Schloss Neersen bei Willich / Foto: Burgerbe.de

Schloss Neersen: Neubau dank Kriegsbeute

Der Dreißigjährige Krieg kostete Millionen das Leben, entvölkerte ganze Landstriche und warf die deutschen Territorien um gut 200 Jahre zurück. Doch der eine oder andere profitierte auch vom Krieg.

Große Vermögen und Ländereien wurden neu verteilt, Söldnerführer kamen zu Reichtümern. Alte Soldatenfamilien hatten Hochkonjunktur. Neben den Zerstörungen gab es dadurch auch allerlei bauliche Renommierprojekte.

Eines davon ist Schloss Neersen bei Willich am Niederrhein.



Seine Ursprünge gehen auf eine Motte am Flüsschen Niers zurück. Erstmals erwähnt wurde eine kurkölnische Burg dort 1371. Die Niers speiste den Burggraben. Die Burg sollte die Grenze zum Fürstentum Jülich und speziell die Niers-Übergänge schützen.

Auf Schloss Neersen herrschten die Grafen von Kessel, gefolgt von den Herren von Neersen. Die männliche Linie der Neersener starb 1487 aus und die Burg fiel einige Jahre später durch Heirat an die Ritter von Virmond.

Im Park tummet sich Kunst, zum Beispiel eine Blauschafherde (unten rechts)
Im Park tummet sich Kunst, zum Beispiel eine Blauschafherde (unten rechts)

Der Gründer von deren niederrheinischer Linie, Ambrosius von Viermund (bzw.  später „von Virmond-Neersen“), trat in kurkölnische Dienste und war als Berater und Diplomat für den Kölner Erzbischof tätig.

Sogar bei der Wahl Karls IV. zum Deutschen Kaiser mischte er mit und bestärkte seinen Herren darin, Karl seine Stimme zu geben. Der dankbare Kaiser ließ Ambrosius dafür eine lebenslange Leibrente von 200 Talern zahlen.

Und dieser Ambrosius aus dem hessischen Nordenbeck erheiratete nun 1502 Burg Neersen und die umliegenden Gebiete. Er starb 1539 mit 61 Jahren. Die von Viermonds/Virmonds wechselten zunächst zum reformierten Glauben, kehrten aber zwei Jahre vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges zum Katholizismus zurück.

Die Adeligen hatten offenbar eine gute Nase für die Machtverhältnisse. Der Krieg bekam ihnen prächtig.  Diverse Mitglieder der Familie hatten Führungspositionen auf kaiserlich-katholischer Seite inne.

Ambrosius‘ Urenkel Johann von Viermond sammelte 1619 ein Regiment aus 300 Reitern um sich, das als „das Neerische“ bekannt werden sollte und schnell weiter wuchs.

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Der wappengeschmückte Giebel im Schlosshof

Er kämpfte bereits in Anfangsphase des Krieges mit 600 Reitern in der Schlacht am Weißen Berg mit, in der die kaiserliche Armee die böhmischen Protestanten besiegte. Der stürmische Johann eroberte mehrere Pässe und hielt sie für die Kaiserlichen. Dafür wurde er 1621 in den Freiherrenstand erhoben. Für sein Regiment ließ er sich fürstlich entlohnen – oder erpresste den Sold eben bei der örtlichen Bevölkerung. Man war da nicht zimperlich.

Der kaiserliche Feldherr Tilly nutzte Johann für diplomatische Missionen. Dieser wiederum versuchte erfolgreich, weit verstreuten alten Familienbesitz zwischen den Niederlanden und Hessen wieder in die Hände zu bekommen.

1630 stieg Johann zum kaiserlichen Generalwachtmeister auf. Bei der Belagerung von Magdeburg kommandierte er 1200 Fußsoldaten und 200 Reiter. Anschließend verteidigte er mit 3000 Mann Rostock mehrere Monate lang gegen die Schweden.

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Blick vom Park

Die zwangen sein Corps aber schließlich bei Wansleben zur Aufgabe, und Johann kehrte 1632 dem Krieg den Rücken. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm: Ein ehemaliger Reiterkamerad erschoss ihn vor einer Kölner Jesuitenkirche. Seine Nachfolge trat sein Sohn Adrian Wilhelm an. Dieser knüpfte nahtlos an die Karriere des Vaters an, kämpfte als kaiserlicher General und befehligte ein neu aufgestelltes Neersener Regiment. Das Kriegsende erlebte er als Kommandant von Augsburg.

Einen Teil des zusammengerafften Reichtums steckte die Familie in ihren Stammsitz. Aus der baufälligen Wasserburg, deren Fundamente die Niers unterspült hatte, sollte ein repräsentatives, komfortables Schloss mit vier Türmen an den Ecken werden. Torturm und Bergfried der alten  Wasserburg wurden daher abgerissen und überbaut. Der Mittelteil der Burg, das alte Herrenhaus bleibt erhalten und erhält neue Seitenflügel

Über die Arbeiten der folgenden acht Jahre 1661 bis 1669 führte die Familie penibel Buch. 1,7 Milllionen Ziegelsteine für 5469 Reichstaler. Insgesamt soll der Bau rund 18.000 Taler gekostet haben. Zum Vergleich: Ein Kalb stand damals für einen Taler zum Verkauf.

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Schloss-Spiegelung

Das Ergebnis ist ein eher nüchternes Schlossgebäude. Barockes Gepränge blitzt nur hier und da durch, zum Beispiel am reich mit dem Virmond-Wappen verzierten Giebel.  Adrian Wilhelm beschloss sein Leben als kaiserlicher Feldmarschall. Um das Seelenheil des Kriegsveteranen kümmerte sich Hauspriester Gerhard Vynhoven. Der ehemalige Feldkaplan des Reitergenerals Jan van Werth ließ in Neersen die bis heute erhaltene Kapelle Klein-Jerusalem mit 1:50-Modellen von Geburtsgrotte und Grabkirche errichten. Adrian Wilhelm unterstützte ihn nach Kräften.

Adrian Wilhelms Sohn Damian Hugo stieg in die Fußstapfen von Vater und Großvater. Als kaiserlicher General diente er im Türkenkrieg in Siebenbürgen. In der Schlacht bei Zenta 1697, einem kaiserlichen Sieg gegen die Osmanen, schlug er sich mit seinem Regiment so mutig, dass der Kaiser sich auf Prinz Eugens Empfehlung hin, schriftlich bei Damian Hugo bedankte.

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Noch ein Blauschaf

Militärbesessene Wiener errichteten 1906 ein Denkmal, dass an den Sieg erinnert und auch den Neersener General bei der Führung des Regiments in der „Feuertaufe von Zenta“ zeigen soll. Der Kaiser erhob den Freiherrn dann 1706 in den Reichsgrafenstand. Das kleine Neersen wurde reichsunmittelbares Territorium. Höhepunkt seiner Karriere war ein glanzvoller Besuch als kaiserlicher Großbotschafter am Hof von Konstantinopel im Jahr 1719.

Die Traditionslinie des von Damian Hugo als erstem Befehlshaber kommandierten k.u.k.-Regiment der Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 lief über 250 Jahre. Die Nazis machten aus der Einheit die 44. Reichs-Grenadier-Division „Hoch- und Deutschmeister“. Die Armee wurde im Kessel von Stalingrad verheizt.

Die männliche Linie der kriegerischen Familie starb 174 aus. Neersen und das Schloss wurden für 110.000 Taler an das Erzbistum Köln verkauft. 1794 besetzten französische Revolutionstruppen den Ort. Das Schloss stand zum Verkauf. Da in den Jahren des Industrialisierung dringend Produktionshallen gesucht wurden, war es nur folgerichtig, dass 1852 der Fabrikant Wilhelm Hüsgen dort eine Wattefabrik und Baumwollspinnerei einrichtete.

Dummerweise brannte die Fabrik mitsamt Schloss 1859 komplett nieder. Die Dorfbevölkerung plünderte die Ruine anschließemd aus. Der Krefelder Fabrikant Gustav Klemme baute es glücklicherweise bis 1896 wieder auf.

Gestühl für die Schlossfestspiele im Schlosshof
Gestühl für die Schlossfestspiele im Schlosshof

Schloss Neersen blieb bis zum Zweiten Weltkrieg in Privatbesitz. Kurzzeitig diente es den US-Truppen als Divisions-Hauptquartier, anschließend war es Kindererholungsheim und DRK-Bildungsstätte. 1970 kaufte schließlich die neugegründete Stadt Willich den historischen Bau, um dort ihr Rathaus einzurichten. Von 1975 bis 1980 liefen Renovierung und Wiederaufbau des Westflügels (Kosten: 7,7 Millionen Mark). Heute sitzt dort die Verwaltung, und im langgezogenen Saal tagt der Stadtrat.

Im Schlosspark sind zahlreiche Kunstwerke zu sehen, unter anderem eine – nach einer Zerstörung neu beschaffte – Blauschafherde des Kölner Aktionskünstlers Rainer Bonk. Kultureller Jahreshöhepunkt sind die von Juni bis August stattfindenden Neersener Schlossfestspiele. Leider werden die Sitzreihen dafür bereits Ende April aufgestellt, so dass der Blick auf den Schlosshof von der Stadtseite aus im Frühling und Sommer durch das Gestühl verdeckt ist.

Lage: Schloss Neersen, Hauptstr. 6, 47877 Willich-Neersen

Links: Wikipedia-Eintrag zu Schloss Neersen. Mehr zum kriegerischen Wirken der Virmonds im Dreißigjährigen Krieg findet sich hier.

Bilder: Meine


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