Die verschwundene Burgkapelle von Haus Meer

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Die verfallende Remise von Haus Meer (Foto: Wikipedia/Alice Wiegand, (Lyzzy))

Die Kunsthistorikerin Dr. Rosemarie Vogelsang präsentiert eine Indizienkette, die zu dem Schluss führt: Es gab eine mittelalterliche Burganlage auf dem Meerbuscher Haus-Meer-Gelände. Reste einer alten Kapelle könnten dies beweisen.

Geschichtsforschung ist manchmal wie Polizeiarbeit. Wenn Zeitzeugen lange tot sind und hieb- und stichfeste Beweise fehlen, müssen Indizienketten her. Oft führt der Weg über mühseliges Studium vergilbter Folianten in Archiven: immer auf der Suche nach bis
lang übersehenen Mosaiksteinchen an Information, die die Lücken ausfüllen. Gelingt dies, kann plötzlich ein völlig neues Bild entstehen.

Haus Meer in Meerbusch-Büderich ist ein Ort, an dem solche Überraschungen nach wie vor möglich sind. Seit Jahren diskutieren Historiker darüber, ob das Gelände in den Jahren der Gründung von Kloster Meer (im Jahr 1166) Standort einer Burg war. Dieses „Castrum Mare“ wird in mittelalterlichen Quellen mehrfach erwähnt.

Zurzeit mutmaßt die Forschung, dass das Castrum Mare mit der in den 1960er Jahren in der Ilvericher Altrheinschlinge ausgegrabenen einstigen Holzburg („Motte Meer„) identisch ist.

Die Kunsthistorikerin Dr. Rosemarie Vogelsang zieht aus den Quellen andere Schlüsse. Sie präsentiert eine Indizienkette, die nahe legt, dass vor dem Bau des Klosters bereits eine Burganlage auf der Fläche stand. Sie kann zwei durchaus gewichtige Argumente ins Feld führen: Alte Katasterkarten und eine verschwundene Kapelle. Die Theorie ließe sich durch eine relativ einfache Grabung überprüfen.

Rückblende: In den Jahren vor der Klostergründung durch Hildegundis (1166) lässt ihr Sohn Theoderich eine Urkunde verfassen. Darin werden Burg Meer und eine Kapelle erwähnt:

Capellula b. Laurentii, quae est in castro meo videlicet Mere
„Die Laurentiuskapelle, die in meiner Burg, genannt Meer, liegt“.

Diese Kapelle gehörte also zur Burganlage. Sie muss mehr als 400 Jahre bestanden haben, denn sie taucht in einer weiteren Urkunde aus dem Jahr 1607/08 erneut auf.

Dort ist die Rede davon, dass die Laurentiuskapelle nach den Verwüstungen des Truchsessischen Krieges (1583 bis 1588) wieder hergestellt und neu konsekriert (also geweiht) worden ist. Es hat die mittelalterliche Burgkapelle also lange nach Verschwinden der Burg und sicher noch bis Anfang des 17. Jahrhunderts gegeben.

Doch wo lag sie? Weder auf dem Haus-Meer-Gelände noch auf dem Areal der Motte Meer sind bislang Spuren des Gotteshauses gefunden worden. Und das, obwohl Archäologen bei ihren Ausgrabungen auf dem einstigen Klosterareal danach gesucht haben. „Wenn wir die Kapelle finden, haben wir auch die Burg“, unterstreicht die ehrenamtliche Denkmalpflegerin Vogelsang.

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Auf einem der alten Pläne des Landschaftsgartens entdeckte die Kunsthistorikerin die verdächtige Form. Dieser Plan stammt von 1865. Quelle: Wikipedia/FH Köln, Fakultät für Architektur in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein Meerbusch

Sie durchforstete alte Katasterkarten und sah sich den Plan des historischen Parks genauer an. Dabei stieß sie auf eine Besonderheit. In drei Katasterplänen aus dem 19. Jahrhundert und im Plan des Weyhe-Landschaftsgrtens taucht mitten im Park eine mehrere Meter breite halbrunde Form auf. Das ist sehr ungewöhnlich, denn normalerweise stoßen die Grundstücksflächen in solchen Plänen rechtwinklig aufeinander. Es sei denn, bei der Abmessung der ursprünglichen Pläne stand etwas im Weg, das die entsprechende gebogene Form hatte.

„Und das kann nur die Apsis einer Kapelle gewesen sein“, sagt Vogelsang. Darauf weise auch die Ausrichtung des Halbrunds nach Osten hin. Der Chor mittelalterlicher Gotteshäuser wurde in der Regel nach Osten hin angelegt – in die Richtung des Sonnenaufgangs als Symbol der Auferstehung. Der Apsis-Umriss stimme mit den im Standardwerk von Edgar Lehmann „Der frühe deutsche Kirchenbau“ gezeigten Typen der ersten deutschen Kirchen überein, hebt die Kunsthistorikerin hervor.

Für Rosemarie Vogelsang spricht letztlich auch der gesunde Menschenverstand dafür, dass die Burg Meer auf dem ertragreichen Stück Land an der alten Römerstraße (heute Moerser Straße) stand und nicht in der sumpfigen Altrheinschlinge: „Wo zieht Hildegundis, eine Mutter mit drei kleinen Kindern, wohl hin – ins Schnakenloch oder auf die sonnenbeschienene Niederterrasse?“


Aus der Burg könnte dann Kloster Meer mit seinem eigenen Gotteshaus geworden sein. Die alte Kapelle am Rand der Anlage ließ man respektvoll stehen. Die im Kloster Meer lebenden Prämonstratenserinnen müssen jahrhundertelang für ihren Erhalt gesorgt haben. Wie lange die Kapelle existierte, ist nicht klar.

Die Klosterkirche wurde 1807 abgerissen. Spätestens mit der Anlage des Landschaftsparks nach 1850 muss dann auch die alte Kapelle verschwunden sein. Je nachdem, wie gründlich die Abbruchunternehmer damals arbeiteten, könnten Grundmauern noch in 50 Zentimeter bis einem Meter Tiefe vorhanden sein – wenn die Theorie denn stimmt. Der Förderverein Haus Meer hat Rosemarie Vogelsangs Untersuchung mit großem Interesse verfolgt. Die Denkmalfreunde würden es begrüßen, wenn eine Grabung die Kapellen-Frage klären würde.

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Vom um 1850 angelegten Landschaftsgarten blieb dieses Teehäuschen übrig. (Foto: Wikipedia/Alice Wiegand (Lyzzy))

Die Entdeckung der Burgkapelle wäre für Meerbusch eine archäologische Sensation – die auch gleich viele weitere Fragen aufwerfen würde. Etwa die nach dem Alter des Gotteshauses. Möglicherweise war die Burgkapelle bei ihrer urkundlichen Erwähnung vor 1166 ja schon 150 Jahre alt oder älter. Dann hätte man es sogar mit einem Bauwerk aus ottonischer Zeit zu tun.

Dann würde sich eine int

eressante Parallele zur Vorvorgängerkirche von St. Stephanus in Lank auftun. Bei einer vom Heimatkreis Lank in Auftrag gegebenen Grabung waren 2010 neben dem St.-Stephanus-Kirchturm die Grundmauern einer Saalkirche aus den Jahren 800 bis 1000 entdeckt worden. Dort stand im Hochmittelalter ein erstaunlich großzügig bemessener Sakralbau, nach Ansicht der Forscher „sicher keine einfache Dorfkirche“. Die Entdeckung wurde als einer der bedeutendsten archäologischen Funde des Jahres im Jahrbuch „Archäologie im Rheinland 2010″ verewigt.

Sollte die Indizienkette tatsächlich zur Entdeckung der Laurentius-Burgkapelle führen, wäre dem rheinischen Meerbusch wohl erneut eine Erwähnung unter den wichtigsten archäologischen Fundorten des Landes sicher.

Vielleicht weiß man zu Weihnachten 2013 ja schon mehr.

Chronik von Haus Meer:
Römer, Klosterfrauen und Seidenbarone

Römische Zeit Diverse Spuren (Kanäle, Mauern, Ziegel), deuten darauf hin, dass auf dem Haus-Meer-Gelände ein römischer Gutshof gestanden hat.

Mittelalter 1166 gründete Hildegundis von Meer ein Prämonstratenserinnen-Kloster. Gleichzeitig existierte eine Burg Meer. Umstritten ist der Standort. Einige hundert Meter weiter, in einer sumpfigen Altrheinschlinge, gab es eine Holzburg, die „Meerer Motte“.

Neuzeit 1804 kauft die Seidenfabrikanten-Familie von der Leyen das Gelände, reißt das Kloster ab und lässt später Schloss und nach 1850 den Landschaftspark errichten. 1943 wird das von der Wehrmacht genutzte Schloss bei einem alliierten Bombenangriff schwer beschädigt, die Ruine 1959 gesprengt. Das Gelände gehört heute einem Kölner Unternehmer und ist gelegentlich bei geführten Rundgängen zu besichtigen.

Zukunft Auf dem einstigen Schlossgrundstück ist ein Luxushotel geplant.


Dieser Artikel von mir ist am 24. Dezember 2012 in der Rheinischen Post Meerbusch und bei RP Online erschienen.


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