Eitler Burgenbau-Boom in verschuldeten Städten

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Ein Schloss Neuschwanstein hätten vielen Städte gern (Foto:Wikipedia/Softeis)

Burgen bringen Geld, Image und Touristen. Und was im Mittelrheintal und in Neuschwanstein klappt, muss doch auch anderswo funktionieren, sagen sich immer mehr findige Bürgermeister und PR-affine Heimatfreunde. Zurzeit erleben Burgen-Nachbauten einen wahren Boom. Diverse Städte wollen plötzlich „auch eine Burg haben“. Politiker sehen das leuchtende Beispiel Guédelon in Frankreich, wittern das Riesengeschäft (und die Wiederwahl der Bürgermeisters).

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde es klasse, wenn Mittelalter-Initiativen wie Die neue Burg oder der Verein Mittelalter-Zentrum (Vechta) solche Mega-Projekte planen. Wogegen ich etwas habe, ist, wenn  profilierungssüchtige Polit- und Museums-Funktionäre prompt nach Steuergeld krähen, um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Gerade meldet „Der Westen“, dass das Archäologische Landesmuseum Herne in Westfalen bis 2010 eine Turmhügelburg bauen möchte.

Herne, ausgerechnet in Herne hat man Geld für solch ein Experiment? Eine Stadt, in der laut INSM-Regioranking 15 Prozent der Erwachsenen überschuldet sind, deren Lehrstellen-Angebot weit unter dem Bundesdurchschnitt dümpelt (Bundesweit: Platz 384) und deren eigene Schulden, 1163 Euro pro Einwohner ausmachen. Aber, wenn das Ruhrgebiet sich 2010 als Kulturhauptstadt Europas präsentiert, ist plötzlich Geld für Extravaganzen da.

Wie viele Steuergroschen hier offenbar verprasst investiert werden sollen, wird bislang ebensowenig verraten,  wie der Plan der hölzernen Anlage – und was damit nach Ablauf des Kulturjahres passiert (Abriss?). Vielleicht könnten ja ein paar der 9554 arbeitslosen Herner (Quote im Januar 2009: 13 Prozent) als 1-Euro-Jobber zum Burgbau zwangsverpflichtet werden. Auf den mittelalterlichen Baustellen lief es damals ja genauso ab…

Österreichische Burgenbauer hoffen in solchen Fällen ja auf Europamittel, damit auch andere Länder ihren Spleen mitbezahlen dürfen.

Leute, baut eure Burge wo ihr wollt, aber verlangt nicht, dass in erster Linie der Steuerzahler dafür geradesteht! Wenn ihr nicht in der Lage seid, private Sponsoren zu finden, dann lasst es. Sorgt lieber für den Erhalt der existierenden Gemäuer, sie haben es bitter nötig.


4 Gedanken zu „Eitler Burgenbau-Boom in verschuldeten Städten“

  1. Guten Tag die Herrschaften.
    Ein sehr interresantes Thema über welches ihr hier redet bin zufällig hier hereingestolpert nach dem ich mir näheres über die Burg GUEDELON in erfahrung bringen wollte.
    Also ich bin ein Burgenjäger. hab schon viele gesehen und bin immer auf der suche nach neuen Zielen.

    und nun zu dem Thema neubau oder alte Burgen sanieren.
    Auf meinen touren am Rhein, Mosel Neckar und wesr u.a hab ich viele Ruinen gesehen wuden und mir blutet immer das Herz, bei dem anblick einer ehemals stolzen burg die hofnungslos dem zerfall überlassen wird. und immer wieder kommt der gedanke wieso baut die niemand wieder auf, klar das problem ist das Geliebte Geld welches fehlt nein wozu die Ruine erhalten mann kann das Geld ja lieber in irgendwelchen unfähigen Politikern in die taschen stecke die habens ja soo nötig.

    Fazit:wenn Geld da ist dann mir Geben und die Erste Ruine die restauriert wird ist die Trutzeltz, und weil die eltz gut besucht wird kann man da bestimmt auch noch was dran verdienen, um das nächste projekt zu finanzieren.

  2. In den 70er Jahren des letztn Jhr. hat man in NL eine Festung rekonstruiert und auch mit sog. ABM Kräften aufgebaut. Heut ist diese Anlage in Bourtange Anziehungspunkt und Naherholungsgebiet in Strukturschwacher Region. Allerdings entstand das fernab von einem Mittelalterhype, der offensichtlich alles an gesundem Menschenverstand erstickt.
    Ich bin seit vielen Jahren selbst in historischer Darstellung unterwegs und steh solchen Projekten sicher nicht negativ gegenüber aber es muss schon Sinn machen.
    Der Burgbau in Vechta z.b. ist für mich in mehrfacher Beziehung unmöglich. Zum einen wird Freiwilligenarbeit schon im Konzept mit eingerechnet als Kostenfaktor, das geht für mich überhaupt nicht. Wer selbst ein Haus baut kann zwar freiwillige einspannen aber ob man damit spart zeigt sich definitiv erst am Ende der Bauarbeiten. „Unser Konzept war gut, ihr habt nur nicht genug getan“ wäre dann die logische Folge wenns schiefgeht und man nicht zugeben kann das man mit mangelhaftem Konzept/Finanzierung in die Schlacht zog.
    Wenn ich dann folgendes Bild sehe:
    http://www.mittelalter-zentrum.eu/images/zitadel.jpg
    weiss ich nicht was schlimmer ist, eine mangelhafte Finanzierung oder die Missachtung der vorhandenen Substanz.
    Wie kann man in eine solche Anlage mit hohem historischen Wert eine „Burg“ reinsetzen wollen und dabei die vorhandene Substanz so ignorieren? Sorry aber das ist mir zu hoch. Statt künstlich etwas zu schaffen, wäre es in meinen Augen sinnvoller vorhandenes zu nutzen und die Geschichte der wohl bedeutendsten Epoche in dieser Region zu erzählen.

  3. Sorgt lieber für den Erhalt der existierenden Gemäuer, sie haben es bitter nötig.
    DAS unterschreibe ich SOFORT!!

    Das erinnert mich doch sehr an diese ganzen Staatshilfen für marode Großunternehmen… die garantiert schon vorher in den Miesen steckten und nicht erst seit dieser sogenannten Wirtschaftskrise. Aber so eine Krise ist ja immer gut, sich plötzlich als Opfer hinzustellen.
    Das gleiche gilt dann für diese Burgbauten. Private Investoren soll man suchen und nicht für jeden Mumpitz Euro-Gelder bzw. Staatsgelder fordern.
    Bin ja auch ein großer Burgenfan, aber sich „extra“ Burgen zu bauen, ist doch eine Ladung übertrieben.
    Vor allen Dingen, wie du schon bemerkt hattest, werden die dann nach diesem „Kulturjahr“ mit SICHERHEIT abgerissen…

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