Wo die Kreuzfahrer scheiterten: Die Zitadelle von Aleppo


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Majestätisch erhebt sich die größte mittelalterlich-islamische Burganlage des Orients immer noch aus den Ruinen der einst quirligen Altstadt von Aleppo, dem antiken Halab, Schnittstelle von Weihrauch- und Seidenstraße. Durch einen staubigen Graben und den 50 Meter hohen Burghügel mit seinen seltsam die schräg ansteigenden Wänden hält die mächtige Anlage einen gehörigen Abstand zum Sterben in Syriens zweitgrößter Stadt.



aleppo2.jpgEs war ein sehr eigenartiges Gefühl, wenn man aus dem überdachten Souk trat, Händler und Käufer-Gewühl hinter sich ließ – und plötzlich wächst diese wuchtigen helle Riesen-Burg aus dem Boden und füllt das Gesichtsfeld aus.

So haben sie auch die Kreuzfahrer gesehen, die sie nie bezwingen konnten (was die Aleppiner heute noch mächtig stolz macht).

Lange fragten sich Historiker, ob der massige Burghügel wohl natürlichen Ursprungs ist? Die Antwort wurde erst in den letzten Jahren von deutschen Archäologen gefunden, und sie führt 5000 Jahre zurück in die Vergangenheit.

Schon in grauer Vorzeit muss es hier eine Anhöhe gegeben haben. Bei der 1996 begonnenen Grabung stießen die Forscher auf Hinweise auf Tempelbauten aus der frühen Bronzeit (drittes Jahrtausend v. Chr.), der Mittelbronzezeit und einen Wiederaufbau um 1100 v. Chr. als Tempel des Wettergotts Hadad von Aleppo. Aus dieser Epoche wurden einige hervorragend erhaltene Reliefs entdeckt.

aleppo5.jpgDer Hadad-Tempel war eine für damalige Verhältnisse gigantische Anlage, „eine der wichtigsten Kultbauten des alten Orients“, wie es im Bericht der Gerda-Henkel-Stiftung über die Grabung heißt.

Sein Allerheiligstes maß knapp 27 x 17 Meter. Dimensionen, die man nur mit Hilfe von Libanon-Zedern überdachen konnte. Reste von Zedernholz wurden mittlerweile nachgewiesen. Die Anlage muss in gigantischen Brand untergegangen sein.

Noch im 4. Jahrhundert n.Chr. soll dem Gott geopfert worden sein. Auf dem Schutt der zerstörten Tempel entstanden immer wieder neue Gebäude, so dass der ursprüngliche Hügel im Lauf der Jahrhunderte immer größer wurde.

aleppo6.jpgBis zumBeginn des Bürgerkriegs arbeiteten zwei Ausgräber-Teams auf dem Areal – teilweise gegen die Zeit und unter, bzw. gegeneinander. Denn die eine Gruppe interessierte sich für die Reste der islamischen Zitadelle direkt unter der Oberfäche, die andere für den vorzeitlichen Tempel (in sieben Meter Tiefe).

Und beide Grabungsgebiete lagen naturgemäß übereinander, so dass ständig Kompromisse geschlossen und Prioritäten gesetzt werden mussten…

In Aleppo und auf seinem Tempelberg gaben sich die nahöstlichen Großreiche sozusagen die Klinke in die Hand. Die Stadt gehörte zum Reich der Hethiter, Assyrer, Perser oder dem von Mitanni. Immer wieder war es auch selbst Hauptstadt von Staaten, etwa von Jamchad im 19. Jahrhundert v. Chr oder des aramäischen Reichs von Bit Argusi. Und alle Herrscher bauten auf dem Zitadellen-Hügel.

burgberg.jpg333 v. Chr nahm Alexander der Große die Stadt ein. 64 v. Chr. taten es ihm die Römer nach. Auf die Byzantiner folgten dann 637 die Araber und wieder die Byzantiner und wieder die Araber.

Der Berg war immer der wichtigste Punkt der Stadt und wurde entsprechend befestigt. Für die moslemischen Kalifate war Aleppo eine der strategisch wichtigsten Festungen gegen Byzanz und später auch die Kreuzfahrer.

1098 und 1124 standen die Kreuzfahrer vor der Stadt, scheiterten jedoch mit ihrer Belagerung. 1144 löste Aleppos Stadthalter Zengi durch seine Eroberung von Edessa den Zweiten Kreuzzug aus.

aleppo41.jpg1183 setzte Sultan Saladin seinen Sohn Saghir al-Ghâzi als Stadthalter in Aleppo ein. Dieser ließ die Zitadelle ausbauen und zusätzlich von einem 20 Meter tiefen Graben umgeben. Der Graben sollte verhindern, dass die Befestigungswerke so einfach von Belagerern unterminiert werden konnten. Das half zwar gegen die Kreuzfahrer, jedoch nicht gegen die Mongolen, die Stadt und Zitadelle 1260 stürmten und zerstörten (Wiederaufbau der Zitadelle: 1292).

Der nächste Eroberer war dann Timur im Jar 1400. Erst mit der Eroberung durch die Osmanen 1516 trat mal für mehrere Jahrhunderte Ruhe ein. Sie herrschten bis 1918.

aleppo31.jpgIhre jetzige Form bekam die Anlage (auch Qualaat Halab/“Burg von Halab“) genannt) im 15. Jahrhundert durch den Mameluken-Sultan Quansuh Al Ghuri. Er ließ 1507 auch das mächtige Vortor und die Brücke errichten, den einzigen Zugang zur Burg. Keltisch anmutende Reliefs ziehren die Torbögen im Eingangsbereich. Der Sultan sorgte auch für (huf-)eisenbeschlagene Tore.

aleppo_thronsaal.jpgDas Burgplateau ist so groß und gut geschützt, dass es zur Zeit der Kreuzfahrer Raum für eine eigene kleine Stadt bot, deren Reste man heute noch sehen kann. Gut erhalten sind zwei Moscheen, Bäder, der Palast des Sultan Malik al Aziz Mohammed (von 1230) und darin der Thronsaal des Sultans Qait Bey, reichlich geschmückt mit Holzintarsien. Übrigens ein Ort, der in der islamischen Literatur eine wichtige Rolle spielt.

hufe.jpgUnerklärlicherweise hat sich die Stadt vor einigen Jahren entschlossen, ein Amphitheater mitten in die Ruinen zu bauen. Ein unverzeihlicher Wahnsinn. Man hat das kurz vor Beginn des Kriegs auch eingesehen.

Das Grab des Heiligen Georg?
georgsgrab.jpg Ein Stück hinter dem Eingangstor findet sich in einer Nische ein Sarkophag (siehe Foto), der als Ruhestätte des Heiligen Georg (gestorben 303) – ja, des Drachentöters, beschrieben wird. Der Märtyrer wird seit frühislamischer Zeit auch von Moslems verehrt.

Auch die Kreuzfahrer nahmen den im Mittelalter äußerst populären Heiligen und Nothelfer bei der Eroberung Jerusalems 1099 für sich in Anspruch. Aus dieser Zeit stammt auch die Drachentöter-Legende. Und diverse Länder (England, Georgien) sehen in ihm heute noch ihren Schutzpatron.

Da störte es nicht, dass Papst Paul IV. ihn 1969 aus dem Heiligenkalender der Katholischen Kirche entfernen ließ. Schon fünf Jahre später rutschte er wieder hinein. Ein umtriebiger Heiliger also, dem man auf der Zitadelle seine Referenz erweisen kann. Laut Wikipedia liegt sein echtes Grab allerdings im israelischen Lod.

aleppo_ruinen.jpg1157 und 1822 richteten Erdbeben größere Schäden an. 1212 tobte ein verheerender Brand, der die Paläste des 12. Jahrhunderts vernichtete. Sehr schade.

Zur Zeit der französischen Mandatsherrschaft war die Burg unter französischer Kontrolle und wurde von der Stadt aus immer wieder beschossen. Die Spuren sieht man immer noch. Heute kann sie besichtigt werden.

Die Zitadelle zählt – zusammen mit der Altstadt (Medina) von Aleppo – zum Unesco-Welterbe. Im Bürgerkrieg gingen hier mehrfach Granaten nieder, die Schäden sind offenbar massiv.

Links: Einen Überblick über die Zitadelle und andere syrische Festungen bietet Chronico

Fotos: Meine von 2008

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6 Gedanken zu „Wo die Kreuzfahrer scheiterten: Die Zitadelle von Aleppo“

  1. also ich kannte in diesem zusammenhang nur die aleppobeule :-)
    „yes, indeed“ wie sir david lindsay sagen würde!!!

  2. syrien ist das beste land was es gibt findet ihr nicht auch ??????????
    besonders dieses Tempel in aleppo hihihi
    H.e.d.d.d.l

  3. marsden ist genial :)
    vor allen dingen, bei den bergen von burgen, die er besucht hat, bleibt eine gute spur für uns liegen :)

    ok, jan, dann fühl dich mal verlinkt :) wirst dann bei „freunde“ stehen. also nicht wundern 😉

    gruss
    torsten

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