Haus Kemenate / Foto: Burgerbe.de

Wie Haus Kemnade das Ruhr-Ufer wechselte

Spiegelung von Haus Kemnade / Foto: Burgerbe.de
Spiegelung von Haus Kemnade / Foto: Burgerbe.de

Die Menschen des Mittelalters waren Naturkatastrophen gegenüber schutzlos ausgeliefert. Vielfach wurden Erdbeben, Überschwemmungen, etc. als Gottesurteil angesehen.

1486 durchlitt das heutige Ruhrgebiet eine solche Katastrophe: Das ansonsten recht beschauliche Flüsschen stieg nach starken Regenfällen meterhoch über die Ufer und flutete durchs Ruhrtal. Die Gewalt der Flut war so mächtig, dass der Fluss teilweise seinen Lauf änderte.

Die einige Jahrzehnte zuvor auf der nördlichen Ruhrseite beim Dorf Stiepel erbaute Burg Kemnade fand sich plötzlich auf dem südlichen Ufer wieder. Stiepel, dessen Verwaltungs- und Gerichtssitz die Burg war (heute ist es ein Stadtteil von Bochum), lag aber immer noch am nördlichen Ufer.


Auch heute ist das malerische Haus Kemnade (bei Witten) von Wasser umspült. Das hat allerdings direkt nichts mehr mit der Ruhr zu tun. Bei einem Renaissance-Umbau war man einfach der Ansicht, „dass sich das so gehört“. Und mir gefällt das Ergebnis, weil ich gern die detailreichen Spiegelungen von Wasserburgen und -schlössern in ruhigen Wassergräben fotografiere.

kemnade3Wann genau die Anlage erbaut wurde, und ob es vorher bereits eine Turmhügelburg (Motte) gegeben hat, ist nicht klar. Die Experten schätzen das Ende des 14. Jahrhunderts als Entstehungszeitraum (erste Erwähnung 1393). Bauherr war wohl die ritterliche Familie von Dücker.

Der Name „Kemnade“ kommt von Kamin und deutet darauf hin, dass das erste Gebäude im Gegensatz zu den Stiepeler Bauernkaten eben durch seine gemauerten Rauchabzüge auffiel.

Dorf, Haus Kemnade und die waldreiche Gegend (in der sich noch niemand für Kohle interessierte) gehörten zu dieser Zeit – und bis 1809 – dem Haus Lippe-Detmold. Die von Dückers waren Lehensnehmer, gefolgt von den von der Reckes (1414-1647).

103 Jahre nach der großen Flut ereilte die Burg die nächste Katastrophe: Am zweiten Ostertag des Jahres 1589 brannte das Haus ab. Nun machte sich die Familie an den Wiederaufbau.

Dummerweise brachten der Jülisch-Klevische Erbfolgekrieg und der Dreißigjährige Krieg die Arbeiten immer wieder zum langjährigen Stillstand. Nach dem Krieg erbte die Familie von Syberg die Anlage, baute weiter auf und nutzte die Steine der nahen Burg Blankenstein.

kemnade2Politisch gehörte die Gegend mittlerweile zu Brandenburg-Preußen und aus Berlin kam die Abbruchgenehmigung für Blankenstein.

1704, also 115 Jahre(!) nach dem Brand war man fertig und freute sich über das neue Renaissance-Schloss und die schönen Wassergräben (die nun keine militärische Funktion mehr hatten). Eine steinerne Inschrift kündet noch heute davon.

1780 wurde ans Herrenhaus noch ein Guthof mit Scheunen angebaut, die heutige „Vorburg“. Man brauchte dringend neue Einnahmequellen. Die neuen Bauten wurden in das Grabensystem einbezogen, so dass die Einheit der Anlage erhalten blieb.

1848 rollten dann die Möbelwagen an. Nach ihrer Heirat entschloss sich Philippine von Syburg zu ihrem Mann nach Haus Weitmar zu ziehen. Mobiliar und Archiv von Haus Kemnade nahm sie mit. Eine verhängnisvolle Entscheidung: Haus Weitmar verbrannte 1944 nach einem Bombenangriff.


kemnade41921 kaufte die Stadt Bochum aus wasserwirtschaftlichen das (durch die Flussverschiebung auf Hattinger Gebiet liegende) Haus Kemnade und das dazugehörende 500 Hektar große Anwesen von einem Nachfahren der Philippine. Man plante gerade den Stausee, der heute den Namen des Wasserschlosses trägt. den Kemnader See.

Wenn kommunale Behörden so etwas in die Hand nehmen, ist natürlich mit Durcheinander zu rechnen. Durch den Kauf trat die bis heute anhaltende kuriose Sitution ein, dass das Anwesen samt Herrenhaus der Stadt Bochum, die „Vorburg“ aber der Wasserbeschaffung Mittlere Ruhr GmbH gehört.

Ein gemeinsamer Versuch beider Institutionen, die Burg 1998 an den Wurstfabrikanten Zimmermann („Zimbo„) zu verscherbeln zu verkaufen, der dort eine repräsentative Zentrale seines Wurst-Imperiums einrichten wollte, scheiterte an einer Bürgerinitiative und eindrucksvollen 30.000 Protest-Unterschriften. So wurde verhindert, dass die Öffentlichkeit auf der Burg ausgesperrt werden könnte.

Seit 1961 ist ein Teil der Burg ein Museum. Es beherbert eine aus 1800 Teilen bestehende Sammlung von Musikinstrumenten (Sammlung Hans und Hede Grumdt). Außerdem ist hier die Ostasiatika-Sammlung von Kurt S. Ehrich zu sehen. Wer möchte, kann in der ehemligen Schlosskapelle auch heiraten. Und in den Gewölben gibt es bereits seit 1959 ein Restaurant, die Burgstuben.

Quellen: Ein umfangreicher Aufsatz von Raimund Trinkaus zur Geschichte von Stiepel und Haus Kemnade findet sich hier (als PDF). Etwas kürzer ist der entsprechende Wiki-Eintrag.

Weitere Links: Förderverein Haus Kemnade

Lage:
Wasserburg Haus Kemnade
An der Kemnade 10
45527 Hattingen

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Fotos: Meine



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