Schloss Colditz: Kriegsgefangene bauten heimlich Segelflieger

Schloss Colditz diente im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangenenlager für alliierte Offiziere

Als US-Truppen am 16. April 1945 das Offizierslager Schloss Colditz befreien, zeigen ihnen die überglücklichen Insassen ihr größtes Geheimnis: Versteckt in einer schwer zugänglichen Dachkammer des „Oflag IV-C“ liegt der fertige Bausatz eines Segelflugzeugs aus Dielen, Regalbrettern und Bettbezügen mit einer Spannweite von stolzen 9,75 Metern und einem Gewicht von 109 Kilogramm.

Seit Januar 1944 hatten 64 Gefangene unter strikter Geheimhaltung daran gearbeitet, zuletzt vier Stunden täglich. Allein 40 von ihnen dienten als Aufpasser. Auf die Idee waren britische Offiziere gekommen.

Am Tag X hätten die Flüchtlinge den Gleiter auf dem Dach des Kirchenhauses zusammengesetzt. Ihr Plan sah vor, aus Tischen eine etwa 18 Meter lange Rollbahn zu improvisieren. Seine Startgeschwindigkeit von 50 km/h sollte der Segler durch eine Art Katapult bekommen, das mit Hilfe einer an Seilen hängenden, voll beladenen Metall-Badewanne in Gang gesetzt worden wäre.


Gleiter-Modell im Museum

Landen wollte man auf einer Fläche 60 Meter tiefer – um dann so schnell wie möglich zu verschwinden. Doch das ambitioniert konstruierte Fluggerät kam nicht mehr zum Einsatz. Gedacht war der „Colditz Glider“ nur für Notfälle – etwa wenn die fanatische SS das Lager übernommen hätte.

Die perplexen GIs ließen den Segler zusammenbauen und lichteten das Ergebnis ab. Sie fürchteten wahrscheinlich, dass ihnen die Geschichte sonst niemand glauben würde. Im Jahr 2000 wurde der Gleiter in England rekonstruiert und bewies tatsächlich seine Flugfähigkeit.

Dieser und viele andere Fluchtversuche haben das imposante Schloss Colditz (gelegen auf einem steilen Felsen über der Mulde zwischen Leipzig und Dresden) in den angelsächsischen Ländern zum Mythos werden lassen – und zur Vorlage für Romane und Drehbücher: Schließlich gibt das historische Szenario richtig viel Raum, um mal wieder die Geschichten von den grausam-perfektionistischen Deutschen zu erzählen, die tief im eigenen Land von den schlauen, britischen Gentlemen-Offizieren übertölpelt werden. Der jüngste britische Spielfilm zum Schloss „Colditz – Flucht in die Freiheit“ datiert von 2005.

Im Schloss selbst befindet sich heute ein äußerst interessantes Fluchtmuseum mit vielen Exponaten aus der Zeit des Offizierslagers. Das ist durchaus einen Nesich wert, denn die Geschichte ist wesentlich vielschichtiger und ernster als die mediale Weltkrieg-II-Massenware von der Insel vermuten lässt.

Eine Burg wird an diesem Standort erstmals 1046 erwähnt. 1084 überträgt Kaiser Heinrich IV („Canossa-Heinrich“) sie seinem Gefolgsmann Wiprecht von Groitzsch. 1158 macht sie Kaiser Friedrich „Barbarossa“ zum Reichsgut und setzt Thimo I. als „Herren von Colditz“ ein. Bald danach gründet sich am Fuß des Burgbergs auch die Siedlung Colditz.

Die Besitzer wechseln noch häufig, bis die Anlage schließlich 1404 für 15.000 Mark Silber von den Wettinern gekauft wird. Kaum 30 Jahre später (1430) wird sie, während der Hussitenkriege geplündert und zerstört. 1464 ließ sie Ernst von Sachsen schließlich zur kurfürstlichen Residenz umbauen, 1506 war ein weiterer Wiederaufbau fällig, weil ein Bäcker zwei Jahre zuvor einen Stadtbrand ausgelöst hatte.

Heraus kam ein spätgotischer und Renaissance-Bau. Kurfürst August von Sachsen lässt das Schloss dann
ab 1577 gründlich um- und  weiter ausbauen. Mit Malereien wird extra Lucas Cranach der Jüngere beauftragt. Die Kurfürsten nutzen Schloss Colditz als Jagdschloss und geben hier illustre Gesellschaften. Anfang des 17. Jahrhunderts lässt sich Kurfürstinnen-Witwe Sophie das Schloss als Residenz herrichten. Jetzt fällt tatsächlich herschaftlicher Glanz ins abgelegene Muldental. Es ist die Blütezeit des Schlosses.

August der Starke (1670-1733) erwarb das Schloss 1694 von seiner Schwägerin. Er ist dann der letzte Kurfürst, der noch in den Wäldern jagt und im Schloss einkehrt – bis er König von Polen wird und sich für andere Lustbarkeiten mehr interessiert. Seinen Nachfolgern erscheint die Anlage bereits zu altmdisch. 1753 ist der sächsische Hofstaat hier letztmalig zu Gast. Danach beginnt der Verfall. 1787 wird Schloss Colditz ausgeräumt und das gesamte historische Inventar verkauft.

Ab 1800 wird das Schloss 29 Jahre lang als Armen- und Arbeitshaus genutzt. Es schließt sich eine lange Zeit als „Irrenhaus“ für bis zu 400 geistig Behinderte an – bis 1926. Dann nannte sich der Komplex bis zum Ende der Weimarer Republik Landeskorrektionsanstalt.

Die Anlage war abgelegen genug, um die psychisch Kranken vor der Öffentlichkeit verstecken zu können. Unter anderem saßen hier ein Sohn Robert Schumanns und Ernst Georg August Baumgarten, der eigentliche Erfinder des Luftschiffs, ein. Letzteres ist, wenn man an den Gleiter der Gefangenen denkt, schon ein ziemlich eigenartiger Einfall des Schicksals.

Die Nazis schätzten die baulichen Möglichkeiten, die Schloss Colditz bot, um eine größere Anzahl Menschen wegzusperren und zu überwachen. Kaum waren sie an der Macht, machten sie das Schloss 1933/34 zum „Schutzhaftlager“. Bis zu 800 Regimegegner saßen hinter den weißen Mauern ein. Wer Glück hatte, kam wieder frei, andere wurden in die neu erichteten Konzentrationslager weitergeleitet. Im Oktober 1934 zog der Reichsarbeitsdienst ein.

1938/39 wurde der Komplex zur Unterbringung von bis zu 360 psychisch Kranken herangezogen. Nachweislich 83 von ihnen kamen in der kurzen Zeit um. Die meisten starben an Unterernährung. Eine professionell aufbereitete Schüler-Ausstellung erinnerte im Sommer 2007 an die Opfer.

Ab Oktober 1940 dienten die Gebäude dann als angeblich ausbruchssicheres Lager für gefangene alliierte Offiziere.

In Colditz landeten in der Regel diejenigen Offiziere, die bereits einen Fluchtversuch hinter sich hatten. Es war also durchaus eine Auswahl besonders entschlossener Militärs.

An Prominenten saßen hier unter anderem den Churchill-Neffen Giles Romilly und George Lascelles, einen Cousin der heutigen Queen Elisabeth II. Nach dem Warschauer Aufstand wurde der Befehlshaber der Polnischen Heimatarmee Tadeuz Bor-Komorowski auf das Schloss verlegt. Rund 1200 Offiziere kamen im Lauf des Krieges in den Gebäuden unter.

Während die kriegsgefangenen Soldaten – und durch die deutschen Siege 1939/40/41 wurden es immer mehr, in Massenlagern vegetierten, hatten es die Offiziere verhältnismäßig luxuriös. Sie durften sich z.B. von eigenen Ordonanzen bedienen lassen und mussten nicht arbeiten. Kein Wunder also, dass sie viel Muße hatten, über extravagante Fluchtwege nachzudenken. Rund 300 Fluchtversuche soll es auf Colditz gegeben haben. 31 allierten Offizieren gelang es tatsächlich, das schwer bewachte Lager zu verlassen.

Nachgemachte deutsche Uniform

Das Fluchtmuseum zeigt anhand vieler Exponate, wie die Gefangenen die Deutschen zu täuschen versuchten. Das Schloss hatte bei den Gefagenen den Ruf einer „Escape University“. In den Zellen entstanden regelrechte Fälscherwerkstätten. Stempel, Formulare, Uniformen, Waffen: Alles mögliche wurde nachgebaut. Natürlich waren einige Offiziere auch ständig damit beschäftigt, irgendwelche Fluchttunnel zu graben.

Die Deutschen bemerkten die Grabgeräusche und suchten ständig nach Tunneln. Die längsten, einen innnerhalb von neun Monaten vom Glockenturm aus gebauten Tunnel, entdeckten die Wachen etwa drei Wochen vor der Fertigstellung.

Die Konzentration der Deutschen Beobachter auf den Tunnelbau hatte auch zur Folge, dass der Gleiter auf dem Dachboden bis zuletzt unentdeckt blieb. Dass er nicht benutzt wurde, hat auch mit der deutschen Lagerleitung zu tun. Diese lehnte im April 1945 eine Verlegung der Insassen durch einen Gewaltmarsch ab. Statt dessen wurde die Aufsicht bereits zwei Tage vor Ankunft der US-Truppen an einsitzende britische Offiziere übergeben.

Die Amerikaner blieben nicht lang. Bereits Anfang Mai rückten sowjetische Truppen ein, schließlich gehörte Sachsen zu ihrer Besatzungszone. Wieder wurde Colditz zum Lager für Leute, die ideologisch nicht ins Bild passten: Diesmal diente das Schloss als Sammelstelle für enteignete Ritterguts- und Großgrundbesitzer, denen die „Zwangsumgesiedlung“ bevorstand. Erst 1949 kommt das Schloss wieder unter zivile Nutzung.

Auch die DDR erinnerte sich an die Schlossgeschichte und richtete zunächst ein Krankenhaus, später ein Alten- und Pflegeheim im Schloss ein. Es besteht bis 1995. Seit 1996 ist die Anlage für Besucher zugänglich, im Jahr kommen rund 15.000.

2007 eröffnete im Nordostflügel von Schloss Colditz eine so genannte Europa-Jugendherberge (161 Betten, 34 Zimmer). 2009 zieht zusätzlich die sächsische Landesmusikakademie ein. Eine würdige Nutzung nach so einer bewegten Geschichte…

Dass in England praktisch jedes Kind „Castle Colditz“ kennt, und sich tausende Briten jedes Jahr nach Sachsen aufmachen, verdankt das Schloss übrigens einem Ausbrecher. Captain Patrick R. Reid, der 1942 aus Colditz entkam, schrieb darüber nach dem Krieg zwei Bestseller „The Colditz Story“ und „The latter Days at Colditz“. Natürlich wurde die erfolgreiche Vorlage auch verfilmt, und das Ergebnis wird in Großbritannien auch ständig wiederholt…

Links: Burg-Homepage. Auf der Burg-Seite findet sich auch eine Chronik zur Geschichte des Schlosses. Sehr hilfreich ist auch der Wikipedia-Eintrag.

Lage: Schlossgasse 1, 04680 Colditz

Fotos: Burgerbe.de / Buchcover: Amazon



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