Schloss Wolfsburg und die Stiftung des „reichen Hans“


Schloss Wolsburg
Schloss Wolfsburg

Zu den langlebigsten Dingen, die Menschen so produzieren – neben Baudenkmälern, Literatur und Kunst -, zählt der Müll. So sehen das zumindest Archäologen, die in den Hinterlassen- schaften verflossener Generationen herumstochern.

Gerade das niedere Volk, über dessen Situation kaum schriftliche Quellen stichhaltige Auskünfte geben, teilt uns in seinen Abfallgruben so einiges mit.



Bei Ausgrabungen in Schloss Wolfsburg stieß man auch auf so einen Müllhaufen, genauer gesagt auf ein ehemaliges Abort (ca. 18. Jahrhundert). Den Fund kann man jetzt im Wolfsburger Stadtmuseum, in der Remise neben dem Schloss, in Augenschein nehmen.

Keine Angst, wer die entsprechende Schublade aufzieht, braucht nicht befürchten, unter dem Glas auf etwas Unappetitliches zu stoßen. Dort liegt nur ein Sammelsurium von weißen Tonpfeifen, so ähnlich wie die, die an St. Martin den Weckmännern mitgegeben werden.

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Das mit der Schublade ist ganz witzig, hat man doch so den Eindruck, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Schlau, diese Museumspädagogen. Im ersten Stock findet sich noch ein Raum mit Zeugnissen der Zwangsarbeiter aus dem gegenüberliegenden VW-Werk.

Außer dem Museum (neben dem Schloss) gibt es im Schloss noch die städtische Galerie. Wer schlau ist, kauft sich die Kombikarte. Die sieht nett aus, und man kann sich gut damit fotografieren.

Zur Geschichte:

Schloss Wolfsburg (etwas bearbeitet)
Schloss Wolfsburg (etwas bearbeitet)

Im 13. Jahrhundert entstand auf dem Gelände an der Aller zunächst ein hölzerner Wohnturm, um die Besitzungen der Familie v. Bartensleben zu sichern (erste Erwähnung der Anlage: 1302). Daraus entwickelte sich ein 23 Meter hoher Bergfried mit ca. 2,5 Meter dicken Mauern, der heute Teil des Schloss- ensembles ist.

Auf dem Foto ist er als fensterlose Fassade ohne Giebel in der rechten Bildhälfte zu erkennen. Sein Eingang lag hofseitig in 12,50 Meter Höhe (heute ein Fenster). Der Wolf in „Wolfs“burg stammt übrigens aus dem Wappen besagter Familie.

Die zunächst hufeisenförmige Anlage, bis zur Aller-Regulierung 1840 von Wasser umflossen, gehörte zu einer Burgenkette, die sich längst der Flüsse Aller, Ohre und Speetze bis an die Elbe bei Wolmirstedt erstreckte. Sie wurde Zentrum der Bartenslebischen Herrschaft.

Schon früh (1437) ist von Kanonen in ihren Mauern die Rede. Knapp 30 Jahre später trug sie dennoch erheblichen Schaden davon, als die v. Bartenslebens sich mit dem Herzog von Lüneburg herumstritten.

Mit der Zeit erschien die Wasserburg der Familie nicht mehr repräsentativ genug. Hans „der Reiche“ von Bartensleben (1512-1583), im Getreidehandel zu Geld gekommen, begann damit, die Burg im 16. Jahrhundert zum Renaissance-Schloss umzubauen. Ihre heutige Form erhielt die geschlossene, vierflüglige Anlage allerdings erst 1620, lange nach seinem Tod. Das Schloss ist der nordöstlichste Vertreter der Weserrenaissance. Der alte, schmucklose Bergfried passte da nicht mehr so ganz ins Bild, wurde aber kurzerhand als Gefängnisturm weiter genutzt.


Schloss Wolfsburg: Das prächtige Portal
Schloss Wolfsburg: Das prächtige Portal

Der reiche Hans zeichnete sich in den stürmischen Reformationsjahren durch eine erstaunliche Glaubenstoleranz aus. Per Vertrag garantierte er der eigenen Familie und sogar dem Gesinde die freie Religionswahl.

1581 rief er eine üppig ausgestattete Stiftung zugunsten Armer und Kranker ins Leben, die bis 1919(!) Bestand haben sollte. So ziemlich die sinnvollste Einrichtung, die ein norddeutscher Adeliger je zustande gebracht hat.

Den Dreißigjährigen Krieg überstand die Burg einigermaßen glimpflich. Lediglich der Westflügel wurde zerstört. Dieser Umstand lag allerdings nicht an der Toleranz der Familie, sondern schlicht daran, dass die Gebäude ständig von einer der beiden Seiten besetzt waren, der Wechsel aber kampflos vonstatten ging.

Der Bergfried von Schloss Wolfsburg
Der Bergfried von Schloss Wolfsburg

Den schwedischen Truppen gefiel es im Schloss jedoch so gut, dass sie nach dem Friedensschluss nicht so recht abziehen wollten. Auf Anweisung der Landesherren wurden daraufhin die Befestigungen der Wolfsburg vor den Augen der Besatzer geschleift, bis diese sich schließlich 1650 bequemten, die Anlage zu räumen.

Die schlauen Herren von Bartensleben schafften es danach jedoch innerhalb von sechs Jahren, die Mauern wieder aufzurichten und das Schloss erneut wehrhaft zu machen.

Nach dem Erlöschen der Familie ging ihr Besitz mitsamt Schloss 1746/47 an das Geschlecht derer von der Schulenburg über. Ihr Wolfsburger Zweig machte das Schloss 200 Jahre lang zu seinem repräsentativen Sitz. Um 1750 legte Gebhard Werner von der Schulenburg an der Nordseite des Schlosses einen barocken Lustgarten an.

wolfsburg_gewoelbe.jpgDer NS-Staat enteignete große Teile der gräflichen Besitzungen, um darauf das Volkswagen-Werk zu errichten. 1943 erwarb die Stadt (die damals „Stadt des KdF-Wagens“ hieß) das Schloss für 560.000 Reichsmark.

Nach einer kurzen Zeit unter niedersächsischer Landesherrschaft gehört Schloss Wolfsburg seit 1961 der nun gleichnamigen Stadt. Es wird als kulturelles Zentrum genutzt, einige Säle kann man mieten. Geführte Rundgänge gibt es nur auf vorherige Anfrage.

Spuk & Co.:
wolfsburg_seite.jpg So einige Geschichten sind vom Spuk im Schloss überliefert. Als ein Nachfolger von Hans dem Reichen mit dem Stiftungs- gedanken brechen und am Todestag des Patrons keine Witwen und Waisen beschenken wollte, soll es so furchtbar zu spuken begonnen haben, dass man den Brauch eiligst wieder aufnahm.

Eine andere Geschichte handelt von einer weiß verschleierten Frau, die stets auftauchte, wenn Unheil anstand. Den Schleier soll sie getragen haben, weil sie sich das Gesicht mit Substanzen verätzt hatte, die ihr die ewige Jugend bringen sollten.

wolfsburg_wappen.jpgIm Nordflügel soll der Geist eines Jesuitenpaters spuken, der vergeblich versucht haben soll, einen der protestantischen Schlossherrn vom Katholizismus zu überzeugen. Kennzeichen des Geistes: Besonders haarige Hände.

Einer der Grafen soll sich sogar vor Schreck in den Fuß geschossen haben, weil er einen Moment lang glaubte, den Mönch vor sich zu haben.
(Quelle zum Spuk: Newsklick.de, Regional-Portal u.a. der Wolfsburger Nachrichten)

Ansonsten gibt es an historischen Gemäuern in Wolfsburg noch die Wasserburg Neuhaus und Schloss Fallersleben mit dem Hoffmann-von-Fallersleben-Museum zu sehen.

Quellen: Ausführlicher Eintrag zu Schloss Wolfsburg bei Wikipedia. Weitere Informationen bei Wolfsburg.de: Teil 1 und Teil 2.

Lage: Schlossstr. 8, 38448 Wolfsburg

Fotos: Burgerbe.de
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Winterliche Impressionen von Schloss Fallersleben in Wolfsburg (fertiggestellt 1551)



7 Gedanken zu „Schloss Wolfsburg und die Stiftung des „reichen Hans““

  1. Ja, da geht es Dir so, wie vielen Besuchern des Schlosses Wolfsburg!
    Ich habe die Schlossgeschichte als Wissenschaftler erforscht und besitze viele bisher noch unbekannte Informationen über das Schloss, von denen nur ein kleiner Teil bisher bekannt sind.
    Manches davon berichte ich in den Vorträgen „Geschichten unterm Kutschenrad“, in der Gaststätte Wolfsburger Schlossremise (1. Mittwoch im Monat, 18.30 Uhr) – mal auf die Presseankündigungen achten!
    Außerdem besitze ich ein umfangreiches Archiv mit einigen hundert Fotos von der Wolfsburg bevor die Graf von der Schulenburg vertrieben worden sind.
    Und Führungen mache ich auch zu zahlreichen Schlossthemen.

    Freundlichen Gruß

    Peter Steckhan M.A.
    (Historiker / Kunsthistoriker)

  2. hallo,ich finde es ´ziehmlich scheisse das das schloss für so ein scheiss genutzt wird bzw kunst,ausstellungen ….
    ich finde das das schloss sprich die räume so bleiben sollten wie sie waren und das man dann führungen macht so wie in transilvanien das schloss….ausserdem weiss jemand ob es führungen durchs schloss gibt beispiel durch die keller räume und die kerker wo man sonst nicht einfach alleine rein kommt´???

    1. @hariet Es gibt keine Kerker! Es wurde vom Rat der Stadt beschlossen, daß dort Kunst ausgestellt wird! Informiere Dich doch bitte vorher, bevor Du solche Ausdrücke verwendest.

    2. @hariet Du solltest mal die Geschichte des Schlosses „studieren“: die von der Schulenburg sind nach dem Krieg „ausgezogen“ und haben ihre Möbel mitgenommen. So einfach ist das. Die Räume des Schlosses sind so wie sie waren. Nur die Möbel fehlen halt. Und nebenbei sei noch erwähnt: es gibt sehr viele Menschen denen Kunst etwas gibt, daß solltest Du nicht so abwertend beurteilen. Wenn Kunst nicht Dein Ding ist, ist es auch in Ordnung. Für die Kunst, die im Schloss ausgestellt wird, ist dasselbige über die Grenzen des Landes hinaus sehr bekannt!

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