Die Sache mit den Mittelalter-Irrtümern

Betonburg im Legoland-Ritterland / Foto: © LEGOLAND Deutschland
Als Nachbarn die Achterbahn: Betonburg im Legoland-Ritterland / Foto: © LEGOLAND Deutschland

Das Mittelalter war ganz anders als wir es uns so gemeinhin vorstellen. Heute sorgen pompöse Ritterfilme und die grassierenden Mittelaltermärkte rund um jedes Gebäudes, das irgendwie „alt“ aussieht,  für ein reichlich romantinierendes Bild.

Kaum vorstellbar, wie der Alltag zwischen Völkereanderung und Reformation wirklich aussah, als die Weltstädte bestenfalls die Einwohnerzahl des heutigen Ratingens erreichten – und die deutsche Hauptstadt nicht nur nach Kriegen und Wiedervereinigungen umzog, sondern alle paar Monate.

Aber davon erfuhr das gemeine Volk ausserhalb der betroffenen Orte eh nichts, weil es noch keine Medien gab und der gemeine Pöbel (wie auch ein Großteil der Adeligen) eh nicht lesen konnte.

Ritter-Comic Sigurd: Blonder Recke rettet Burgfräulein
Ritter-Comic Sigurd: Blonder Recke rettet Burgfräulein

Was haben die Leute bloß den ganzen Tag gemacht, als Amerika auf unserer Seite des Atlantiks nur ein paar rauflustigen Nordmännern bekannt war und die Fernkommunikation (also alles über ein, zwei Kilometer) noch per reitendem Boten,  Leuchtfeuer oder Brieftaube funktionierte. Oder auch nicht.

Klar, die warmen Jahreszeiten waren durch Feldarbeit und gelegentliche Kriegszüge des jeweiligen Fürsten geprägt. Da der nur wenige Berufssoldaten hatte, mussten die Bauern mitkämpfen, wurden aber im Spätherbst wieder nach Hause geschickt.

Und da saßen sie nun an den langen Winterabenden, ab 17 Uhr zusammengekauert im muffigen Halbdunkel bei flackernden Lampen,  während draußen der Regen auf die Strohdächer pläddert und es durch die notdürftig abgedichteten Fenster zog. Brrr. Und das ohne Krankenversicherung und Notfallambulanz für Zahnschmerzen (allerdings war auch der lamentierende Ärzte-/Kassenfunktionär noch nicht erfunden).

Kein Wunder, dass die Brüder Grimm später so einen reichen Schatz an düsteren Volksmärchen ernten konnten, die mündlich weitergegeben wurden, und an solchen Abenden für Unterhaltung in den windschiefen Hütten zwischen Rhein und Elbe sorgten, die noch von üppig-dunkeldeutschen Waldgebieten umgeben waren.

Heute kann man das „echte“ Leben auf Burgen übrigens in Österreich für ein paar Tage lang im Selbstversuch testen (für Nachschub an nahrhaftem Brei, Wein und Fleisch ist gesorgt, man muss die Täubchen nur selbst zubereiten). Eine FAZ-Autorin hat das mal beschrieben.

Mittelalter gab's auch in Entenhausen
Mittelalter gab’s auch in Entenhausen

Spiegel-Geschichte-Autor Marco Evers hat netterweise mal „Zehn Irrtümer über die Festungen des Mittelalters“ zusammengefasst, onlinekonform zum Durchklicken. In den Texten stecken nun die üblichen Geschichten drin vom angeblichen Keuschheitsgürtel der Kreuzritter-Gattinnen (eine Erfindung des sensationslüstern-prüden 19. Jahrhunderts) bis zur auf keiner Burg fehlenden Hexen-Folterkammer (Verliese gab’s schon, aber die „peinliche Befragung“ war der hohen Gerichtsbarkeit vorbehalten).

Insgesamt eine informative Lektüre, wenn man mal ein paar Minuten Zeit hat.

PS: Historiker kennen das Problem nur zu gut. Regelmäßig sträuben sich ihnen die Nackenhaare, wenn zum Beispiel in einer TV-Doku über Karl den Großen edle, schlanke Langschwerter auftauchen, die erst 600 Jahre später Mode wurden. Grundsätzliche Gedanken dazu hat sich Jan H. Sachers in seinem lesenswerten Blog Histo.fakt gemacht. Da kann man froh sein, wenn am Set wenigstens darauf geachtet wird, dass Handys und Armbanduhren zeitweise verschwinden.



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