Schloss Marienburg

Schloss Marienburg: Letzter Gruß vom Königreich Hannover

Wer einen Staat wie Bismarcks Preußen zum Nachbarn hat, sollte besser kanonen-bewehrte Festungen bauen, statt neogothischer Lustschlösser. Das musste das Haus Hannover im Deutschen Krieg von 1866 lernen.

Aber da war es schon zu spät. Das machthungrige Preußen schluckte den Nachbarn, und das letzte Burgprojekt des Königreichs Hannover wurde nie völlig fertig: das imposante Schloss Marienburg (zwischen Hannover und Hildesheim).



Die Arbeiten schritten allerdings soweit voran, dass man einen Teil des türmchenlastigen Ritterromantik-Schlosses heute hervorragend besichtigen kann – wenn man nichts dagegen hat, dass die Einnahmen an die fürstliche Familie fließen, deren Chef Ernst-August ja öffentlich nicht immer die glücklichste Rolle spielt…

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Das Portal

1857 war die Welt in Hannover noch in Ordnung. Man war Königreich, unterhielt eine Armee und war ziemlich stolz auf seine Unabhängigkeit und ein paar daraus resultierende Kleinigkeiten wie einen kronengeschmückten, königlichen Eisenbahn-Salonwagen.

Im selben Jahr schenkte König Georg V. seiner Gemahlin Marie von Sachsen-Altenburg den südöstlich der Residenzstadt gelegenen Schulenberg, damit sie sich dort ein Schloss ganz nach ihrem Geschmack errichten könne.

Die Königin war romantisch veranlagt und dachte an eine Art märchenhafte Ritterburg im englisch-neogotischen Stil.

Ein ziemlich exzentrischer Wunsch in einer Zeit, als sich in den Städten gerade so etwas wie ein Industrieproletariat entwickelten. Aber man bekommt bei der Schlossführung gleich zu hören, dass für den Schlossbau kein Steuergeld geflossen  sei, sondern nur „Mittel aus den fürstlichen Domänen“.

Nunja, da sich die fürstliche Familie einen Großteil des Landes für ihre Domänen unter den Nagel gerissen hatte, ist das durchaus schlüssig. Aber den Gedanken will ich jetzt nicht vertiefen…

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Innenhof, Blick auf die Schlosskapelle (rechts)

Also, Marie ließ bauen. Der Oberbauleiter Major Witte veruntreute erstmal ordentlich Geld (kein Steuergeld, wie wir ja jetzt wissen) und brachte die Planungen gehörig durcheinander. Der Architekt Conrad Wilhelm Hase, ein leidenschaftlicher Anhänger der mittelalterlichen Backsteingotik, orientierte sich an zeitgenössischen pseudo-mittelalterlichen Fantasieburgen. Anschauungsexemplare dieses Typs waren einige Jahre zuvor auf Initiative des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. entstanden (unter anderem Schloss Stolzenfels am Rhein und Burg Hohenzollern in Schwaben).

Auf dem Marienberg wuchs nun ein um einen großzügigen Innenhof angeordnetes Ensemble „mittelalterlicher“ Gebäude empor, gekrönt von einem Turm. Das Ganze wurde natürlich mit einer Unzahl an Türmchen, Zinnen und Schießscharten verziert.

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Prächtige Gebäude

Der erste fertiggestellte Raum war die Küche im Keller. Die Königin war so stolz auf das Zimmer mit seinem Riesen-Herd, dass sie Besucher sogleich hineingeführt haben soll. Außerdem war es dort auch im Winter angenehm warm, was man von diversen anderen Räumen nicht behaupten konnte. Das niedersächsische Klima erwies sich als so unangenehm, dass nachträglich noch Öfen eingebaut werden mussten.

Besonders luxuriös war die Bibliothek mit ihren herrlichen Schmiedearbeiten an den Bücherschränken. Es dominieren edel eingebundene Sammelbände englischer Zeitschriften. Drau0en dachte man sogar an eine künstliche Schlucht mit grandioser Aussicht.

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Ein Treppenturm

Die Bauarbeiten gingen voran, und die Königin konnte es nicht erwarten in ihrem Traumschloss zu leben. Als Küche und einige Räume fertig waren, zog sie schonmal mit ihrem Hofstaat zur Probe ein. Dummerweise vertragen sich Hofleben und Baustellen-Alltag gar nicht, so dass die Arbeiten während der königlichen Anwesenheit ruhten.

Das hätte nun wie im Märchen auch alles so weitergehen können, vielleicht lediglich unterbrochen von Streitereien unter den Architekten. Hases Nachfolger begann erstmal mit dem Rauswurf von dessen Innendekoration und ließ einen Großteil der Räume neu einrichten.

Dummerweise hatte man bei dem ganzen nicht mit der Außenpolitik gerechnet, speziell mit dem kriegerischen Nachbarn. Die Preußen räumten 1866 gründlich unter den um sie herumliegenden Klein- und Mittelstaaten auf. Hannovers Truppen schlugen sich bei Langensalza zwar beachtlich, hatten gegen den überlegenen Militärstaat aber letztlich keine Chance.

Der blinde König Georg V. ging ins österreichische Exil, Preußen besetzte und annektierte Hannover. Königin Marie blieb zunächst auf der Schlossbaustelle zurück. Ein Jahr lang hielt sie es allein aus, dann gingen ihr die Schikanen der Preußen derart auf die Nerven, dass sie ihrem Mann ins Wiener Exil folgte.

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Ein Drache als Wasserspeier

Die neuen Herren hatten kein Interesse an einem fast fertig gebauten Symbol hannoveraner Königtums. Das Areal wurde eingezäunt und seit 1869 nur noch vom jeweiligen Aufseher bewohnt – 80 Jahre lang.

Die Weimarer Republik unterließ es, das Schloss zu enteignen. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebäude zumindest erstmals  öffentlich zugänglich: Ein Schlossmuseum zog ein. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Anlage weitgehend unversehrt.

Die vielen Räume boten sich nach Kriegende zur Unterbringung von Flüchtlingen an, was auch geschah. Bei der Schlossführung gewinnt man den Eindruck, dass die fürstliche Familie es den bürgerlichen „Gästen“ ziemlich übel genommen hat, dass diese das wertvolle Parkett ihrer Räume ruinierten. Nunja, nach dem Krieg beschäftigte sich der Welfen-Clan erstmal damit, sich untereinander herumzustreiten.

Weil man 2005 mal wieder dringend Geld brauchte, ließ Ernst-August einen Großteil der auf dem Schloss lagernden Welfen-Schätze bei Sotheby’s versteigern. Der Ausverkauf des niedersächsischen Kulturguts brachte 44 Millionen Euro, die zum Teil in eine Stiftung zum Erhalt des Schlosses flossen.

Diese Art der Geldbeschaffung auf Kosten des historischen Erbes ließ Experten und sogar Blaublütige aufschreien.

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Der neogothische Bergfried

Hier mal ein Zitat aus der NDR-Berichterstattung:
„Der Verkauf der Stücke gefährde die Substanz der Sammlung in der Marienburg und damit bedeutendes Kulturgut, warnte der hannoversche Bauhistoriker Professor Günther Kokkelink. Auch aus den Reihen der eigenen Familie kam Protest. Prinz Heinrich von Hannover sagte, es werde Familientradition verschleudert.“

Waldemar R. Röhrbein, ehemaliger Direktor des Historischen Museums Hannover schrieb:
„Es wurde verantwortungslos alles, was gute Einnahmen versprach, angeboten, ohne dass vorher detailliertere Überlegungen zur Ausgestaltung der Schlossräume angestellt oder notwendige Kontakte mit Kennern der welfischen Haus- und der hannoverschen Landesgeschichte aufgenommen worden wären. (…)

Alles in allem hat auf der Marienburg ein Ausverkauf der Welfen- wie der Landesgeschichte stattgefunden, den man als Landeshistoriker bedauerlich bis skandalös nennen kann.“ (zitiert nach Wikipedia)

Dieser Punkt wird übrigens bei der Schlossführung nicht erwähnt, die Führerinnen und Führer wollen ihre Jobs schließlich nicht verlieren. Heute befindet sich auch eine gut gehende Gastronomie im Schloss. Man kann Räume auch privat mieten. Pressefotos dürfen nur mit Genehmigung geschossen werden. Die Familie kann da ziemlich rigide sein, wenn unliebsame Berichterstattung unterbunden werden soll…

Sommer Deines Lebens - Szene aus dem Vorspann / Bild: Screenshot Youtube
Sommer Deines Lebens – Szene aus dem Vorspann / Bild: Screenshot Youtube

Schloss Marienburg war im regenreichen Sommer 2012 Drehort von 26. Folgen der ersten (und bislang einzigen Staffel) der deutsch-australischen Jugendserie „http://www.burgerbe.de/2014/03/01/sommer-deines-lebens-drehort-schloss-marienburg/“>In Your Dreams – Sommer deines Lebens“, die zurzeit auf dem Kinderkanal gezeigt wird.

Fazit: Ein Besuch auf dem Schloss lohnt sich (Eintritt: 6,50 Euro). Allerdings ist die Geschichte von Schloss Marienburg auch ein Beispiel dafür, ein wie großer Fehler es sein kann, Kulturdenkmäler in den Händen ehemaliger Herrscherfamilien zu lassen. Zumindest wenn diese nicht die Finanzkraft haben, die Anlagen zu erhalten und dann mit dem gedankenlosen Ausverkauf von Kulturerbe beginnen.

Links: Schloss-Homepage und der sehr ausführliche Wikipedia-Eintrag

Lage: Schloss Marienburg, Marienberg 1, 30982 Pattensen

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Fotos: Burgerbe.de (Anklicken zum Vergrößern)



7 Gedanken zu „Schloss Marienburg: Letzter Gruß vom Königreich Hannover“

  1. Super Text! Schreibe meine Abschlussarbeit in Kunstgeschichte über die historistische Architektur des Schlosses unter Hase. Musste mehrmals Schmunzeln, wie das hier so leicht uaf die Schippe genommen wird alles ;). In diesem Stil darf ich leider nicht wissenschaftlich schreiben, wäre aber sicher ein Vergnügen. Das Wichtigste ist erwähnt und hat Spaß gemacht zu lesen. Daumen hoch :)

  2. Hallo, toller Bericht, bin durch Zufall auf die Seite gestoßen. Ich wohne nur ein paar Kilometer vom Schloss entfernt und natürlich ist das dann nichts besonderes mehr für mich. Aber dennoch: Im Sommer mit dem Rad zur Marienburg hochfahren und die Aussicht genießen, oder an den Wochenenden zu Musikevents oder Lesungen zum Schloss hoch, das macht echt immer wieder Spaß und – auch wenn es nicht gerade ein „Alter Kasten“ ist, Schloss Marienburg ist echt immer wieder schön !

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