Die Moritzburg / Foto: Burgerbe.de

Schloss Moritzburg: Der vergrabene Wettinerschatz

Schloss Moritzburg / Fotos: Burgerbe.de

Misstrauisch und schwer bepackt gingen Prinz Ernst Heinrich von Sachsen, seine Söhne Dedo und Gero und der Revierförster am frostigen 10. Februar 1945 in ihren Wald bei Schloss Moritzburg. Hastig hoben sie Gruben aus, immer wieder schaute man sich um, ob auch keine Zeugen die Arbeiten bemerkten. 43 Kisten verschwanden im Boden.

Als die Rote Armee dann im April auf Schloss Moritzburg einzog, lagen nur knapp einen Meter unter den Stiefeln der Soldaten märchenhafte Schätze.


Der Silberbergbau im Erzgebirge hatte die Wettiner reich gemacht. Und das damals bereits über 800 Jahre alte Geschlecht hatte seinen Reichtum gerne gezeigt.

Ihre extravaganten und exorbitant teurer verarbeiteten Silberschätze stellten die Wettiner im Grünen Gewölbe in Dresden und in der angrenzenden Hofsilberkammer aus. Es wäre ja auch langweilig, wenn man niemanden mit der glitzernden und fein ziselierten Pracht hätte beeindrucken können.

Auch die Revolution von 1918 rüttelte nur kurz an den Besitzverhältnissen.

Der abgedankte König Friedrich August III. rief seinen Untertanen noch ein Verärgertes „Macht doch Eiern Dreck alleene!“ zu – und ließ sich reichlich abfinden. Unter anderem mit Schloss Moritzburg und den unbezahlbaren Stücken aus Grünem Gewölbe und Hofsilberkammer (finanziell ist es also gar nicht so schlecht, in Deutschland bei einer Revolution seinen Thron zu verlieren).

Im Zweiten Weltkrieg wurde dann ein Teil der Schätze der Silberkammer auf die Moritzburg ausgelagert. Mit ihrer Insellage bot diese sich als sichere Schatzkammer geradezu an.

Die Russen hörten natürlich von den sagenhaften Schätzen. Statt das gesamte Gelände umzupflügen, zwangen sie den Revierförster unter Folter, das Versteck zu verraten. Sie wurden fündig und schafften die Kisten 1947 in die Sowjetunion. Große Teile des Wettiner-Goldes liegen heute in den Depots der Eremtitage von St. Petersburg. Aber die Russen fanden nicht alles.

Die sächsischen Hoheiten hatten bei ihrer Buddelei nicht alle Pretiosen an einer Stelle vergraben. Die wertvollsten Stücke des „Schatzes der Sachsen“ (Focus) vergruben die Prinzen etwas abseits. Diese drei schweren Schatzkisten entgingen den Suchtrupps der Roten Armee. Und auch unter der SED-Herrschaft merkte niemand etwas vom Silber- und Goldschatz im Moritzburger Wald.

Die Wettiner Prinzen, inzwischen in Irland/Kanada, wussten wahrscheinlich gar nicht, dass die Russen die wichtigsten Kisten übersehen hatten. Auch nach der Wende machten sie keine Anstalten, nach Resten zu suchen.

Im Oktober 1996 entdeckten dann die Schatzgräber Hanno Vollsack und Claudia Marschner die drei Kisten mit einem Metallsuchgerät. Und sie meldeten den Fund den Behörden. Daraufhin ermittelte erstmal die Staatsanwaltschaft, und die beiden mussten eine Strafe zahlen (jaja, die Ehrlichen sind die Dummen). Vom Hause Wettin gab es wenigstens eine Belohnung.

Der Fund entpuppte sich als 80 Kilogramm schwere Sensation. Darunter waren Hauptwerke europäischer Goldschmiedekunst, ein Silberpokal aus dem 16. Jahrhundert, eine umfangreiche Münzsammlung und Teile des Tafelsilbers Augusts des Starken – der geschätzte Gesamtwert lag bei etwa zwölf Millionen Euro.

Wertvollstes Stück war der Mohrenkopf-Pokal des Goldschmieds Christoph Jamnitzer (1563-1618), ein Hauptwerk der Goldschmiedekunst der Spätrenaissance. Es ist ein Trinkgefäss in Kopfform, dessen Schädeldecke sich abnehmen lässt. Etwas morbide, aber halt im Stil der Zeit. Er steht heute – nicht in Sachsen, sondern mittlerweile – im Bayerischen Nationalmuseum in München.

1997 wurden die Schätze aus den drei Kisten in einer Sonderausstellung Der Schatz der Wettiner. Die Moritzburger Funde in Dresden gezeigt.

Der Schatz der Wettiner. Der Sensationsfund in Sachsen

So ein bedeutender Fund weckt natürlich enorme Begehrlichkeiten – bei den Adeligen, die ihn zu Geld machen möchten – und dem Land, das ihn erhalten will. Das Angebot des Landes Sachsen an die Wettiner, den kompetten Fund anzukaufen, lehnten diese 1999 als zu gering ab – diverse Stücke kamen unter den Hammer. Der Mohrenkopf-Pokal brachte der Familie 3,87 Millionen Euro.

Einige Stücke erwarb das Land dann doch. Sie kehrten ins Grüne Gewölbe zurück. Zur Ehrenrettung der Familie muss gesagt werden, dass diese bei Kunstschätzen auch nicht einig ist, und man sich schon mal „Raffgier“ vorwirft.

Mehr zum endlosen Streit zwischen Land Sachsen und den Wettinern um diverse Kunstschätze, Schlösser & Co. steht bei Archiv.today.net: Die unbezähmbare Gier der Wettiner.

Literatur:
Kretschmann/Syndram, Der Schatz der Wettiner. Der Sensationsfund in Sachsen (Link zu Amazon)

Die ZDF-Doku „Auf der Jagd nach verlorenen Schätzen“ erzählt neben anderen auch die Geschichte vom Fund der drei Kisten des Wettiner-Schatzes – Und wie Prinz Rüdiger von Sachsen sich auf die Suche nach den in Russland lagernden Teilen des Schatzes macht:

Mehr zu sehenswerten Burgen und Schlössern in Sachsen hier im Blog:
Graf Lehndorffs eingemauerter Schatz auf Burg Kriebstein
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Fotos von der Moritzburg: Burgerbe.de (Anklicken zum Vergrößern)



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