rp_wittenberg_schlosskirche1.jpg

Schloss Wittenberg: Kanonen auf Luthers Kirchturm

Der Turm der Schlosskirche überragt Wittenberg / Fotos: Burgerbe.de
Der Turm der Schlosskirche überragt Wittenberg / Fotos: Burgerbe.de

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“, textete Martin Luther 1527. Die erste Zeile dieser kraftvollen „Marseillaise der Reformation“ (O-Ton Heinrich Heine) prangt heute in mannshohen Lettern am 88 Meter hohen Turm der Wittenberger Schlosskirche.

Ursprünglich stand hier eine 1187 erstmals erwähnte Burganlage. Sie bestand allerdings nicht allzu lange. Sachsens erster Kurfürst Rudolf I. ließ hier bereits 1340 ein Schloss errichten.

Aber auch dieses genügte den gehobenen Ansprüchen der mächtigen (und durch den Erzabbau äußerst wohlhabenden) Kurfürsten bald nicht mehr.


Friedrich der Weise ließ daher 1489 das Schloss seiner Ahnen komplett abreißen. Auch die noch in den Bau integrierte Burganlage ließ er niederlegen.

Auf den Grundmauern entstand dann ab 1490 das heutige Schloss. Die Künstler-Prominenz seiner Zeit arbeitete mit, u.a. Albrecht Dürer und Tilmann Riemenschneider.

Die mächtige Schlosskirche vollendete 1506 das Ensemble. Hier bewahrte Friedrich seine europaweit bekannte Sammlung an Reliquien auf, die er erstmal von Lucas Cranach d. Ä. malen ließ .

Noch bekannter wurde das Schloss allerdings durch seine Kirche: Und zwar weil der Theologieprofessor Luther, Prediger an der Stadtkirche St. Marien, hier 1517 seine 95 Thesen an die Tür genagelt haben soll. Ein durchaus üblicher Brauch innerhalb der noch jungen Universität, zu der auch die Kirche seit 1507 gehörte, wenn die Akademiker zu Disputationen einladen wollten.

wittenberg_schlosskirche4.jpg Ob dieser Thesenanschlag überhaupt so stattgefunden oder ob Luther die Thesen einfach per Post an den Erzbischof von Mainz geschickt hat, oder sie vom übel gelaunten Pedell anschlagen ließ, ist unter den Gelehrten umstritten.

Wie auch immer: Die Thesen lösten ein gewaltiges Echo aus, das schließlich zur Reformation führte. Heute erinnern Bronzetafeln am Portal an das epochemachende Ereignis.

Martin Luther und Philipp Melanchthon liegen in der Schlosskirche begraben. Luthers Sarg ist nicht öffentlich zugänglich, wie die Kirchenseite ausdrücklich betont. Es scheint also oft danach gefragt zu werden… Die Seite fügt noch hinzu, dass sich die letzte Ruhestätte des Reformators in 2,40 Meter Tiefe befindet. Sein Grab liegt nahe der Kanzel.

Die Bedeutung des Schlosses sank mit dem Tode Friedrichs des Weisen. Torgau war nun Hauptstadt der Kurfürsten. Die Kirche wurde nun eher militärisch wichtig: Im Schmalkaldischen Krieg wurden die Dächer der Türme von Schloss- und Stadtkirche abgebaut, damit hier oben Kanonen aufgestellt werden konnten. Wie das klingt:

Kanonen auf Luthers Kirchturm!

wittenberg_schlosskirche5.jpg

Es sollte nichts nutzen. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Mühlberg mussten die Protestanten aufgeben. Kurfürst Johann Friedrich wurde verletzt gefangengenommen. Wittenberg ergab sich den Truppen Kaiser Karls V., die drohten, den Gefangenen hinzurichten.

Der Kaiser besuchte daraufhin die Schlosskirche. Streng katholische Berater empfahlen ihm, gegen den seit einem Jahr hier begrabenen Luther die Ketzerstrafe auzusprechen und die Leiche des Reformators öffentlich verbrennen zu lassen.

Doch der Kaiser folgte dem Impuls  nicht, sondern sprach am Grab Luthers den berühmten Satz: „Ich führe Krieg gegen Lebende, nicht gegen Tote“. In der Wittenberger Kapitulation musste der gefangene Johann Friedrich 1547 schließlich auf die Kurfürstenwürde verzichten, die an seinen Bruder Moritz ging.

Im 18. und 19. Jahrhundert schafften es die Preußen dann gleich zwei Mal Kirche und Schloss in Brand zu schießen. Zunächst bei ihrem Angriff im Siebenjährigen Krieg. Die Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder. Wittenberg verlor so einen Großteil seiner Kunstschätze – auch die „Thesen-Tür“ verbrannte. Den napoleonischen Truppen fiel Wittenberg kampflos in die Hände.

schlosskirche_wittenberg_inside.jpgIn den Befreiungskriegen eroberten preußische Truppen die Stadt an der Elbe 1814 von den Franzosen zurück. Am Schloss wurde schwer gekämpft. Die Kirche ging in Flammen auf.

Die Sieger (Wittenberg gehörte seit 1815 zu Preußen) machten das Schloss anschließend kurzerhand zur Kaserne.

Ihre heutige Einrichtung erhielt die Schlosskirche Ende des 19. Jahrhunderts nach historischen Aufzeichnungen. Auf dem Stumpf des alten Kirchturms entstand der heutige, stadtbeherrschende 88 Meter-Turm.

wittenberg_stadtkirche.jpgIm Zweiten Weltkrieg kamen die Gebäude weitgehend unzerstört davon, und auch die DDR traute sich nicht, die Gedenkstätten der Reformation zu planieren. Auch die Stadtkirche St. Marien mit ihren Doppeltürmen existiert noch (Foto rechts).

Im Schloss befinden sich heute das stadt- und naturgeschichtliche Julius Riemer-Museum und eine Jugendherberge.

Wegen Bauarbeiten ist der Turm der Schlosskirche voraussichtlich bis Ostern 2008 leider nicht zugänglich.

Spuk & Co. auf Schloss Wittenberg:
Eine Weiße Frau soll zu mitternächtlicher Stunde im Schloss umgehen. Der Sage nach sollte man ein Versprechen, das man ihr gibt, auf jeden Fall einhalte, da ansonsten tödliche Konsequenzen drohen.

Links: Wikipedia-Eintrag und Homepage der Schlosskirche, außerdem: Schlosskirchen-Eintrag bei Kirchengucker.de

Lage: Schlossplatz, 06886 Wittenberg

Fotos: Burgerbe.de

 

Und hier noch eine musikalische Erinnerung an Martin Luther:

Fotos: Meine (zum Vergrößern Anklicken). Innenaufnahme: Wikipedia/Gancho



Ein Gedanke zu „Schloss Wittenberg: Kanonen auf Luthers Kirchturm“

  1. Schönes Foto von der Coswiger Straße, noch schöner wäre es, stünde die Schloßkirche im Lot. Pisa soll Pisa bleiben, wenn Wittenberg Wittenberg bleibt.

Kommentar verfassen