Amerikabomber? Konnte es die Junkers JU 390 bis New York schaffen? / Foto: Imperial War Museum/Public Domain

Luftwaffe vor New York: Gab es 1944 einen USA-Flug der Ju 390?

Ziel von Hitlers Rachedurst für den Amerikabomber: New York / Foto und Foto oben: gemeinfrei
Ziel von Hitlers Rachedurst für den Amerikabomber: New York / Foto und Foto oben: gemeinfrei

In einer der unzähligen britischen Dokus über die deutschen Weltkrieg-II-Bomber bin ich auf eine eigenartige Stelle gestoßen. Da heißt es, eine Junkers Ju 390 sei im Januar 1944 bei einem Testflug von Frankreich aus bis auf 12 Meilen (19 Kilometer) an die US-Ostküste bei Long Island herangekommen – und unbeschadet wieder heimgekehrt.

Angeblich sei das ein Testflug gewesen, um die Erkenntnisse über Bombenangriffe auf die USA zu sammeln. „So nah kam die deutsche Luftwaffe den USA nie wieder“, fügt der Sprecher mit bedeutungsschwangerer Stimme hinzu.

Eine Maschine, die 1944 vom NS-„Atlantikwall“ bis in die Küstengewässer von New York geflogen sein soll?! Warum hat „Einestages“ das Thema nicht schon längst aufgegriffen?


Die Informationen zu dem Fall sind, nun ja, ziemlich dürftig.

Screenshot auf dem "History-Channel"-Video: So weit soll die Ju 390 gekommen sein
Screenshot aus dem „History-Channel“-Video: So weit soll die Ju 390 gekommen sein

Die Ju 390 war ein sechsmotoriger Langstreckenaufklärer, von dem nur zwei Exemplare (V1 und V2) gebaut wurden. Theoretisch hätte der Riesenvogel (50 Meter Spannweite, so viel wie die heutige Boeing C-17 Globemaster) eine Reichweite von 8000 bis 10.000 Kilometern und eine Flugdauer von 32 Stunden haben sollen.

Auf dem Papier würde das so gerade für den Amerika-Flug reichen…

Ausgelöst wurden die Spekulationen um die Luftwaffen-Tour zur US-Ostküste durch Befragungen von nach dem D-Day in Frankreich gefangenen deutschen Soldaten durch die Alliierten.

Die Kriegsgefangenen erzählten von einem Amerika-Flug im Januar 1944 vom Stützpunkt Mont-de-Marsan aus, bei dem Fotos der US-Küste bei Long Island geschossen worden sein sollen.

Junkers Ju 290 der in Mont-de-Marsan stationierten Fernaufklärungsgruppe 5 / Foto: Imperial War Museum/Public Domain
Ju 290 der in Mont-de-Marsan stationierten Fernaufklärungsgruppe 5 / Foto: Imperial War Museum/Public Domain

Von Mont-de-Marsan starteten tatsächlich viermotorige Seeaufklärer vom Typ Ju 290 mit einer Reichweite von 6000 Kilometern: viel zu wenig für die Long-Island-Return-Tour.

William Green, Redakteur der Zeitschrift RAF Flying Review brachte die Geschichte in seinen Büchern „Warplanes of the Second World War“ (1968) und „Warplanes of the Third Reich“ (1970) – allerdings ohne belastbare Quellen anzugeben. Seitdem wurde sie – darauf aufbauend – immer regelmäßig wiederholt. Klingt ja nach einer Hammer-Story („Nazis vor New York“), gerade auch nach 9-11.

Vollends verworren wurde die Lage durch einen Artikel von James P. Duffy im Daily Telegraph vom 2. September 1969 mit dem Titel „Lone Bomber Raid on New York Planned by Hitler“, der einen Ju 390-Testflug nach Kapstadt beschrieb.

Bild: Amazon
„Die großen Dessauer. Junkers Ju 89, Ju 90, Ju 290, Ju 390 – Geschichte einer Flugzeug-Familie“ Bild: Amazon

Aber was ist denn nun historisch? Bei nur zwei flugfähigen Maschinen dürfte es doch nicht so schwer sein, die Wahrheit herauszufinden…

Die Autoren Karl Kössler und Günter Ott sind in ihrem Buch „Die großen Dessauer. Junkers Ju 89, Ju 90, Ju 290, Ju 390“ (Link zu Amazon) der Sache dankenswerterweise nachgegangen.

Nach ihren Recherchen kam die erste Maschine V1 zwischen November 1943 und November 1944 über Erprobungen in Rechlin und bei Prag nicht hinaus und wurde danach wieder nach Dessau zum Junkers-Werk gebracht. Beim Anrücken der Alliierten setzten Junkers-Mitarbeitern die Maschine in Brand.

Dieses Modell war also mit ziemlicher Sicherheit nie in Frankreich. Wegen seiner Leichtbauweise wurde es auch nie vollgetankt getestet. Es hätte auseinanderbrechen können.

Die Version V2 wurde erst Monate nach dem angeblichen Amerika-Flug fertig, im Oktober/November 1944. Wenn sie überhaupt geflogen ist, dann erst im Februar 1945 von der Erprobungsstelle Rechlin bis nach Lärz in Mecklenburg.

Angebliche Aufnahme der New Yorker Skyline durch ein deutsches U-Boot / Screenshot YouTube
Angebliche Aufnahme der New Yorker Skyline durch ein deutsches U-Boot / Screenshot YouTube

Wie auch immer man die Geschichte dreht, der USA-Flug der Ju 390 bleibt eine dieser Hörensagen-Erzählungen, mit der sich offenbar Kriegsgefangene wichtig tun wollten, die ein paar technische Daten des Wundervogels kannten.

Fazit: Die geheime Mission der Nazi-Luftwaffe zur US-Ostküste hat nie stattgefunden.

Bis vor New York kamen nur deutsche U-Boote. Doch die angeblich von diesen gefilmten Bilder von Manhattans hell erleuchteten Wolkenkratzern waren eine Goebbels’sche Fälschung. Die Gewässer um Sandy Hook wären für die U-Boote viel zu flach gewesen, um unbemerkt hindurchschlüpfen zu können.



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