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Burg Carcassonne: Man rechnete immer mit Verrat

Die restaurierte Burg von Carcassonne. Rechts neben dem Tor steht der so genannte Obergaden-Turm
Die restaurierte Burg von Carcassonne. Rechts neben dem Tor steht der so genannte Obergaden-Turm

Vor der Völkerwanderung hatte man nicht mal im beschaulichen Südwestfrankreich seine Ruhe. Davon zeugen heute noch hektisch errichtete römische Mauern und Türme in Carcassonne (wundervoll restauriertes Weltkulturerbe und Must-See für Freunde historischer Burgen, die auch gern gut essen).

30 bis 40 Jahre vor der Zeitenwende gründeten die Römer die Handelsstadt auf einer Anhöhe am Flüsschen Aude als Colonia Julia Carcaso. Zunächst blieb sie gänzlich ohne Mauern, die Macht des Imperium Romanum wirkte abschreckend genug.

Als im dritten Jahrhundert nach Christus Vorboten der Völkerwanderung in Form von Barbarenhorden auch durchs Vorland der Pyrenäen zogen, musste schnell eine Stadtbefestigung her. In Carcassonne wurden sie um das Jahr 200 hochgezogen.

Die Römer bauten trotz der Eile so dauerhaft, dass ihre Türme, Tore und die Ringmauer die Grundlage der mittelalterlichen Befestigungen bildeten und zum Teil heute noch zu sehen sind.


Doch allein mit Ziegeln, Mörtel und Zement hält ein sterbendes Riesenreich hochmobile marodierende Krieger-Stämme nicht dauerhaft auf. 412 fiel Colonia Julia Carcaso an die Westgoten, womit die 450-jährige römische Epoche hier beendet war. Auch die Küche soll sich danach erheblich verschlechtert haben.

Carcassonne: Die Altstadt bei Nacht / Foto: Burgerbe
Carcassonne: Die Altstadt bei Nacht / Foto: Burgerbe

Die aus Spanien vorstoßenden Araber marschierten 725 ein und konnten sich immerhin bis 751 halten (und erneut kurzzeitig 793), bis die Franken die Burgstadt eroberten. Ende des 11. Jahrhunderts fiel die Stadt an das Haus Trencavel.

Diese Familie baute Anfang des 12. Jahrhunderts, gestützt auf römische Fundamente und die imperiale Stadtmauer innerhalb des alten Mauerrings eine rechteckige Grafenburg. Das wehrhafte Gebäude wurde von fünf Türmen und einem Graben geschützt. Der (trockene) Burggraben sollte in erster Linie den Einsatz von schwerem Belagerungsgerät behindern.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich das herrschaftliche Misstrauen damals in der Architektur niederschlug, ist der Torturm zur Altstadt hin. Die Anlage wurde durch zwei Fallgatter gesichert. Diese werden aus unterschiedlichen Stockwerken bedient, aus Räumen, die auch keine direkte Verbindung mitteinander haben. So wollte man verhindern, dass eine bestochene Torwärtermannschaft einfach das Fallgatter hochzog und Feinden so Einlass gewährte.

Der Obergaden-Turm aus der Nähe. Aus dem hölzernen Vorbau heraus hatten Bogenschützen ein hervorragendes Schussfeld
Der Obergaden-Turm aus der Nähe. Aus dem hölzernen Vorbau heraus hatten Bogenschützen ein hervorragendes Schussfeld

Die Trencevals hatten allen Grund zu dieser Vorsicht, da sie sich im Dauerkonflikt mit den mächtigen Grafen von Toulouse befanden, die ihr Gebiet nur zu gern um die Festungsstadt erweitert hätten. Raimund V. von Toulouse versuchte 1185 erfolglos den Sturm auf die alten Mauern.

Es war auch die Zeit, in der sich die Religion der Katharer (Albigenser) in der Region ausbreitete. Carcassonne war eines ihrer Zentren. Papst Innozenz betrachtete die Bewegung als Häresie und trommelte zum Kreuzzug. Frankreichs König folgte nur zu gerne, schließlich hatte er so die Möglichkeit, größere bislang quasi unabhängige Gebiete an seiner Südgrenze zu erobern.

Die Religion hatte starken Rückhalt in Volk und Adel und erwies sich als erstaunlich widerstandsfähig. Die Kämpfe dauerten von 1209 bis 1229 und noxh darüber hinaus. Heute kann man noch am verschieden farbigen Mauerwerk erkennen, dass kurz vorher die Mauern der Burg erhöht und Türme mit Zinnen versehen wurden. Carcassonne kapitulierte im August 1209 nach zweiwöchiger Belagerung.

Die Kreuzzügler ließen rund 100 Menschen nackt aus der Stadt abziehen („beladen nur mit ihren Sünden“), hängten und verbrannten weitere 400. Das galt angesichts der sonst üblichen Grausamkeiten noch als gemäßigtes Vorgehen. Die meisten Einwohner waren kurz vor dem Einmarsch durch unterirdische Gänge geflüchtet. Raymond-Roger de Trencavel geriet in Gefangenschaft und starb drei Monaten später.

Heute erinnert ein Foltermuseum an die Verfolgung der Katharer (Rue du Grand Puits). Der Eintritt kostet stolze sieben Euro und ist dies wirklich nicht wert. Wer ein schönes Museum sehen will, sollte auf jeden Fall die Burg besichtigen (Rue Violet-le-Duc 1).

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Restaurierter römischer Festungsturm, wie er noch im Mittelalter genutzt wurde

Die Carcassonne vorgelagerten Burgen („Fünf Söhne von Carcassonne„) zählten zu den letzten Rückzugsplätzen der katharischen Widerständler. 1226 fiel die Stadt schließlich erwartungsgemäß an die Krone.

Die Könige investierten in die Stadt. Das römische Mauerrund wurde durch einen zweiten Mauerring mit Türmen umgeben. Auch eine leider inzwischen abgerissene mächtige Barbakane (ein rundes Festungsbauwerk außerhalb der Mauern, aber mit diesen verbunden) kam hinzu und schützte den Zugang zum Fluss. Dort steht seit 1859 eine Kirche.

Damit wollten sich die neuen Herrscher in erster Linie vor der immernoch in Ketzerei-Verdacht stehenden Bevölkerung schützen. Wie richtig sie lagen, zeigte sich 1240, als Raymond Roger de Trencavel (Sohn des verstorbenen Grafen) die Festung mit Hilfe der Einwohner und aragonesischer Truppen wieder unter Kontrolle bringen wollte.

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Grundriss der Festungsstadt. Rechts sieht man Burg und die runde Barbekane (außerhalb der Mauern)

Drei Monaten dauerte die Belagerung, bis ein königliches Entsatzheer anrückte und den Plan des Grafen zunichte machte. Zur Strafe brannten königliche Truppen die Vorstädte nieder. Diese durften erst sieben Jahre später, mit Erlaubnis von König Ludwig „dem Heiligen“ auf dem anderen Flussufer wieder aufgebaut werden.

Auf der Burg ließen die hier residierende Seneschalle von Frankreich im 13./14. Jahrhundert Wohn- und  Repräsentaionsräume wie den Cour du Midi errichten, einen Prunksaal, dessen Dimensionen man heute noch sehen kann.

Die erweiterte Festung, 1285 durch einen Zwinger ergänzt,  galt mittlerweile als uneinnehmbar. Angreifer, die den äußeren Mauerring überwunden hatten, sahen sich dem inneren Ring mit einer Vielzahl an Türmen gegenüber. Die Einnahme diverser Türme der äußeren Mauer brachte auch nichts, da ihre Rückseite offen war („Schalentürme“). In die Türme konnte als von den Verteidigern der Burg und der höheren, inneren Mauer hineingeschossen werden.

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Blick in den früheren Prunksaal Cour du Midi

Zu Beginn des Hundertjährigen Krieges machte sich Edward „der schwarze Prinz“  daher auch nicht die Mühe einer Belagerung, sondern brannte lediglich die Unterstadt nieder. Baulich passierte nach dieser Zeit übrigens nicht mehr viel. Was wir heute sehen ist der Stand der damaligen Zeit – und das ist schon bemerkenswert.

Mit dem Pyrenäenfrieden zwischen Frankreich und Spanien verlor Carcassonne seine Bedeutung als Grenzfestung. Die Mauern und Türme begannen zu verfallen. Die Anlagen dienten in den folgenden Jahrzehnten als Steinbruch. Auch die in der Stadt liegende Garnison konnte das nicht mehr verhindern.

Der Wiederaufbau

Schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts merkten einige Bürger, was für ein architektonischer Schatz da zu verschwinden drohte. Ab 1835 fanden sie Unterstützung beim Inspektor für historische Bauwerke. 1844 erhielt der Architekt Eugene Violet-le-Duc zunächst die Basilika Saint-Nazaire et Saint-Celse zu restaurieren. Er nahm daraufhin eine Bestandsaufnahme des gesamten Zustands von Mauerring und Burg vor und setzte sich für die Restaurierung ein.

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Restaurierung: Vorher – Nachher

Die nächsten 50 Jahre lang ging man abschnittsweise vor. 1853 stelle le Duc einen ersten Plan zur Wiederherstellung der inneren Ringmauer or, der bis 1862 abgearbeitet wurde. Nach dem Tod des Architekten 1879 führte Paul Boeswillwald die Restaurierung bis 1910 zu Ende.

Mit den Bewohnern von Häusern innerhalb der Befestigungsanlagen ging man dabei nicht zimperlich um. Allein im Bereich des Zwingers wurden 112 Häuser enteignet und abgerissen. Im großen und ganzen sieht man heute den Zustand, in den die Burg damals versetzt wurde. In den 60-er Jahren wurde lediglich eine Reihe von Dächern ausgetauscht, was für ein etwas uneinheitliches Bild sorgte.

Seit 1997 ist die Altstadt Unesco-Weltkulturerbe. Das hat nun wieder einen gigantischen Touristen-Ansturm auf die Mauerringe zur Folge. Drinnen wird dann auch jede Menge Ritter- & Mystik-Schnickschnack feilgeboten. Falls jemand also noch unbedingt ein Plastikschwert oder den Heiligen Gral braucht, hier wird er fündig.

Die beste Reisezeit ist daher, wenn man nicht von Touris totgetrampelt werden möchte, die Nebensaison. Ich hatte im November einigermaßen meine Ruhe und konnte stundenlang recht ungestört durch Gassen und um die Mauern schlendern.

Bei Spielefreunden ist Carcassonne ja auch ziemlich populär, seit das gleichnamige Rohstoffsammel- und Strategiespiel 2001 in Deutschland „Spiel des Jahres“ wurde.

Mehr zu Frankreichs Katharer-Burgen hier im Blog:
Tour zu den Katharer-Burgen in den Pyrenäen: Die steinernen “Söhne von Carcassonne”
Chateau Quéribus: Die letzte Zuflucht der Katharer in den Pyrenäen
Katharer-Burgen des Languedoc bei YouTube

Link: Seite der Stadt Carcassonne (deutsch)

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Fotos: Meine (bis auf den Grundriss, der stammt aus Wikipedia)


5 Gedanken zu „Burg Carcassonne: Man rechnete immer mit Verrat“

  1. Hey gute Beschreibung von Carcassonne, habe da über drei Monate gelebt, die Cité ist einfach klasse, aber ich finde die Ville basse sollte man auch nicht vergessen, da gibts ja auch noch Reste einer Stadtmauer

    Lg

  2. Vielen Dank für so ausführliche und interessante Einzelheiten über die Burg Carcassonne. Da kriegt man richtig Lust mal hinzufahren und selbst zu forschen, über viele Brücken…

    Schöne Feiertage und ein gutes Jahr 2009 😉

  3. Herrliche Bilder der Burg. Ich kenn die ja nur von dem gleichnamigen Spiel 😉
    Vielen Dank für diesen sehr guten Einblick in die Geschichte.

    Ein wunderbares Weihnachtsfest, einen guten Rutsch ins neue Jahr und mögen sich in 2009 ein paar Wünsche erfüllen

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