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Kasteel Ammersoyen: Vom Pfarrer beim Würfeln gewonnen

Das Kasteel Ammersoyen
Das Kasteel Ammersoyen

Burgen waren nicht nur Verteidigungsbollwerke, sondern im Kriegs- und Krisenfall auch sicherer Fluchtpunkt der umliegenden Bevölkerung. Burg Ammersoyen (niederländische Provinz Gelderland) war dies im Mittelalter ebenso wie noch in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Bei einer katastrophalen Sturmflut öffnete der Besitzer, der Baron de Woëlmont, die Tore für seine Nachbarn. Hunderte drängten sich in den Sälen. Die Großzügigkeit des Barons war für die Adeligen seiner Zeit durchaus nicht typisch. König Wilhelm III., Urgroßvater von Königin Beatrix, kam anschließend jedenfalls persönlich auf die Burg, um sich zu bedanken.



Das Kasteel Ammersoyen ist heute eine der besterhaltenen mittelalterlichen Burgen der Niederlande. Entstanden ist sie um das Jahr 1300.

Während die meisten Burgen aus Geldmangel Stück für Stück errichtet wurden und man an ihnen verschiedene Bauepochen ablesen kann, gibt Ammersoyen ein einheitliches Bild ab. Die Ziegel-Burg wurde „an einem Stück“ gebaut. Der Bauherr aus der Familie Herlaer, muss ein entsprechend wohlhabender Mann gewesen sein.

Das Land um die Wasserburg steht inmitten einer alten Maas-Schleife. Das Flussbett wurde zu Ackerland. Vier mächtige Türme prägen den Bau. Neben der Hauptburg existiert noch eine, ebenfalls vom Wasser umschlossene, Vorburg.

Bekannt ist, dass zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert die Familie van Arkel auf der Burg das Sagen hatte. Belagerungen durch Burgunder (1513) und Spanier (1574) überstand man eingermaßen glimpflich.

Erst ein Großbrand 1590 macht der alten Burg ein Ende. Die angebrannten Balken im Inneren sind zum Teil heute noch sichtbar. Burgherr Georg van Arkel kam bei dem Feuer um.

Überraschenderweise baute die Familie van Arkel die Anlage nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder nach außen hin im mittelalterlichen Stil auf und versuchte keine Renaissanceschloss-Experimente. Waren halt bodenständige Leute… Nur innen leistete man sich natürlich den zeitgemäßen Komfort.

Damit die Franzosen das gerade erneuerte Schloss nicht gleich wieder abbrannten, soll Thomas van Arkel 1672 französischen Truppen 7000 Gulden gezahlt haben. Damit war allerdings kein Geld mehr für weitere Arbeiten am Schloss vorhanden. 1692 starben die van Arkels aus.

Bei der Führung kann man einen Blick in die Aborte tun, sieht Schließfächer in den Wänden und erfährt, dass das Wasser nicht aus dem Burggraben kam (wohin die Plumpsklos sich entleerten), sondern aus einem zehn Meter tiefen Brunnen.

Ein Fenster ist zu sehen, von der die mittelalterlichen Damen die Messe in der (heute zugemauerten) Kapelle verfolgen konnten. Beim Gottesdienst selbst waren sie nicht zugelassen, da man (mann!) der Ansicht war, dass sie sowieso keine Seele hätten.

Der geräumige Rittersaal wird heute für Feierlichkeiten vermietet. Außerdem gibt es ein Trauzimmer. Im Turm werden allerlei Fundstücke gezeigt, die man in den Wassergräben entdeckt hat, in erster Linie Scherben von Geschirr aus Ton und Porzellan, ein paar verrostete Dolche – und jede Menge Tonpfeifen.

Unter dem Teppich eines Turmzimmers verbirgt sich eine Falltür, durch die man in das tiefe Verlies im Untergeschoss des Turms blicken kann. Ein feucht-kalter, wahrhaft gruseliger Ort. Jahrhunderte wurde in dem Raum Recht gesprochen. Und der Verurteilte konnte so ziemlich schnell seiner Strafe zugeführt werden.

Bei der Führung erfährt man, dass Arthur, Baron de Woëlmont, in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts beim Würfel-Spiel an den örtlichen Don Camillo Pastor verloren hat. Das ist allerdings nur eine Überlieferung, für deren Authentizität ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Fakt ist, dass das Schloss 1873 an die katholische Kirche verkauft und zum zweiten Klarissen-Kloster in den Niederlanden wurde.

Die frommen Damen hatten keinen allzu großen Respekt vor der historischen Anlage und ließen 1893 den Wassergraben trockenlegen, darauf einen Anbau mit Kapelle errichten und das Areal mit einer Mauer umgeben.

Leider geriet die Burg 1944/45 in die schweren Kämpfe der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Die Mauern hielten zwar stand, doch Granaten rissen tiefe Löcher ins Mauerwerk. Viele Bürger des benachbarten Ortes Ammerzoden retten sich während der Kämpfe in den Mauern und überlebten so. Erneut – und zum letzten Mal – war die Anlage so Fluchtburg. Eine 150 Meter entfernt stehende Kirche blieb als Ruine und Mahnmal erhalten.

Der Krieg beendete auch die Zeit des Konvents. Die Burg wurde als Gemeindehaus verwendet. Direkt nach dem Krieg wurde glücklicherweise der an die Burg grenzende Anbau abgerissen. Seit 1957 ist die Burg im Besitz der Stiftung „Geldersche Kasteelen“. 1959 begannen die umfassenden Restaurierungs-Arbeiten, die sich 16 Jahre lang hinzogen. Beim Wiederausheben des Wassergrabens stieß man dann auf die besagten Fundstücke.

Seit der Wiedereröffnung 1975 ist die Burg ein Schmuckstück, das man von 10 bis 17 Uhr besichtigen kann (allerdings nur mit niederländischer Führung).

Spuk: Die niederländischen Geisterjäger haben sich sehr viel Mühe gegeben, Geister (bzw. „Kraftfelder“) in der Burg nachzuweisen und dazu einen ellenlangen Web-Artikel verfasst. Sie zeigen dabei viele Fotos diverser Räume, unter anderem Infrarot-Aufnahmen – auf denen ich, außer ein paar stinknormalen, kreisrunden Linsenreflextionen mit Verlaub nichts auch nur entfernt Verdächtiges erkennen kann.

Link: Burgseite auf niederländisch, Burg-Link im NL-Wikipedia.

Lage: Kasteel Ammersoyen, Kasteellaan 1, 5324JR Ammerzoden (NL) – Im Ortszentrum von Ammerzoden ist die Burg ausgeschildert. Die Führung kostet 4,50 Euro für Erwachsene und 2,50 für Kinder.

Fotos: Burgerbe.de


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