Indiens Rote Forts (2): Delhi Fort – Heimat des gestohlenen Kohinoor


delhi_fort1.jpgDen persischen Plünderern müssen die Augen übergegangen sein, als sie 1739 das erste Mal vor der funkelnden Preziose standen. Eingelassen in den Thron des Mogulkaisers in der mächtigen Festung Lal Quila („Rotes Fort“) in Alt-Delhi strahlte der Kohinoor.

Der „Berg des Lichts“, damals ein Stein von 186 Karat, war der berühmteste Diamant der Welt, um den sich schon rund 5000 Jahre lang Herrscher (und in der Sage) die Götter stritten.

Und den persischen Eroberern fiel er bei der Plünderung Delhis praktisch kampflos in die Hände.


180px-koh-i-noor_new_version_copy.jpgDer Riesen-Klunker bildete das Auge eines Pfauen im Thron von Großmogul Shah Jahan. Der stand ursprünglich im Roten Fort Agra, war von Shah Jahans Sohn Aurangzeb aber kurzerhand ins Rote Fort von Shahjahanabad (Alt-Delhi) mitgenommen worden, der gerade neu gegründeten Hauptstadt.

Dort glitzerte der protzige Thron auf einem Sockel in der marmornen kaiserlichen Privat-Audienzhalle (Diwan-i Khas).

delhi_fort2.jpgShah Jahan hatte die Anlage nach dem Vorbild des Agra Forts in der Rekordzeit von neun Jahren (1639-1648) aus dem Boden stampfen lassen. Sein Sohn und Nachfolger Aurangzeb erweiterte die kaiserliche Residenz durch die Vorwerke an den Toren und den Bau einer Moschee.

Die zinnenbewehrten Mauern mit halbrunden Bastionen versehenen Mauern aus rotem Sandstein erreichen eine Länge von 2,4 Kilometer, sind 18 bis 34 Meter hoch. Die Anlage ist einen Kilometer lang und etwa 500 Meter breit. Noch heute ist das Fort Delhis größtes Bauwerk.

Der direkt am Fort vorbeifließende Yamuna speiste die Wassergräben. Heute hat der Fluss seinen Lauf geändert, und die Gräben sind ausgetrocknet.

delhi_fort_trommelhaus.jpgBetritt man die Anlage durch das Lahore-Tor, kommt man zunächst durch eine Basarstraße auf das frei stehende Trommelhaus (Naqqar Khana, siehe Foto) zu. Hier empfingen die Mogulen Gäste und ließen fünf Mal täglich Musiker autreten.

Östlich davon findet sich eine Rasenfläche und dahinter die öffentliche Audienzhalle.

delhi_fort4.jpgDaran schließen sich Paläste an der östlichen Begrenzung der Festung Paläste an, die von einem in Marmor eingefassten Wasserlauf, Nahr-i Bihisht („Kanal des Paradieses“) verbunden sind.

Heute ist er ebenso trocken wie die Wassergräben. Hier steht auch die private Audienzhalle Diwan-i Khas(Foto rechts, heute leider ohne Thron).

 

Alle grandiosen Wälle und Gräben nutzen 1739 nichts gegen die Perser unter Nadir Schah. Dieser hatte die Mogulen in der Schlacht bei Karnal geschlagen und verlangte nun horrende Kontributionen. Um das Geld einzutreiben, machte er sich mit dem gefangenen Mogul Muhammed Schah nach Shahjahanabad auf.

delhi_fort5.jpgSeine Soldaten plünderten so gründlich, dass die Perser – der Überlieferung nach – drei Jahre lang keine Steuern mehr zahlen mussten. Auch der Pfauenthron und die in die Wäne eingelassenen kostbaren Steine wurden mitgenommen. Die Dachplatten aus Kupfer monierten die Eroberer ebenfalls ab.

Die Einwohner rebellierten gegen die Plünderer: Rund 30.000 Menschen starben, tausende wurden als Sklaven verschleppt.

Der persische Schah war übrigens ein ziemlich paranoider Typ. 1741 ließ er seinen Sohn Reza Quli Mirza blenden, weil er ihn für einen Verschwörer hielt. Sechs Jahre später ermordeten ihn dann seine Generäle. Der Kohinoor – mittlerweile aus dem Pfauenthron herausgebrochen – wanderte daraufhin in die Schatzkammer des Punjab, eines Staats, den Britisch-Indien 1849 annektierte.

Die Britische Ostindien-Kompanie reklamierte das Juwel umgehend als „Entschädigung“ für sich und schenkte es 1850 der jungen Queen Victoria.

bahadur_shah_zafar.jpgDas Rote Fort blieb derweil bis zum Sepoy-Aufstand von 1857 Residenz der Großmogule. Der Einfluss der Moguln war immer weiter zusammengeschrumpft. Der letzte Mogulkaiser Bahadur Shah II. herrschte am Ende als Greis nur noch über die Festung.

Im Mai 1857 ernannten ihn meuternde indische Soldaten im Roten Fort kurzerhand zum nominellen Führer des Aufstands. Der Glorienschein seines Titels wirkte noch nach. Der Mogul ließ es geschehen und segnete die Truppen. Das historische Foto von ihm, das bei Wikipedia zu finden ist, ist wahrscheinlich die einzig existierende Fotografie eines Mogul-Kaisers.

delhi_fort3.jpg52 britische Zivilisten hatten sich vor dem Aufstand ins Rote Fort gerrettet. Bahadur Shah wollte sie schützen. Doch er konnte nicht verhindern, dass Palastbedienstete sie schließlich im Hof des Forts mit dem Schwert hinrichteten.

Der Vorfall lieferte den Briten später den Vorwand für brutale Vergeltung: Etwa das Anbinden von Aufständischen an die Mündung von Kanonen, die bald danach feuerten und die Opfer zerfetzten.

Die Engländer konnten das Blatt innerhalb weniger Wochen wenden. Delhi wurde seit Juni belagert und im September gestürmt. Auch im Roten Fort tobten die Kämpfe. Die Briten siegten.

Den letzten Mogul-Kaiser setzen sie 1858 kurzerhand ab und schickten ihn ins Exil nach Rangun. Einen Nachfolger bestimmten sie nicht. Statt dessen wurde Kohinoor-Besitzerin Queen Victoria Kaiserin von Indien.

delhi_fort_schild.jpgDie Briten besetzten das Rote Fort, zerstörten einige Pavillons und Gärten und nutzten es fast 90 Jahre lang – bis zur indischen Unabhängigkeit – als Kaserne. Den Besatzern folgte die indische Armee, die sich dann 2003 aus dem Komplex zurückzog. Seit 2007 ist das Rote Fort Unesco-Welterbe.

Der von den Persern gestohlene Original-Pfauenthron verschwand übrigens im Lauf der Geschichte. Die persischen Shahs saßen später auf einem Nachbau.

Queen Victoria ließ den Kohinoor (oder Koh-I-Noor) neu schleifen, so dass er heute nur noch knapp 109 Karat wiegt.

Noch in zwei Kronen sollte die Preziose verarbeitet werden: Zur Krönung von Queen Mary 1911 war er zentraler Stein der Krone.kohinoor2.jpg 1937 übernahmen ihn die royalen Goldschmiede in die Krone von Queen Elisabeth, der späteren Königinmutter, besser bekannt als Queen Mum. Bei deren Begräbnis hatte er seinen letzten wirkungsvollen medialen Aufritt. Heute ist er mit den Kronjuwelen im Londoner Tower zu bewundern.

Mal sehen, vielleicht ziert der Feuerberg-Stein ja die Krone eines künftigen König Charles, William oder Harry? Oder Britannien gibt ihn eines Tages zurück, damit er auf seinen angestammten Platz im Roten Fort zurückkehren kann…

Sagen: Speziell um den Kohinoor reihen sich viele Sagen. Auf einer Goldschmiede-Seite habe ich mal eine Übersicht gefunden.

Links/Quellen: Ausführlicher Wiki-Eintrag, Eintrag bei Explore Delhi (engl.)

Fotos: Meine. Das Bild des letzten Mogul-Kaisers stammt aus Wikipedia, Urheberrecht abgelaufen. Das Kronenbild ist ein Screenshot aus dem Tower.


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