Prima Fotomotiv: Die Ruine von Burg Wendelstein thront auf einem Felsen über der Unstrut in Sachsen-Anhalt

Der blutige Bruderzwist von Burg Wendelstein

Das sumpfig-fruchtbare Land zwischen Unstrut und Saale ist seit Jahrtausenden besiedelt. Von der Kultur der Bewohner zeugt die Himmelsscheibe von Nebra. Am Ufer der Unstrut, nahe Memleben, erhebt sich ein markanter, 30 Meter hoher Gipsfelsen, der Wendelstein. Zur Entstehungszeit der Himmelsscheibe (ca. 1600 v. Chr.) war er wohl schon bewohnt.

Funde von Tongefäßen deuten darauf hin, dass auch die Germanen den Felsen als Festung und Kultstätte genutzt haben (sie wären blöde gewesen, wenn sie sich nicht dort oben festgesetzt hätten).


Im Frühmittelalter sicherten sich offenbar sächsische Stämme den Wendelstein, um die Grenze ihres Reichs gegenüber dem Herrschaftgebiet der Franken abzustecken. Die frühe Geschichte der Anlage liegt allerdings im Dunkeln.

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Oberburg: Sanierte Gebäude und Ruine grenzen aneinander / Fotos: Burgerbe.de

Erst 1312 wird eine Burg aktenkundig. Die Grafen von Rabenswalde hatten sie an die Brüder Hermann und Friedrich von Orlamünde vererbt, die sie weiter ausbauen. Die Orlamünder machten allerdings den Fehler, beim Thüringer Grafenkrieg in die Koalition gegen den Landgrafen Friedrich einzusteigen.

Die antigräfliche Koalition konnte sich nicht halten und musste hohe Entschädigungen an Friedrich zahlen, die ehemals unabhängigen Orlamünder Grafen gehen pleite und finden sich als Lehnsmannen des Landgrafen wieder. Aus latenter Geldnot verkaufen sie den Wendelstein schließlich 1355 an den Hofrichter des Landgrafen, Christian von Witzleben.

Dessen Nachkommen bauen die Burg zur Festung aus. Um 1440 ist der Wendelstein je zur Hälfte im Besitz der Brüder Kerstan und Friedrich von Witzleben. Die ehrgeizigen Burggrafen sind heillos zerstritten und würden die Besitzfrage am liebsten mit dem Schwert lösen.

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Einsturzgefahr: Risse durchziehen die schiefen, von der 1640er Sprengung gezeichneten Mauern.

Die Möglichkeit dazu bietet sich im Sächsischen Bruderkrieg. Kerstan stellt sich auf die Seite des sächsischen Kurfürsten Friedrich, sein Bruder Friedrich unterstützt Herzog Wilhelm. Die Witzlebens fechten nun ihren eigenen Bruderzwist innerhalb der landesweiten Familienauseinandersetzung der Wettiner aus, die große Teile des Landes zwischen Unstrut und Saale verwüstet.

Der Wendelstein wird belagert und fällt 1445 mit Hilfe von Kerstan an den Kurfürsten, der ihn nun in Gänze an Kerstan überträgt. Nach dem Frieden 1451 muss der Bruder die ursupierte Hälfte allerdings wieder herausrücken. Die ganze blutige Angelegenheit war also letzlich völlig sinnlos.

Die Stimmung in der Familien dürfte nach dem Krieg reichlich desaströs gewesen sein. Friedrichs Sohn Christoph hat dann auch 1471 keine Lust mehr auf die hälftige Verwaltung und tauscht seinen Anteil mit Bruno von Querfurt gegen Schloss Burgscheidungen.

Erst Anfang des 16. Jahrhunderts schaffen es die Witzlebens wieder, in den Besitz des gesamten Wendelsteins zu kommen. Der soll nun zeitgemäß ausgebaut werden. Da die Familien mal wieder heillos zerstritten ist, ziehen sich die Bauarbeiten knapp 30 Jahre lang hin.

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Die Ruinen wachsen zu

Zusammengeschweißt werden die Adligen nur durch äußere Ereignisse. Als die Bauernmassen vor den Toren stehen und erstmals einige Vorschläge in Sachen Soziale Gerechtigkeit, Wochenarbeitszeit etc. vorbringen, verbarrikadieren sich die von Witzlebens und andere Adelsfamilien in der Burg und sitzen den Bauernkrieg einfach aus. Von oben sehen sie ihre umliegenden Besitzungen brennen. Nach der Niederlage der Bauern 1525 in der Schlacht bei Frankenhausen (gut 30 Kilometer vom Wendelstein) nimmt der Adel blutige Rache.

Auch im Schmalkaldischen Krieg wird die Burg nicht erobert – sondern an die Truppen von Kurfürst Johann Friedrich übergeben (und hinterher geplündert). Für den Wendelstein beginnt danach die wohl eindrucksvollste Zeit seiner Geschichte.

Die Witzlebens werfen das Geld ihrer Untertanen mit vollen Händen zum Fenster hinaus. Heinrich und sein Sohn Wolf veranstalten Jagden, Feiern und erweitiern die Gemäuer großzügig. Der Wendelstein wird zum weithin bekannten Treffpunkt der adeligen Gesellschaft. Heinrich wird wegen seines Gestüts und seiner Kenntnisse in der Falknerei von Kurfürst August von Sachsen geschätzt und ist ständig im Land unterwegs.

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Das Schloss ist wieder bewohnt

Wahrscheinlich hätte es aber nicht einmal das prassende Adelsgechlecht mit seinem aufwendigen Lebensstil geschafft, das reiche Land zu ruinieren. Heinrich hatte jedoch eine verhängnisvolle Schwäche: Der Burggraf war spielsüchtig. 1547 soll er beim Landtag in Chemnitz mal eben 3100 Taler gegen einen einzigen Spielpartner verloren haben.

Nach seinem Tod 1561 setzte der eher kulturell interessierte Wolf den spendablen Kurs fort. Kredite bediente er mit neuen, immer höheren Krediten (man kennt das ja) und ließ 1596 sogar noch das Neue Schloss, den heutigen Ostflügel der Burg, errichten. Doch irgendwann riss auch bei den Gläubigern der Geduldsfaden.

1616, kurz vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges, sind die Witzlebens dann ihre Burg nach gut 260 Jahren wieder los. Kurfürst Johann Georg von Sachsen ist jetzt der neue starke Mann auf dem Felsen über der Unstrut.

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Aussicht über Wendelsteiner Schleuse und die Unstrut-Niederung Richtung Thüringen

Erfreut über dessen strategisch gümstige Lage, lässt er ihn weiter befestigen. Doch es hilft nichts. Für die durchziehenden Heerhaufen mit ihrer weit tragenden Artillerie sind die Mauern auf der 30-Meter-Erhebung kein ernsthaftes Hindernis. Der Wendelstein fällt 1632, 1636 und 1639/40. Einmal durch die Truppen des Generals Pappenheim, zweimal durch die Schweden.

Die letzte, viertägige Belagerung, durch die Truppen der Generäle Wrangel und Königsmark, erweist sich als ruinös. Bergleute unterminieren die zwei Meter dicken Mauern im Auftrag der Schweden.

Am 12. Dezember 1640 gehen die Sprengladungen in den Stollen hoch. Wälle stürzen ein, die kursächsische Besatzung ergibt sich. Die Schweden, verärgert, dass sie hier zum zweiten Mal kämpfen mussten, schleifen die Befestigungen. Die aufwendig verzierten Räume der Witzlebens brennen aus, die Türme werden gesprengt.

wendelstein3Nur einige einfache Fachwerkhäuser werden anschließend wieder aufgebaut. Der Wendelstein wird nach Ende des Krieges zum Gestüt unter kursächsischer Leitung. Bis zu den napoleonischen Kriegen genießen die Pferde vom Stein einen hervorragenden Ruf.

1813 überrennt das Lützowsche Freikorps unter Theodor Körner die Besatzung und erbeutet sämtliche Pferde. Auch das Kapitel Gestüt Wendelstein ist damit beendet. Der Wendelstein und die dazugehörigen Güter fallen 1815 an Preußen.

Bis in die 1950er Jahre gab es Wohnungen im Schloss, die allerdings selbst für DDR-Verhältnisse bald unbenutzbar waren. In den 1980er Jahren wurden dann doch einige Räume saniert und erneut Wohnungen eingerichtet. Seit 2004 gehört der Wendelstein einem Berliner Architekten.

Die Ruine in Sachsen-Anhalt an der Grenze zu Thüringen ist öffentlich zugänglich (Vorsicht: Einsturzgefahr). Man kann über einen Treppenturm auf eine Plattform steigen und den Blick über Unstrut und das weite Umland schweifen lassen.

Links: Die ausführliche Geschichte des Wendelstein bei Unstrut-Web, Wikipedia-Eintrag. Eine Chronik gibt’s u.a. bei Blaues-Band.de.
Umfassende Informationen inklusive eindrucksvoller Drohnen-Fotos bietet Burgenarchiv.de in seinem Wendelstein-Eintrag
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Lage: Theodor-Körner-Straße, 06642 Memleben

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Bilder: Burgerbe.de

3 Gedanken zu „Der blutige Bruderzwist von Burg Wendelstein“

  1. Der Eigentümer ist jochen Dreetz und wir freuen uns immer wieder über neue Mieter.

    Einfach über das Telefonbuch heraus zubinden. Wenn gewünscht kann ich auch persönlich die Mobilnummer senden.

  2. Heute erst hab ich mal wieder den Wendelstein besucht. Immer wieder traumhaft. Und immer wieder der Gedanke vielleicht selbst mal dort zu wohnen. Ich selbst wohne in Bad Kösen. Eine Anzeige zur Vermietung vor einiger Zeit habe ich aus familiären Gründen leider ignoriert. Können Sie mir vielleicht sagen wie ich mit dem Eigentümer in Verbindung treten könnte?
    MfG

    Christel

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