Honburg: Computermodell lässt Tuttlingens Wahrzeichen neu erstehen


05_schloss_final_0200.jpgDas Dumme an Burgruinen ist, dass man sich das einst prächtige Gesamtbild der Anlagen kaum vorstellen kann.

Ein paar efeuumrankte, bröckelnde Mauern, gähnend leere Fensteröffnungen und ein einsames Kaminsims aus Sandstein. Das ist dann häufig alles, was nach Jahrhunderten von der einstigen Schönheit geblieben ist.

Zum Glück gibt es Computersimulationen. Und die werden immer besser…

Mit der geballten Rechenkraft von bis zu 50 PCs der Stuttgarter Hochschule der Medien haben die damaligen Studentinnen Petra Riesemann und Cornelia Egger für ihre Diplomarbeit die Burg Honberg, Wahrzeichen der schwäbischen Stadt Tuttlingen, wieder auferstehen lassen.



Heraus kamen viele eindrucksvolle Bilder und ein professioneller, sechsminütiger Kurzfilm über die südlichste Festung Württembergs. Diese reine Computersimulation kann man sich auf Ihrer im Rahmen der Arbeit angelegten Honburg-Homepage anschauen.

Die Illustrationen in diesem Artikel sind Einzelbilder aus dem Film. Außerdem haben die Studentinnen noch eine neunminütige Dokumenation über die heutige Ruine online gestellt.

honburg_saal.jpgMir hat speziell der Computerfilm ausgesprochen gut gefallen: Anschaulich, schlüssig und detailreich. Auch das Knarzen der Bohlen und das Quietschen der Türen wurde nicht vergessen, wenn die Kamera sich auf die virtuelle Reise durch die Gemäuer begibt.

Ich hoffe, die Filme werden auch an den umliegenden Schulen gezeigt…

Geschichte:
Die Burg auf dem Honberg war eine der letzten deutschen Burgen überhaupt. Errichtet wurde sie erst um 1460 von Graf Eberhard V. als württembergische Landesfestung zum Schutz der südlichen Landesgrenze und des Donau-Übergangs.

Sie bestand aus Wohnschloss und vorgelagertem Sammelplatz, der Platz für die Zelte von bis zu 2000 Soldaten bot. Dieser war von einer Wehrmauer mit Türmen umgeben.

Entlang der Mauer führte ein Wehrgang mit reichlich Schießscharten in alle Richtungen (Baugeschichte als PDF). Das Ganze war noch durch Gräben gesichert. Vor dem Wohnschloss stand noch eine Extra-Mauer mit Wassergraben. Einer der massigen Türme des Schlosses diente als Zisterne. Von allen Etagen aus ließen sich Eimer in das Reservoir im Keller hinablassen. Eine gute Idee.

Alles in allem eine State-of-the-art-Festung des 15. Jahrhunderts.

honburg_finale.jpgBereits 1679/80, in der Friedinger Fehde, dient die Honburg erstmals als Truppensammelplatz der Württemberger.

Auch im Schweizer- (bzw. Schwaben-) Krieg nach der Lossagung der Eidgenossenschaft 1499 vom Heiligen Römischen Reich lagen 2000 Knechte mit zehn Hakenbüchsen unter Graf Wolfgang von Fürstenberg in der Festung. Die Burg wurde jedoch nicht in die Kampfhandlungen einbezogen.

Nach der Absetzung und Ächtung von Herzog Ulrich von Württemberg 1518/19 fiel Tuttlingen mitsamt Burg für einige Jahre an Habsburg. Nach dem Friedensvertrag von Kaaden erhielt sie der Herzog 1534 jedoch zurück. Der Merian-Stich (Bild unten) stammt etwa aus dieser Zeit.

In der Anfangszeit des Dreißigjährigen Krieges konnte sich die ziemlich heruntergekommene, aber dennoch starke Festung gut behaupten. Erst 1633 brannte sie bei der Vertreibung der Österreichischen Besatzung durch die Württemberger nieder und war danach unbewohnbar.

tuttlingen-merian.jpgDurch die Schlafmützigkeit einer französischen Besatzung in der Endphase des Krieges kamen die Überreste der Burg Honberg dann um eine Belagerung herum.

Im November 1643 lag die französische Armee in Tuttlingen im Winterquartier, als sie von einem Angriff der kaiserlichen Reiterei unter Jan von Werth völlig überrascht wurde („Schlacht bei Tuttlingen„).

Einer der vielen Angriffe, die den legendären Ruf des Neusser Reitergenerals als „Franzosenschreck“ begründeten.

Nachdem die Angreifer handstreichartig die Kanonen der Franzosen in ihren Besitz gebracht hatten, konnten sie Stadt und Burgberg in einem schnellen Angriff nehmen. Besonders der Fall der Burg verblüffte die Zeitgenossen.

7000 Soldaten nebst ihrem Oberbefehlshaber Josias Rantzau, späterer Marschall von Frankreich, gerieten in Gefangenschaft. Nur die französische Reiterei konnte sich retten.

tuttlingen-ruine-honberg-1911.jpgDanach verfiel die Anlage weiter. Tuttlinger Bürger nutzten sie als wohlfeilen Steinbruch. Speziell nach einem Stadtbrand 1803 erwiesen sich die Steine der Burg als willkommenes Wiederaufbau-Material.

1883 und 1893 wurden dann Zinnen- und Haubenturm wieder aufgenaut, was der Honburg ihr heutiges Aussehen gibt.

Spuk & Co.:

Im Zinnenturm der Honburg geht der Sage nach noch heute der Geist des geizigen „Kischtä-Männles” um. Der Sage nach soll es sich um einen geldgierigen Vogt handeln, der zu Lebzeiten die Bevölkerung ausgepresst hat und seine Gefangenen leiden ließ.

burgruine_honberg_web.jpgAuf seiner Geldkiste im untersten Verlies sitzend, soll ihm dann eine zugeschlagene Tür zum Verhängnis geworden sein. Die ließ sich von innen nämlich nicht mehr öffnen.

Er war nun selbst gefangen und musste trotz Goldschatz verhungern. Nun geht er also bis heute um und versucht Armen Geld zu geben, um erlöst zu werden. Da er aber immer noch geizig ist, will das nicht so recht klappen. Blöde Situation…

Quellen/Links: Mehr zum Projekt der Studentinnen in einem Artikel der Schwäbischen Zeitung.

Eine äußerst ausführliche Darstellung der Burg-Geschichte findet sich auf der Seite von Dr. Rainer Knoerle.

Lage:Honburg, Am Honberg, 78532 Tuttlingen

Fotos: Drei Computer-Bilder von der Burg-Homepage, mit freundlicher Genehmigung der Erstellerinnen. Der Stich stammt von Merian (16. Jahrhundert). Das Urheberrecht der Postkarte von 1911 ist verfallen. Foto Ruine: Wiki/Sebastian Kirschberg.



Ein Gedanke zu „Honburg: Computermodell lässt Tuttlingens Wahrzeichen neu erstehen“

  1. „Das Dumme an Burgruinen ist, dass man sich das einst prächtige Gesamtbild der Anlagen kaum vorstellen kann“

    Das stimmt, das mit der Computer-Simulation finde ich sehr interessant. Danke für den Hinweis, werde ich mir später mal anschauen.

Kommentar verfassen