Ein Kran überragt zurzeit Schloss Thun

Die Burgunderbeute auf Schloss Thun


Karl der Kühne um 1460 / Foto: Wikipedia/Public Domain
Tod auf dem Schlachtfeld: Karl der Kühne um 1460 / Foto: Wikipedia/Public Domain / Foto oben: Burgerbe.de

Die Landkarte Westeuropas sähe heute anders aus, hätte es sich Burgunderherzog Karl „der Kühne“ (1433-1477) nicht mit den Schweizern verscherzt. Die Eidgenossen waren zwar weder gute Reiter noch Bogenschützen. Schwertfechten konnten sie ebenfalls nicht so besonders.

Und selbst ihre fortschrittlichste Waffe, die durchschlagskräftige Armbrust krankte an einem spezifisch schweizerischen Problem: Sie war zwar hochentwickelt, auf dem Schlachtfeld allerdings viel zu langsam beim Nachladen, um die Lanzenattacke eines heranbrausenden, schwer gepanzerten Ritterheers aufzuhalten.

Aber eines hatten die Schweizer allen anderen Armeen ihrer Zeit voraus: Ihre disziplinierte Bürgertruppe verstand es, mit meterlangen Piken, Stechlanzen und Hellebarden umzugehen. Dicht an dicht standen die Pikaniere und deckten sich gegenseitig mit ihren Klingen. Für die Kavallerie dieser Zeit ein unangreifbares Hindernis.



Karl „der Kühne“ wollte das nicht einsehen. Einfache Bürger waren für den Ritter, der den Orden vom Goldenen Fließ ständig um den Hals trug, kein ernstzunehmender Gegner. Schließlich gebot er über tausende professionelle Söldner und einen ganzen Park damaliger Hightech-Waffen: Frühe Kanonen.

Die Luzerner Chronik von 1515 zeigt die Schlacht von Grandson: Im Hintergrund rechts das burgundische Lager / Bild: Wikipedia/Public Domain
Die Luzerner Chronik von 1515 zeigt die Schlacht von Grandson: Im Hintergrund rechts das burgundische Lager / Bild: Wikipedia/Public Domain

Als er erstmals im März 1476 mit 20.000 Mann einem Aufgebot von etwa 18.000 Schweizern bei Grandson gegenüberstand, befahl der Herzog wie gewohnt den Frontalangriff der schweren Kavallerie auf die Lanzenträger. Die Brechstangen-Methode hatte bislang schließlich immer geholfen.

Als die eingeigelten Eidgenossen mehrere Reiter-Attacken blutig abgeschlagen hatten, ließ der Herzog das Heer umgruppieren. Dann sollten eben die Infanterie, die englischen Langbogenschützen und die 400 burgundischen Geschütze mit den Schweizer Haufen aufräumen.

Dummerweise tauchte just in dieser Phase eine weitere schweizer Armeegruppe auf dem Schlachtfeld auf. Durch laute Hörnerstöße kommunizierten die schweizerischen Truppenteile miteinander. Und ihr Signal hieß jetzt: Angriff auf die sich umgruppierenden Feinde. 

Das versetzte die burgundischen Truppen in Panik. Es kam gar nicht mehr zum richtigen Kampf: Alles flutete zurück.

Auf Schloss Thun werden heutre wichtige Stücke der Burgunderbeute ausgestellt
Auf Schloss Thun werden heute Stücke der Burgunderbeute ausgestellt

Die Berittenen konnten sich problemlos retten, da die Eidgenossen über fast keine eigene Kavallerie verfügten. Die Fußsoldaten kamen mit 1000 Toten davon. Doch ein Großteil des luxuriösen burgundischen Zeltlagers inklusive der Kanonen fiel den triumphierenden Schweizern in die Hände: Die noch heute sprichwörtliche Burgunderbeute.

Die Eidgenossen erbeuteten: 419 Geschütze, 800 Hakenbüchsen und 300 Tonnen Schießpulver. Hinzu kam der mit Perlen verzierten Hut und das Prunkschwert Karls, sein goldener Stuhl nebst ebensolchem Siegel und seine Diamanten.

Außerdem noch Mengen wertvoller Tapisserien und der Stoff der Luxuszelte. Letzterer wurde zu großen Teilen zu eleganter Kleidung für die schweizerische Haute Volée verarbeitet.

Einen hohen Symbolwert hatte der burgundische Wappenteppich: Er zeigt die diversen Einzelwappen der vielen burgundischen Länder (die sich vom heutigen Burgund über die Picardi bis zu den Beneluxstaaten erstreckten).

Die Schweizer gingen nicht sonderlich respektvoll damit um. Sie zerschnitten das Tuch der Größe wegen in vier Teile und lagerten es in den folgenden Jahrhunderten auf Burg Thun ein. Den edlen Stoff nutzten sie bestenfalls zum winterlichen Abdichten der zugigen Fenster.

Stück aus einem burgundiscien Wappenteppich / Foto: Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Public Domain
Stück aus einem burgundiscien Wappenteppich / Foto: Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Public Domain

Erst 1883 bemerkte man, was für eine Textilie man da achtlos als Dichtungshilfe verwendet hatte. Das Wappentuch wurde bald zum Prunkstück des historische Museums auf Schloss Thun, wo es heute noch (hinter Glas) in einem eigenen Saal zu sehen ist.

Karl der Kühne hat aus der Niederlage von Grandson nichts gelernt, was ihm zum Verhängnis wurde. Im Januar 1477 stellte er sich vor Nancy einem überlegenen eidgenössisch-lothringischen Heer. Den Schweizern gelang es, die Burgunder in der Flanke zu fassen und regelrecht aufzurollen. Karl floh sehr spät, wurde auf eingeholt und durch Stiche verletzt.

Ein Hieb mit einer Hellebarde spaltete ihm den Schädel. Tage später wurde seine ausgeplünderte Leiche gefunden. Auch der Orden vom Goldenen Fließ war fort – und wurde zu schnellem Geld gemacht.

Nach Karls Tod brach der französische König gleich große Teile aus dem burgundischen Reich heraus, das nie mehr seine einstige Größe erreichen sollte. Karl der Kühne fand schließlich in Brügge seine letzte Ruhe.

Stücke der Burgunderbeute sind zu sehen im:

Museum Schloss Thun
Schlossberg 1
3600 Thun
(Eintritt: Acht Euro)

Öffnungszeiten von Schloss Thun:
Februar und März
täglich 13 bis 16 Uhr

April bis Oktober
täglich 10 bis 17 Uhr

November bis Januar
sonnttags 13 bis 16 Uhr



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