der Schlüssel zur weiteren Entwicklung des Stadtteils sein.

Denn im Komplex Alte Samtweberei hat eines der spannendsten Umbau-Projekte begonnen, die Krefeld zu bieten hat. Der neue Besitzer, die Montag-Stiftung Urbane Räume, treibt ein ambitioniertes Konzept voller idealistischer Ziele voran: Ein Leuchtturmprojekt mit Impulsen für den ganzen Krefelder Südwestbezirk mit einem Volumen von rund sieben Millionen Euro.

Seit Mai 2014 wird die Infrastruktur im ehemaligen Verwaltungsbau aus der Nachkriegszeit, dem Pionierhaus, wieder in Schuss gebracht. 1000 Quadratmeter Büroflächen stehen hier 25 bis 30 kreative Nutzern zur Verfügung: Agenturen, Selbstständige, Gründer etc. Die Stiftung will lediglich 3 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter verlangen (selbst in Krefeld konkurrenzlos günstig). Die Eröffnung des Pionierhauses fand schließlich im September 2014 statt.


Innenhof der Samtweberei: rechts die Rückseite des Fabrikgebäudes. links die Dächer der Shed-Hallen
Innenhof der Samtweberei: rechts die Rückseite des Fabrikgebäudes. Links die Dächer der Shed-Hallen

Im Gegenzug für die Mini-Miete sollen die Nuter etwas für die Nachbarschaft leisten. Wer einziehen will, sollte sich mit einem Konzept bewerben, was er (kulturell, als Service oder auf sozialem Gebiet) für Anwohner und Nachbarn tun kann. Für gut die Hälfte der Flächen gibt es bereits Bewerber.

Die verstaubten von Holz-Einbauschränken und Registraturen strotzenden Büros der Offline-Ära sahen bei meinem Besuch im Frühjahr aus wie eine Bürokratenburg der Adenauerzeit – allerdings nach dem Sturm durch ein Spezialeinsatzkommando.

Überall Markierungen mit Klebefolie, mitten in den Räumen rot-weißes Absperrband. Das ist nicht weiter verwunderlich: Nach Auszug der Verwaltung trainierte die Polizei in den altmodischen Büros.

Die Dächer der Shed-Hallen
Die Dächer der Shed-Hallen

Im denkmalgeschützten Fabrikgebäude, wo einst die Webstühle ratterten und Kinderarbeit an der Tagesordnung war, sollen Wohnungen entstehen.

Dieser Teil der Samtweberei präsentiert sich im Rohbau mit freigelegtem Ziegel-Mauerwerk und großen Fenstern. Vom Zuschnitt her ist hier vom geräumigen Studenten-WG-Loft bis zu kleinen Seniorenwohnungen alles möglich. Architekten dürften sich angesichts dieser Flexibilität die Finger lecken.

Für Freunde der Gentrifizierung durch Einzug verbsnobter Edel-Mieter ist das Ganze sicher eine Horrorvorstellung, denn die Stiftung ist nicht auf maximalen Profit, sondern auf Nutzen für die Nachbarschaft durch Durchmischung und Bürger-Engagement aus.

Dächer der Shed-Hallen von unten gesehen
Dächer der Shed-Hallen von unten gesehen

Einen Teil der Einnahmen will die Stiftung wieder für die Stadtteilarbeit nutzen. Sie hat im Nachbarhaus bereits ein Projektbüro eingerichtet, das bald in den neuen Bürotrakt des Lewerentzblocks ziehen soll. Und regelmäßige Versammlungen der Nachbarschaft, bei denen Ideen entwickelt werden, gibt es auch schon.

Interessant wird die Frage, was mit den riesigen Shed-Hallen im Innenhof passiert – einer geräumigen ehemaligen Quartiersgarage. Das Dach ist noch intakt, wie Henry Beierlorzer vom Projektbüro betont. Mitte März 2014 gab es beim Stadtspaziergang der Krefelder Grünen erstmals eine Führung durch den Komplex.

Mehr zum Konzept auf der Seite der Montag Stiftung Urbane Räume: „Initialkapital für die Stadtentwicklung„.
Die Stiftung hat auch das umfangreiche Planungs- und Nutzungskonzept als PDF online gestellt.
Aktuelle Informationen zu dem Projekt gibt es im projekteigenen Samtweberviertel-Blog.

Mehr zu Krefeld hier im Blog:
Burg Linn: Der große Traum von Kreuzfahrer Otto
Römerflüche im Gelleper Hafenbecken
Kolumbus’ Matrose und die Hexe aus der Hülser Burg



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