Schloss Herborn: Des Reiches kleinste Hochschule – voller Calvinisten

Blick auf Schloss Herborn

Drei Liter Dünnbier und zwei warme Mahlzeiten am Tag gewährte Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg „seinen“ Studenten. Diese hatten sich dafür geziemend zu benehmen und auf Federn an der Kleidung und das Herumlaufen in Waffen zu verzichten.

Der Landesherr musste allerdings nicht allzu tief in die Tasche greifen, denn an der von ihm im Jahr 1584 im Herborner Schloss gegründeten Hohen Schule Herborn (Academia Nassauensis) büffelten nie mehr als 100 Studiosi gleichzeitig.

Hinter der Gründung steckte des Grafens Bruder Wilhelm von Oranien, der unbedingt eine calvinistisch-reformierte Universität im Herrschaftsbereich der Familie errichtet sehen wollte. Also wurden im Schloss vier Fakultäten eingerichtet: Theologie, Medizin, Jura und Philosophie. Die Bildungsstätte zog Tschechen, Ungarn, Polen, Dänen, Schotten, Niederländer und Schweizer an. Umgangs- und Lehrsprache war natürlich Latein.

Allerdings weigerten sich Kaiser und Papst, die Hohe Schule trotz ihres hohen wissenschaftlichen Niveaus als Universität anzuerkennen – sie war nun mal die kleinste deutsche Hochschule und dummerweise calvinistisch, also fundamental-protestantisch.

Das Schloss selbst entstand als Burganlage zwischen dem Ende des 12. Jahrhunderts und dem Jahr 1250 und sollte die Stadt Herborn (Stadtrechte ab 1251) schützen, mit deren Stadtmauer es verbunden war. Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Burg im Jahr 1307.

Herborn war Hauptort der Herborner Mark, einem Gebiet, dass rund hundert Jahre lang, bis 1333, zwischen den Grafen von Nassau, den Landgrafen von Hessen und diversen Rittergeschlechtern heftig umkämpft war (Dernbacher Fehde).

Die Burg hatte daher auch eine Reihe von Besitzern: Nassau-Dillenburg, Nassau-Merenburg, Beilstein und die Landgrafen von Hessen.Letztlich blieb die Burg bei den Grafen von Nassau(-Dillenburg), die im sieben Kilometer entfernten Dillenburg residierten. Als Residienz war sie für die Dillenburger jedoch nicht sonderlich interessant.

Statt dessen wurde sie zum Beispiel 1444 als Waffenschmiede genutzt. Eine Tafel am Schloss weiss zu berichten, dass hier 30 schmiedeeiserne Kanonen entstanden.

1584, bei der Gründung der Academia Nassauensis verflel man dann auf die Idee, die Burg dafür zu nutzen. Nach vier Jahren kauften die Grafen allerdings das wesentlich freundlicherer und hellere Herborner Rathaus und ließen die mit Dünnbier versehenen Studenten umziehen. In der Burg blieben die Bibliothek der hohen Schule und Professoren-Wohnungen.

Die Burg war in den folgenden Jahren Nebenresidenz und gelegentlicher Witwensitz. Als solche wurde sie 1630 schlossartig umgebaut. Belegt ist, dass 1684 im Schloss Münzen geprägt wurden.

Alter Turm der Stadtbefestigung mit Schloss im Hintergrund

Nach 1806 wurde die Anlage nicht mehr von der nassauischen Regierung genutzt, und man dachte über einen Verkauf nach. 1815 richtete sich kurzzeitig eine Branntweinbrennerei in den Kellerräumen ein.

Die Hochschule im Rathaus, nun unter der Burg, konnte sich bis 1817 halten. Rund 6000 junge Männer haben hier studiert, unter anderem Johann Amos Comenius. Die Einrichtung erwies sich viele Jahrzehnte lang als bedeutend für die Ausbildung der calvinistischen Akademiker-Elite.

Die Zeit, in der Schloss Herborn verwahrlosen konnte, war glücklicherweise nur kurz. Als 1835 wieder die Idee des Verkaufs und Abbruchs der Anlage zirkulierte, kam es zu Protesten Herborner Bürger. Bereits 1840 wurde die Anlage renoviert. Nun zog das Herzogliche Kreisamt ein.

1866 wurde wieder an die akademisch-protestantische Tradition angeknüpft: Das Theologische Seminar der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau zog ins Schloss – als Fortsetzung der „Hohen Schule“.

Seitdem – und bis heute – werden hier angehende Pfarrer (und Pfarrerinnen) ausgebildet. Auch die Einrichtung eines Lazaretts für Verletzte des Kriegs gegen Frankreich 1871 konnte die Lehrtätigkeit nicht aufhalten. 1931 wurde das Schloss nochmal saniert.

Heute ist das Schloss Theologisches Seminar und Tagungsstätte. Es ist mittlerweile im Besitz der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau. Im Schloss befindet sich noch die theologische Bibliothek der Hohen Schule mit 3650 historischen Bänden, darunter einigen theologischen Werken aus der Frühzeit der Buchdruckkunst. Führungen sind möglich.

Die aktuelle Bibliothek des Theologischen Seminars im Schloss umfasst 68.000 Bände, davon 10.000 aus der Zeit vor 1900, und ist öffentlich zugänglich.

Link: Bei Wikipedia steht nicht allzu viel. Ein paar Infos finden sich auf der Schloss-Seite. Mehr zur Bilbliothek bei Herborn.Husfeld-online.de unter „Hohe Schule“.

Lage: Schloss Herborn, Nassaustraße 36, 35745 Herborn

Fotos: Meine (Anklicken zum Vergrößern)


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