Kaiserpfalz Kaiserswerth: Entführung eines kleinen Königs

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Die Kaiserpfalz Kaiserswerth am Rhein im Norden von Düsseldorf

Die beschauliche Ruine der Kaiserpfalz im Norden von Düsseldorf war vor gut 950 Jahren Schauplatz eines Staatsstreichs. Das ganze ähnelte dem Szenario eines Actionfilms.

Der minderjährige König Heinrich IV. (der spätere Canossa-Heinrich) weilte im April 1062 zusammen mit seiner Mutter in der damals neu errichteten Pfalz auf einer Rheininsel.

Gerade war ein Festmahl mit dem Kölner Erzbischof Anno II. zu Ende gegangen. Der Bischof hatte ein prächtiges Schiff direkt an der Burg anlegen lassen, und dem zwölfjährigen König davon vorgeschwärmt.

Der junge Salier war natürlich neugierig, das Gefährt näher in Augenschein zu nehmen. Man ging an Bord, und die Dramatik entfaltete sich.


Lassen wir mal den zeitgenössischen Chronisten Abt Lampert von Hersfeld zu Wort kommen:

Kaum aber hatte er das Schiff betreten, da umringten ihn die vom Erzbischof angestellten Helfershelfer, rasch stemmen sich die Ruderer hoch, werfen sich mit aller Kraft in die Riemen und treiben das Schiff blitzschnell in die Mitte des Stroms.

Der König, fassungslos, dachte nichts anderes, als dass man ihm Gewalt antun und ihn ermorden wolle, und stürzte sich kopfüber in den Fluss, und er wäre in den reißenden Fluten ertrunken, wäre dem Gefährdeten nicht Graf Ekbert nachgesprungen und hätte er ihn nicht mit Mühe und Not aufs Schiff zurückgebracht. (zitiert nach Wiki)

Die Kaiserpfalz-Ruine in Kaiserswerth
Die Kaiserpfalz-Ruine in Kaiserswerth

Nachdem die Entführer von Heinrichs Mutter die Herausgabe der Reichsinsignien erpresst hatte, konnten Anno und seine Verbündeten drei Jahre lang das Reich regieren. Dann wurde der junge König mit 15 für volljährige erklärt und konnte bei der Schwertleite nur mühsam davon abgehalten werden, die Klinge sofort gegen den verhassten Erzbischof zu führen.

Heinrich kam nur noch ein weiteres Mal nach Kaiserswerth: Zu einer Fürstenversammlung im Jahr 1101. Aber nur kurz. Wer will es ihm verdenken?

kaiserswerth3.jpgAufgrund der schlechten Quellenlage bleiben die Motive der Entführer im dunkeln. Man kann aber davon ausgehen, dass sich der „Königsraub von Kaiserswerth“ in etwa so abgespielt hat, wie Lampert von Hersfeld es beschreibt. Anno II. ist 1183 übrigens heilig gesprochen worden. Seine Anrufung soll gegen Gicht helfen…

Schon um 700 befand sich auf einer künstlich von der Rheininsel Kaiserswerth abgetrennten Insel ein durch Wall und Palisaden geschützter fränkischer Hof. Der Mönch Suitbertus gründete hier in diesem Jahr ein Kloster. Aus dem Hof entwickelte sich die spätere Zollfeste. 1016 wird hier erstmals eine Burg erwähnt, die König Heinrich III. (der Vater des entführten Heinrich) zur Pfalz erweitern ließ.

kaiserswerth5.jpgDie Ruinen, die man heute sieht, stammen in erster Linie von der mächtigen Zollfeste, zu der Kaiser Friedrich Barbarossa die Anlage Ende des 12. Jahrhunderts ausbauen ließ. Es entstand ein dreistöckiges Pallas, ein starker Bergfried und eine Umfassungsmauer. Die Burgmauern waren bis zu 4,5 Meter dick (Bergfried). An besonders gefährdeten Stellen wurde Trachyt vom Drachenfels (bei Königswinter) verbaut. Diese Mauern waren für damaliges Krigesgerät praktisch nicht zu knacken(1). Der Kaiser selbst hielt hier nur einmal kurz Hof, und zwar 1158.

Die Inselburg erwies sich als recht belagerungsresistent. Fünf Mal versuchte Graf Adolf III. von Berg 1214/15 seinen hierkaiserswerth6.jpg eingekerkerten Freund, den Bischof von Oldenburg, zu befreien. Es klappte erst, nachdem man den künstlichen Rheinarm vor der Pfalz mit Hilfe eines Damms trocken gelegt hatte und die Festung so von der Landseite angreifen konnte. Für 300 Jahre war die Pfalz keine Insel mehr.

1247 brauchte Graf Wilhelm von Holland (Gegenkönig des Staufers Friedrich II.) ein ganzes Jahr, um die Burg zu erobern. Da die Einnahme im Sturmangriff und das Schlagen einer Bresche nicht möglich waren, hungerte er die Besatzung aus, die sich schließlich ergab.

Bis 1424 wechselte die Burg ständig den Besitzer, dann kam sie – für 100.000 Gulden – zu Kurköln. Für 300 Jahre. Damit waren Pfalz und Stadt eine kurkölnische Enklave im Herzogtum Berg. Bischof Salentin von Isenburg ließ sie in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts weiter ausbauen. Rund um Kaiserswerth und Pfalz wurden Bastionen angelegt, der trockene Rheinarm wurde wieder geflutet. Kennzeichen des frühneuzeitlichen Bergfrieds war eine große Uhr, die den Rheinschiffern die Zeit anzeigte.

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Die Kaiserpfalz um 1630. Quelle: Wiki

In den folgenden Kriegen war die strategisch wichtige Enklave mitsamt Pfalz immer wieder umkämpft. Mehrfach wechselten die Besatzungen. 1636 belagerten hessische Truppen die Burg und stürmten sie schließlich. 1689 beschossen brandenburgische und münsterische Truppen die französische Besatzung der Burg im Pfälzer Erbfolgekrieg. Die Anlage wurde stark beschädigt und wie so viele Burgen während dieses Krieges praktisch zur Ruine.

Viel schlimmer kam es 1702 im Spanischen Erbfolgekrieg. Brandenburger, Niederländer und Engländer belagertenkaiserswerth4.jpg Kaiserswerth, unterstützt von Johann Wilhelm („Jan Wellem“) Pfälzer Kurfürst und Herzog von Jülich-Berg. Tausende Kanonenkugeln und Sprengladungen krachten in Stadt und Burg. Die Franzosen kapitulierten nach neun Wochen.

Der siegreiche Jan Wellem ließ Bergfried und Pallas in mehrern Schritten sprengen. Einige Trümmerteile kann man heute noch bein Niedrigwasser im nahen Rheinbett sehen. Die Bürger des zerstörten Kaiserswerth nutzten die Ruine nun als willkommenen Steinbruch.

Noch in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden Teile der Anlage planiert(2). Die Allee auf einem Hochwasserdamm, die an der Burg vorbeigeführt wurde, schneidet zudem quer durch das ehemalige Burggelände.

kaiserswerth7.jpgAb dem Jahr 1900 konnte der rheinische Provinzialkonservator Paul Clemen die Anlage durch sein Engagement vor weiterem Verfall bewahren. Die Nazis machten die Ruine zur „Weihestätte“ mitsamt ewiger Flamme am höchsten Punkt.

Nach mehrfachen Sanierungsarbeiten ist die Ruine nun jedes Jahr von Ostern bis zum 31. Oktober öffentlich zugänglich. Über Treppen kommt man bis in den „ersten Stock“ der Anlage. Immerhin sind die erhaltenen Mauern noch 14 Meter hoch. Von oben hat man einen veritablen Ausblick auf den Rhein.

Eine Besonderheit ist ein etwa neun Meter hoher Rundkörper im südlichenTurm, der auf den ersten Blick wie die Ummantelung einer Wendeltreppe wirkt. Tatsächlich sind das die Reste einer Regenwasserreinigungsanlage. Das Wasser floss durch eine Sandschicht in eine Zisterne und konnte so als Trinkwasser genutzt werden (auf Foto 2 und im Video jeweils links zu erkennen). Ganz schön pfiffig.

Längst ist Kaiserswerth keine Insel mehr. Durch die schweren Zerstörungen von 1702ff und die Abräum- unjd Straßenbauarbeiten des 19. Jahrhunderts ist es heute sehr schwer, sich vorzustellen, wie kolossal die von ihrem mächtigen Bergfried überragte Kaiserpfalz am Strom einmal gewirkt haben muss.

Lage: Burgallee, 40489 Düsseldorf

Quellen/Literatur: Der Wikipedia-Eintrag ist hilfreich. Im 2004 erschienen Band Krieg und Frieden in Düsseldorf gibt es zwei interessante Aufsätze zur Kaiserpfalz:

  • Jörg Engelbrecht, „Daß schloß aber ist totaliter ruinirt gewesen“, S. 121ff (Anmerkungen 1,2) und
  • Paul Clemen, Kaiserswerth – Untersuchung, Ausgrabungen und Sicherung der Hohenstaufenpfalz, S. 139ff

Fotos: Von mir



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