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Probe von Richard Löwenherz’ Herz analysiert


Grabskulptur von Richard Löwenherz / Foto: Wikipedia/Adam Bishop

Grabskulptur von Richard Löwenherz / Foto: Wikipedia / Adam Bishop / CC-BY-3.0

Welche Geschichten kann das Herz von Richard Löwenherz erzählen? Das hat der französische Medizinier Archäo-Anthropologe Philippe Charlier mit forensischen Methoden herauszufinden versucht. Er hatte sich zwei Gramm Staub aus einem Bleikästchen erbettelt, das 1838 bei Ausgrabungsarbeiten in der Kathedrale von Rouen entdeckt worden war. Es trägt die Inschrift “HIC IACET COR RICARDI REGIS ANGLORUM” (“Hier ruht das Herz von Richard, König von England”).



Charlier konnte aus der Probe bei mit Hilfe mikroskopischer Pollen-Untersuchungen und des Massenspektrometers erstaunlich viel herauslesen (auch ohne C14- und DNA-Test). Das Ergebnis veröffentlichte er jetzt in der Zeitschrift “Scientific Reports” – und löste ein gewaltiges Medienecho aus.

Der Wissenschaftler konnte Spuren von Quecksilber und Teeröl, Weihrauch, Margeriten, Pfefferminze und Myrte nachweisen. Die ersten beiden Substanzen sollten das Herz haltbar machen. Es wurde also ehrfurchtsvoll einbalsamiert – wie schon bei den ägyptischen Pharaonen.

Danach wurde der eingeölte Fleischklumpen in feinstes Leinen eingeschlagen und das ganze parfümiert. Es sollte geruchlich an den paradiesischen Wohlgeruch des Messias erinnern, so die Vermutung von Charlier. Schließlich legten die Balsamierer das Herz in das beschriftete Bleigefäß, versiegelten es und begruben es bei einer Skulptur des Königs. Auch allerlei Bakterien fielen dem Forscher auf, aber mit Richards Tod haben sie wohl kaum zu tun.


Der Inhalt der Bleibox mit dem Löwenherz-Herz: Nur noch Krümel und Fetzen.

Der Inhalt der Bleibox mit dem Löwenherz-Herz: Nur noch Krümel und Fetzen. Screenshot/Foto: Charlier

Richard Löwenherz bekam ein Doppel-Begräbnis. Das Herz des 1,86 Meter großen Kriegshelden wurde in der Kathedrale von Rouen bestattet, das damals mitten im englischen Machtbereich lag. Sein restlicher Körper fand in der Abtei Fontrevault im Anjou die letzte Ruhe.

Heute sind vom Herz nur etwa 80 Gramm krümelig-staubige Reste und ein paar Stofffetzen übrig. Die größeren Stücke rückte das Museum, das die Box verwahrt, nicht raus – lediglich die zwei Gramm Staub gab’s zur Untersuchung.

Charlier hat sich bei der Analyse toter historischer Persönlichkeiten bereits einen Namen gemacht. So gelang ihm der Nachweis, dass es sich bei einem Schädel im Besitz privater Sammler um Überreste des französischen Königs Henri IV.  handelte. Relikte, die angeblich zu Jean D’Arc gehören sollten, konnte er als Reste einer ägyptischen Mumie identifizieren.

Aber in der Johanna-von-Orlean-Sache lässt er nicht locker: Als nächstes möchte er sich dem Körper des John of Lancaster zuwenden. Der ließ Jean d’Arc immerhin hinrichten.

Chateau Chalus-Chabrol: Bei der Belagerung der Burg wurde Richard von dem Armbrustbolzen getroffen / Foto: Wikipedia/Fonquebure

Chateau Chalus-Chabrol: Bei der Belagerung der Burg wurde Richard von dem Armbrustbolzen getroffen / Foto: Wikipedia / Fonquebure / CC-BY-3.0

Im deutschen Raum wurde der König durch seine Kreuzzugsgeschichten bekannt – und weil er mehrere Wochen auf Burg Trifels als Gefangener des Kaisers einsaß und nur gegen ein enormes Lösegeld freigekauft werden konnte. Auch die Geschichte von Robin Hood und dem Sheriff auf Nottingham Castle spielt in dieser Zeit.

Nun ist das Analysieren vermutlicher royaler Überreste mithilfe modernster Technik gerade schwer in Mode. Die Universität Leicester hat vor ein paar Monaten unter einem Parkplatz gefundene Knochen per DNA-Test dem englischen König Richard III. zugeordnet, einem Nachfahren von Richard I. Löwenherz aus der Familie der Plantagenet. Und der MDR hat gerade ein denkmalgeschütztes Grab in Hildburghausen geöffnet, um herauszufinden, ob dort nicht vielleicht doch eine im Exil gestorbene Bourbonen-Prinzessin liegt. Dagegen regte sich Widerstand in der Bevölkerung.

Der Tod von Richard Löwenherz im Alter von nur 41 Jahren entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Der König hatte die Armbrust immer geschätzt, und den Einsatz dieser von der Kirche geächteten Waffe gefördert. Geächtet war sie, weil ihre Bolzen Rüstungen durchschlagen konnten – und das galt, zumindest im Kampf unter Christenmenschen – als unritterlich.

Wegen ihrer im Vergleich zum Langbogen sehr langen Ladedauer (zwei Schuss pro Minute waren das Maximum) galt sie als defensive Waffe, bestens geeignet zur Verteidigung von Burgen gegen den Angriff gepanzerter Einheiten.

Genau das wurde Richard zum Verhängnis. Bei der eigentlich routinemäßigen Belagerung der Burg Chalus-Chabrol im Limousin traf ihn ein Armbrustbolzen Ende März 1199 an der Schulter. Wenige Tage später starb er an Wundbrand. Der Sage nach hat Richard dem Schützen verziehen und ihn nach der Einnahme der Burg begnadigt. Wie auch immer: Die Verwandten des Königs ließen den zielsicheren Soldaten nach Richards Tod häuten und zu Tode folterten.

Zum ausführlichen Artikel in den “Scientific Reports” geht es hier. Deutschsprachige Artikel, weitgehend basierend auf einem Bericht der Agenur AFP findet man beim ORF, bei n-tv und beim Schweizer Fernsehen.

PS: Die Grabung in Leicester hat noch einen weiteren interessanten Fund zu Tage gebracht: Einen Bleisarg innerhalb eines Steinsargs. Solch eine aufwendige Bestattung kann im 13./14. Jahrhundert nur einem ziemlich bedeutenden Adeligen zuteil geworden sein. Ein Name ist auf dem inneren Bleisarg nicht verzeichnet, lediglich ein Kruzifix eingraviert. Darüber berichte Spiegel Online: “Grabung in Leicester: Archäologen entdecken geheimnisvollen Sarg im Sarg.”


~ by Jan on 2. März 2013.

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