Saint-Nazaire: Der Bunker bot 14 U-Booten Platz

Der klotzige U-Boot-Bunker von Saint-Nazaire

Die deutsche Besatzung 1941-1944/45 hat in Frankreich massive Spuren aus Beton hinterlassen. Geradezu monströs wirken die fünf gewaltigen U-Boot-Bunker in Brest, Lorient, Saint-Nazaire, La Rochelle und Bordeaux: Die wichtigsten Stützpunkte der Schlacht im Atlantik.

Die Kriegsgeschichte von St. Nazaire ist besonders blutig: 1940 versenkte die Luftwaffe vor der Stadt den als Truppentransporter genutzten britischen Passagierdamper Lancastria (rund 4000 Opfer). 1943 griff ein alliiertes Kommandounternehmen den Hafen an (Operation Chariot).

Über 200 Tote und eine gesprengte Schleuse waren die Folge. Das riesige Normandie-Dock, ein für die Reparatur von Atlantik-Linern gebautes Trockendock, das daher auch Schlachtschiffe von der Größe der Tirpitz hätte aufnehmen können, war für zehn Jahre außer Gefecht gesetzt.


Durchblick im Bunker
Durchblick im Bunker

Die deutschen Besatzer machten den Handelshafen an der Loire-Müdung zur Festung. Mehrere tausend Arbeiter der Organisation Todt zogen zwischen Januar 1941 und Dezember 1942 den ca. 300 x 130 x 18 Meter messenden U-Boot-Bunker und diverse Nebengebäude hoch. 480.000 Kubikmeter Beton wurden verbaut. Im Innern der Bunker wurde eine regelrechte U-Boot-Werft eingerichtet. Die Anlage ist heute frei zugänglich.

Während heute in anderen U-Boot-Bunkern der Atlantikküste entweder immer noch das Militär das Sagen hat (Brest) oder Bootsschrauber und Fischer die „U-Boot-Garagen“ okkupiert haben (La Rochelle), stehen die riesigen Säle in St. Nazaire fast gänzlich leer – was den Betonkoloss noch beeindruckender macht. Eine Kulisse, in die gefühlsmäßig im nächsten Moment Wolfgang Petersens „Das Boot“ einlaufen könnte. Wird es aber nicht, Drehort für die Bunker-Szenen war La Rochelle.

Die Akustik und die spartanisch-gigantische Optik (nur hohe Bunkerwände, endlos lange Durchgänge und plätschernde Becken) schreien geradezu nach Kunstaktionen und Konzerten, die auch stattfinden. Beim Umbau 2007 wurde ein Veranstaltungssaal für 600 Personen eingerichtet.

Bunker-Kunst
Bunker-Kunst

Die Anlage ist allerdings weitgehend nicht mehr im Ursprungszustand: „Leider hat man zur Vorbereitung des Umbaus als Touristenattraktion den Bunker nicht nur total entkernt, sondern auch einige Rückwande eingerissen, so dass das Bauwerk im Original heute nicht mehr zu sehen ist„, heißt es auf der Seite Deutsches Atlantikwall-Archiv (wo auch diverse Fotos zu sehen sind).


U-Boot-Becken
U-Boot-Becken

Der Stahlbeton der U-Bootbunker ist auch nicht mehr in bestem Zustand. Überall sind Löcher, die Stahlarmierungen liegen frei und rosten in der salzigen Seeluft vor sich hin. Sanierungs-Versuche sind nicht erkennbar. Ich fürchte, in ein paar Jahren wird die örtliche Bauaufsicht nicht umhinkommen, die Anlage zu sperren.

Für die NS-Marine war der Hafen höchst attraktiv, da er als einziger an der Atlantikküste über ein Dock verfügte, das Schiffe von der Größe der Schlachtriesen Bismarck hätte aufnehmen können. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil für den geplanten Kreuzer-Krieg gegen alliierte Gelitzüge im Atlantik. Unter anderem gegen dieses Dock richtete sich das britische Kommandounternehmen von 1943.

Der Schleusenbunker (mit U-Boot Espadon)
Der Schleusenbunker (mit U-Boot Espadon)

Wegen der Marinebasis wurde die Stadt durch die Alliierten immer wieder angegriffen. Die an den Hafen grenzenden Wohnviertel mussten nach dem Krieg so gut wie komlett neu aufgebaut werden.

Angesichts der immer schwereren Bomben-Kaliber baute die Orgnaisation Todt massive „Betonfangroste“ auf dem Dach des U-Boot-Bunkers auf, die das vier bis fünf Meter dicke Betondach noch widerstandsfähriger machen sollten. Bomben mit Aufschlagzünder sollten so zur Explosion gebracht werden, bevor sie das eigentliche Bunkerdach erreichten. Man kann das auf dem frei zugänglichen Bunkerdach heute noch gut erkennen.

Die Hafenseite des Werftbunkers
Die Hafenbeckenseite des Werftbunkers

Wegen der starken Schwankungen zwischen Ebbe und Flut konnte der Hafen nur durch eine Schleuse angefahren werden. Da aber in der Schleuse „festsitzende“ U-Boote ein leichtes Ziel sind, bauten die Deutschen einen nicht minder gigantischen Schleusenbunker, von dessen Dach man heute einen  prima Blick über das Hafenbecken und auf den gegenüberliegenden U-Boot-Bunker hat. Mehr zum Schleusenbunker gibt es in einem eigenen Artikel.

St. Nazaire mit seinem U-Boot-Bunker war übrigens der letzte deutsche Stützpunkt in Frankreich, der kapitulierte. Bis zum 11. Mai 1945, zwei Tage nach der Kapitulation der Wehrmacht, ließ sich die Besatzung damit Zeit.

Jahrzehntelang wussten die Franzosen nicht so genau, was sie mit dem vor sich hin bröckelnden Betontrumm anfangen sollen, das ihre Innenstadt wie ein breiter grauer Riegel vom Hafen abschneidet.

Mittlerweile ist der U-Boot-Bunker-Koloss Teil des Konzepts „Ville Port“ des katalanischen Architekten Manuel de Sola, das Stadt und Hafen zusammenführen soll. Nun ja, Konzept hin oder her, ich habe so den Eindruck, dass der Riesenbunker trotz Schifffahrtsmuseum, diverser Infotafeln und einer überflüssigen, sanft ansteigenden Rampe zum Bunkerdach ein klotziger, wenn auch höchst eindrucksvoller Fremdkörper bleibt.

Die Landseite des U-Boot-Bunkers
Die Landseite des U-Boot-Bunkers

Zu besichtigen gibt es folgendes:

– Den kleineren, aber immer noch gigantischen Schleusenbunker (mit U-Boot Espadon). Der Besuch der Dachterrasse ist kostenlos, Innenräume kosten Museums-Eintritt.

– In einem Extrabau ist das Stadtmuseum Ecomusée untergebracht.

– Auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckenslieg liegt der riesige Bunker mit 14 U-Boot-Liegeplätzen und dem Passagierdampfer-Erlebnismuseum Escal’Atlantique. Die Bunker-Besichtigung und der Besuch der Dachterrasse sind kostenlos.

Ich empfehle dringend, in einem der kleinen Restaurants am Hafen Fisch zu essen!

Lage: 44600 Saint-Nazaire, Frankreich, Boulevard de la Légion d’Honneur. Parkplätze z.B. neben dem Schleusenbunker an der Avenue de la Form Écluse.

Fotos: Burgerbe.de

2 Gedanken zu „Der klotzige U-Boot-Bunker von Saint-Nazaire“

  1. Wir sollten nicht dem vorwiegend britischen, teilweise aber auch amerikanischen falschen Sprachgebrauch nacheifern, der von einer „Nazi-Navy“ spricht. Es gab keine „NS-Marine“ sondern eine Deutsche Kriegsmarine im NS-Staat. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Wir bezeichnen die Royal Navy ja auch nicht als „Imperialisten-Marine“.

    Marine-Historiker

  2. Soll es wirklich Jemanden geben, mit eben meinen Interessen??Es sieht ja so aus, in dem ich diesen Blog gefunden habe.
    Schon sehr lange beschäftige ich mich mit dieser Materie, und das nicht nur seit „Das Boot“.
    Ich verherrliche nicht den U-Bootkrieg, sondern mich interesiert die gesamte Entwicklung und deren Konsequenzen.
    V.G. Kuddel B.

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