Wewelsburg: Mit Sitzsäcken gegen Neonazis

Bequem Sitzen ist im “Obergruppenführersaal” ausdrücklich erwünscht.
Bequem Sitzen ist im “Obergruppenführersaal” mit seiner „schwarzen Sonne“ ausdrücklich erwünscht.

Wie geht man mit einem Burgsaal um, in dem die SS ihre baulichen Spuren in Form einer schwarzen Sonne hinterlassen hat? Klar, dass das hakenkreuzähnliche Symbol im Boden des „Obergruppenführersaals“ Neonazis von Nah und Fern magisch zur Wewelsburg bei Paderborn zieht.

Da schreckt auch die davor liegende Zwangsarbeiter-Ausstellung nicht ab, die vom stramm rechten Nachwuchs aus ganz Europa am liebsten links liegen gelassen wird.


Das Museums-Team hat dem gelegentlichen braunen Spuk rund um „Himmlers Burg“ jedenfalls mit ein paar guten Ideen Paroli geboten. Zum einen ist da die Kleiderordnung: Völkische Symbole an der Kleidung müssen überklebt werden, mit einschlägigen Hemden kommt man erst gar nicht rein ins Mahnmal.

Tja, und vor dem Blick auf die schwarze Sonne steht erstmal der Gang durch die im April 2010 neu eröffnete „Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933-45„.

Das Ganze ist sehr detailreich personalisiert, das heißt, man erfährt einiges zu Biografien von Opfern und Tätern. Anschaulich wird gezeigt, dass auch Himmlers SS kein monolithischer Block war, sondern äußerst unterschiedlichen Typen Karrierechancen bot.

Auch die Lebenswege diverser Häftlinge werden nachgezeichnet. Um ihre hochfliegenden Pläne erfüllen zu können, gründete die SS in Wewelsburg ein eigenes Konzentrationslager, das KZ Niederhagen. Es hatte insgesamt rund 3900 Insassen, gut ein Drittel davon kam dort um.

Detailliert erläutert die Schau, wie Heinrich Himmler versuchte, aus verquastem Germanentum, Anleihen bei Gralsrittern, Wagner-Opern  und heidnischen Riten eine Tradition zu brauen – und die Wewelsburg zu einem Kulminationspunkt dieser neuen Mythologie zu machen. So sollten die an ranghohe SS-Führer vergebenen Totenkopfringe nach dem Tod der Träger in der Wewelsburg gesammelt werden.

Gut 16.000 wurden während des Krieges ausgegeben. Die „heimgekehrten“ Ringe sollen nach Kriegsende hauptsächlich in den Taschen von GIs gelandet sein.

Mit dem Voranstürmen der deutschen Truppen wurden auch die Pläne der SS für die Wewelsburg immer größenwahnsinniger.

Aus einer einer ursprünglich geradezu bescheidenen Planung wurde letztlich die Idee eines megalomanischen Gebäuderings, mit der Burg als Mittelpunkt. Das Dorf Wewelsburg wäre verschwunden. Der Bauplan löste bei mir gleich Erinnerungen an den Todesstern aus. Nunja…

Im Zentrum des Ganzen war der Nordturm vorgesehen. In dessen Untergeschoss richtete man eine Art Gruft-Rondell ein (mit erstaunlichen akustischen Eigenschaften), wurde damit aber nicht fertig. Im ersten Stock findet sich der runde, von Fenstern gesäumte Obergruppenführersaal.

Hier sollte einmal im Jahr eine feierliche Besprechung der SS-Generalität stattfinden. Aber auch in diesem Raum wurde nur der Boden mit dem Sonnenrad-Relief fertig. Die Massenmörder trafen in dem Raum nur Mitte 1941 kurz zu einer Besprechung zusammen. Darüber war noch – unter einer Kuppel – ein „Gruppenführerraum“ geplant, aus dem aber nichts mehr wurde.

Der Nordturm
Der Nordturm

Der martialische Architektur des Säulen-Rondells setzen die Organisatoren der Ausstellung orangefarbene Sitzsäcke entgegen. Ikea-Chic gegen den „Schwarzen Orden“. Ausgehend von der Frage: „Was ist das Gegenteil von Strammstehen?“, kamen sie auf die naheliegende Antwort: „sich hinfletzen“.

Und genau das soll man: Gemütlich im Sitzsack versinken, und den Blick über den Raum schweifen lassen (für Ältere, die befürchten nicht mehr hochzukommen, gibt es auch „normale“ Sitzgelegenheiten). Ein ziemlich gelungener Umgang mit ideologisch belasteter Architektur – und allemal besser, als den Raum einfach zuzusperren.

Ansonsten hat die Dreiecksburg noch das Historische Museum des Hochstifts Paderborn, eine Jugendherberge sowie eine sehr empfehlenswerte Museums-Gaststätte zu bieten. Befestigt wurde der Stndort 1123 durch Friedrich von Arnsberg.

Ihre heutige Form erhielt die Burg – die eigentlich ein Renaissance-Schloss ist – 1603 bis 1609 durch Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg. Man baute auch Verhörzellen ein, die die bischöflichen Folterknechte 1631 im Vorfeld von zwei Hexenprozessen nuzten. 1646 wurde die Wewelsburg in der Spätphase des Dreißigjährigen Kriegs weitgehend zerstört.

In der "Gruft" erinnern Bilder an das Schicksal der KZ-Insassen
In der „Gruft“ erinnern Bilder an das Schicksal der KZ-Insassen

Fürstbischof Dietrich Adolf von der Recke ließ die Anlage bis 1660 dann wieder aufbauen. Das Interesse der Bischöfe an der Burg wurde mit der Zeit immer geringer. Ab 1759 wurde sie als Militärgefängnis genutzt. Hier saßen vorwiegend Deserteure, die keine Lust hatten, für den Paderborner Kirchenmann in den Krieg zu ziehen.

1802 wurde die Anlage preußisch, was Petrus mit einem Blitzeinschlag nebst Großbrand im Nordturm (1815) beantwortete. Der Kreis Büren richtete dann in Weimarer Zeit in der Burg eine Jugendgerberge ein. Die SS mietete die Burg ab 1934.

Den Nazis passte die verspielte Weserrenaissance gar nicht. Sie versuchten, etwa durch Abnahme des farbigen Putzes, die Türme „burgähnlicher“ zu machen.

Himmler selbst gab dann 1945 den Befehl, seine Möchtegern-Gralsburg zu sprengen. Da der junge Sprengmeister zu wenig Dynamit einsetzte, erzeugte er lediglich einen Großbrand. Die Mauern blieben stehen – und der „Obergruppenführersaal“ erhalten. 1971 bis 1985 wurde er sogar als Kapelle genutzt.

Heute ist die Burg Museum, Jugendherberge (204 Betten) – und Mahnmal.

Hier eine Auswahl an Literatur zur Wewelsburg bei Amazon:

Links: Wewelsburg-Homepage, Wewelsburg bei Wikipedia



Fotos: Burgerbe.de

7 Gedanken zu „Wewelsburg: Mit Sitzsäcken gegen Neonazis“

  1. Es geht natürlich garnicht den Raum mit Sitzkissen zu zensieren,aber trotzdem ist dieser Raum gefährlich. Ich war zwar noch nicht dort kann mir aber gut vorstellen was für eine Anziehung dieser Raum hat,Nationalsozialismus ist teils Weltanschauung teils….Krankheit es kann eine Person sehr leicht anstecken.

  2. Nach dem Besichtigen der Gedenkstaette war ich so wütend, dass ich gar nicht schlafen konnte. Was mich so wütend machte war die Tatsache, dass man den Obergruppenfuehrer Raum mit den plumpen Sitzkissen zensiert hat. Ich wollte mich mit dem Raum und seiner Atmosphäre und Kraft auseinander setzen. Es ist meiner Meinung nach nur ein Zeichen von Angst und Feigheit, dem Raum seine Wirkung nicht zu erlauben. Keines falls hat es etwas mit Auseinandersetzung mit dem Thema zu tun. Man setzt sich mit dem Thema auseinander in dem man ihm in die Augen sieht und nicht nur seine Brutalität wahrnimmt, sondern auch seine Stärke und die Verführungskraft. Es ist nötig die Begeisterung der damaligen Menschen zu verstehen um in Zukunft ähnliche Tendenzen zu erkennen. Nur dann kann man sich damit kritisch beschäftigt. Die Sitzkissen – Lösung ist eine feige Verblendung die mir als Erwachsenem Besucher eindeutig das Gefühl gibt, dass mir etwas mutwillig vorenthalten wird, während man so tut als setze man sich mit dem Thema pädagogisch und wissenschaftlich auseinander . Es ist leider nichts anderes als die Zensierung von Büchern und Kunst im Dritten Reich. Wieder einmal behauptet man es aus guten Gründen zu tun, -um uns zu schützen. Und wieder einmal wird es nicht erkannt und hingenommen.

  3. Das ist so lächerlich diese Aktion gegen Rechts
    Wir waren am Samstag in der Wewelsburg mit unserer Freien Kameradschaft und wir empfanden keinerlei Einschrenkungen ! Unsere Leute haben alles getragen von Thor Steinar bis Eric und Sohn selbst Mützen mit Runen waren kein Problem.Das mit den Sitzkissen fanden wir klasse wir konnten uns alle im Kreis um die Sonne herrum setzen und den magischen Augenblick voll geniessen.Die Zwangsarbeiter Ausstellung haben wir uns auch angesehen und hat uns gut unterhalten.Was uns allerdings gestört hat waren die Bilder im unterem Raum die wurden mit Dübeln an die historische Wand gemacht wenn wir die Bilder wieder abnehmen dann bleiben hässliche Löcher übrig daher möchten wir sie Bitten jegliche Zerstörung der historischen Burg zu unterlassen da sie unter Denkmalschutz steht .Ansonsten hat es uns wirklich gut gefallen und einige haben die Gelegenheit genutzt um Material für ein Musikvideo zu filmen was absolut kein Problem war.Vor Ort haben wir sogar noch Kameraden aus Berlin kennen gelernt und stehen seitdem im guten Kontakt und werden wohl in Zukunft mal was zusammen machen .
    Wir bedanken uns bei dem kompletten Team von der Wewelsburg für ihre Offenheit und Freundlichkeit es war ein einmaliger Tag für alle Kameraden

  4. Da sieht man wieder die Unwissenden, wo keinen Plan haben……Wegen solche Leuten geht ein Land (dieses) zu Grunde!!!

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